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Red Road

Die Augen von Glasgow

Kinostart: 17.7.2008 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Täglich sitzt Jackie vor einer Wand aus Monitoren und blickt hinaus in die Welt. Man könnte sie auch als eine Erfüllungsgehilfin von Orwells "Big Brother" bezeichnen, denn Jackie arbeitet für die Sicherheitsfirma City Eye, die im Auftrag der Stadt Glasgow so genannte Problemkieze überwacht. Mit der Hand am Joystick erstellt Jackie ihren eigenen Film: zoomt in Bürofenster, beobachtet Passanten, verfolgt Menschen mit Hilfe des dichten Netzes von CCTV-Kameras durch die Stadt. Und doch entspricht sie so gar nicht dem Bild eines autoritären Kontrollcharakters; manchmal huscht ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht, wenn sie zum Beispiel einer Reinigungskraft nachts beim Tanzen zusieht. Die Monitore sind Jackies Weg, mit der Außenwelt in Kontakt zu treten – außer gelegentlichen Quickies mit einem verheirateten Kollegen. Sonst erfährt man wenig über die junge Frau, die außerhalb ihres Monitorraums kein Privatleben zu haben scheint.

Das Leben der anderen

Die britische Fernsehdarstellerin Kate Dickie spielt Jackie mit einer bewundernswerten Reserviertheit. Man ahnt früh, dass etwas mit Jackie nicht stimmt, wenn sie sich mit kurzen Seitenblicken immer wieder Gesprächen entzieht oder sich im Umgang mit anderen förmlich in sich zurückzieht. In Dickies schmalem, auf unscheinbare Weise hübschem Gesicht sind diese Emotionen nicht mehr als minimale tektonische Regungen, doch aus ihrer Mimik und Gestik spricht allzu deutlich eine sanfte Abwehrhaltung. Einmal tritt sie nach der Arbeit aus ihrem Kontrollraum und stellt sich für einige Minuten neben einen älteren Mann, den sie täglich von ihrem digitalen Hochsitz aus beobachtet. Man spürt den Versuch einer Kontaktaufnahme, aber es bleibt bei nicht mehr als dieser kurzen anonymen Intimität.

Andrea Arnolds Debütfilm "Red Road" hat eine sehr zeitgemäße Metapher für die menschliche Entfremdung in der Stadt gefunden. Das muss gar nicht überraschen, schließlich gehören die britischen Metropolen zu den Siedlungsgebieten mit der weltweit höchsten Dichte an Überwachungseinheiten. Orwells "Big Brother" ist hier längst kein Bedrohungsszenario mehr, sondern eine Alltäglichkeit. Der Glasgower Sozialkomplex an der titelgebenden Red Road bekommt hier als sozialer Brennpunkt zusätzliche Brisanz. Arnold, die selbst in einem heruntergekommenen Stadtteil Londons aufgewachsen ist, hat einen schönen Blick für die Desolation der Straßenzüge, ohne in ihnen den Glamour des Kaputten finden zu wollen. Stattdessen zeigt sie die Bewohner/innen dieser Kehrseite des westlichen Wohlstands in ihrer gebrochenen Würde – und manchmal auch in ihrer Unfähigkeit, die politischen Umstände ihrer Existenz überhaupt zu reflektieren. Einer dieser Menschen ist der gerade aus dem Gefängnis entlassene Clyde (Tony Curran), der zusammen mit seinem Freund Stevie mit dessen junger Freundin in einem Hochhaus am Rande der Red Road wohnt.

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Jackie hat Clyde eines Nachts auf ihren Monitoren entdeckt. Die Beobachtung versetzt ihr einen Schock, der tief aus ihrer Vergangenheit herzurühren scheint. Sie beginnt eine unerklärliche Obsession für das Leben des Mannes zu entwickeln, Schritt für Schritt verfolgt sie seine Bewegungen über die Monitore. Auf der Arbeit entwendet sie Videoaufzeichnungen, um diese zu Hause eingehend zu studieren. In ihren Aktivitäten kommt die erotische Komponente der Überwachungsarbeit deutlich zum Tragen; sie scheint die Instinkte einer sexuellen Jägerin zu entwickeln. Irgendwann verlässt Jackie schließlich ihre sichere Position: Sie crasht eine Party von Clyde. Wie eine teilnehmende Beobachtung steht sie inmitten feiernder Kerle. Als Clyde ihr unvermittelt Avancen macht, flieht sie überstürzt aus der Wohnung.

Verlust und Vereinsamung

Arnolds Inszenierung fügt sich perfekt in die Darstellung einer jungen Frau, die sich nur langsam mit einem fundamentalen Verlust auseinander zu setzen beginnt. "Red Road" ist der erste Teil einer Trilogie, die von dem britisch-dänischen Produktionsteam Advance Party, zu dem auch Lars von Triers Zentropa gehört, konzipiert wurde. Das Advance-Party-Projekt ist eine Fortführung des inzwischen zehn Jahre alten Dogma-Manifests. Es umfasst drei Filme von Regie-Debütanten, die nach vorgegebenen Regeln umgesetzt werden müssen: Mit Digitalkamera in nur sechs Wochen gedreht, greifen alle Filme auf denselben Figurenstamm, entwickelt von Lone Scherfig ("Wilbur Wants to Kill Himself") und Anders Thomas Jensen ("Adams Äpfel"), dargestellt von denselben Schauspielern/innen, zurück. Arnold hat alles aus diesem etwas dünnen Konzept herausgeholt. Nach ihrem Oscar-gekrönten Kurzfilm "Wasp" (2003) ist sie mit "Red Road" erneut in das Milieu der schottischen Unterschicht zurückgekehrt – seit den "Kitchen Sink"-Filmen der 1960er-Jahre ein wiederkehrendes Thema im britischen Kino.

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Andrea Arnold

Die rohe, flache Digital-Ästhetik passt gut zum Thema von "Red Road": Verlust und Vereinsamung. Die Bilder, die Jackie auf ihren Überwachungsmonitoren sieht, werden zu einer Verlängerung des Films. Gleichzeitig sind sie in ihrer Flüchtigkeit auch eine schöne Metapher für die psychische Disposition der Frau. Jackies eigene Labilität findet sich in ihren Überwachungsbildern wieder, die aufgrund der schnellen Zooms und abrupten Schwenks permanent nachjustiert werden müssen. Und so wie die Bilder für nichts stehen als das, was sie repräsentieren, ohne Geschichte, ohne Erläuterung, bleiben auch Jackies widersprüchliche Handlungen lange Zeit die einzigen Anhaltspunkt ihrer verschlossenen Gefühlswelt. "Red Road" ist mehr Stimmungsbild als Charakterstudie. Leider hält Arnold diese Position nicht bis zum Ende durch, doch ihrem Film tut das nicht weh. Als sie, wohl aus einer dramaturgischen Konzession heraus, spät Jackies Handlungen zu psychologisieren beginnt, glaubt man als Zuschauender diese Frau in ihrem Schmerz und ihren Widersprüchen längst zu verstehen.

Red Road, Großbritannien, Dänemark 2006, Buch und Regie: Andrea Arnold nach Vorgaben von Lone Scherfig und Anders Thomas Jensen, mit Kate Dickie, Tony Curran, Martin Compston, Natalie Press, Paul Higgins, Andy Armour, Carolyn Calder, John Comerford, Jessica Angus, ab 16, OmU, Kinostart: 17. Juli 2008 bei Fugu

Fotos: Verleih (© Holly Horner)

Andreas Busche ist Filmarchivar und
schreibt über und für die Kulturindustrie.



www.redroadfilm.net
Website zum Film (englisch)

www.fugu-films.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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