Höher, schneller, weiter: Pepe Danquart im Gespräch

Heimspiel, Höllentour, Am Limit

Kinostart: 2.7.2008 | Silke Kettelhake | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Pepe Danquart drehte von 1968 bis 1974 seine ersten Super-8-Filme. 1977 war er Mitbegründer der Medienwerkstatt Freiburg. In diesem Filmkollektiv entstanden von 1978 bis 1991 mehr als dreißig engagierte Dokumentarfilme, etwa "Passt bloß auf" von 1980 über die Hausbesetzerszene oder "Geisterfahrer - Eine utopische Kolportage" von 1985. Pepe Danquart verließ das Kollektiv 1989 mit seinem Umzug nach Berlin. Für "Schwarzfahrer" von 1994 gewann er den Oscar für den besten Kurzfilm. "Nach Saison" , sein Dokumentarfilm über den Jugoslawienkrieg, erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Friedensfilmpreis der Berlinale, Grand Prize San Francisco Filmfestival, Grand Trofeo Valladolid, Pare Lorenzt Award, L.A.

Mit "Heimspiel" von 1999 über die Ost-Berliner Eishockeymannschaft "Eisbären" und ihre Fans begann Danquart seine Kinotrilogie der Sport-Dokumentarfilme. Mit dem zweiten Film "Höllentour" (2004) über die Radfahrerhelden der Tour de France setzte er neue Maßstäbe in der Sportfotografie. Mit "Am Limit", einem Film über die Extremkletterer Thomas und Alexander Huber, entstand 2007 der dritte der Extremsportfilme. Jeder der drei Filme reüssierte erfolgreich an der Kinokasse. Aber kommerziell ist Danquart beileibe nicht, wie unser Interview zeigt.

fluter.de: Suchen Sie nach den Helden im Sport?


Pepe Danquart: Nein, ich suche nach dem Besonderen im Sport, der Held allein ist mir zu wenig. Bei Höllentour waren es die Verlierer, die ich gesucht habe. Das, was dahinter liegt, hinter den Kämpfern, hinter den Kämpfen.

Gilt "Höher, schneller, weiter" oder zählt auch das Scheitern?

Bei "Heimspiel" interessierte mich die schwierige Annäherung zwischen Ost und West: eine Nation, eine Stadt, Berlin, die dieselbe Sprache spricht und sich doch nicht verstanden hat. Bei der Tour de France war es die langjährige Freundschaft zwischen den Fahrern und ihre Obsession, irgendwann einmal Weltspitze zu sein. Und dafür so zu leiden, um endlich dort auch bestehen zu können. Das machte ich an Erik Zabel, Rolf Aldag und Andreas Klöden fest. Mit "Am Limit" waren es die Brüder Thomas und Alexander Huber, die im Alltagsleben miteinander konkurrieren wie alle Brüder und sich in Schwindel erregenden Höhen gegenseitig ihr Leben anvertrauen.

Was fasziniert Sie am Genre "Sportfilm"?


Ein Fußballspiel hat mit neunzig Minuten die Länge eines Spielfilms, mit den jeweiligen Spannungszuständen, die bis in die letzte Minute andauern können. Überraschung, Kampf, Obsession, Spielfreude, daraus sind Filme gemacht! Die Amerikaner haben das sehr viel früher erkannt und großartige Sportfilme gemacht, etwa "Rocky" oder den Baseballfilm "Any given Sunday". Die Tradition des Sports gibt den emotionalen Rahmen für ein Drama. Rocky scheitert im Leben, damit er in den Ring zurückkommen kann. Das ist eine große leidenschaftliche Art Geschichten zu erzählen und eben auch eine Herangehensweise, um deutsche Geschichten zu erzählen.

Funktionieren Sportfilme als Heimatfilme?

Klar, Heimat ist dort, wo man lebt. Der Austragungsort schafft für den Sport eine Heimat. Das ist sicherlich auch emotional aufgeladen. Nun, man muss aber auch eine Art Besessener sein, um diese Art Filme zu machen. Wirklich sein Leben dafür hingeben.

Sehen Sie sich als Einzelkämpfer oder als Mannschaftstyp?

Ich glaube, ich bin ein echter Team-Player. Film ist die kollektivste Kunst, die es überhaupt gibt. Anders als beim Malen oder Schreiben brauche ich eine ganze Reihe guter und kreativer Partner/innen. Damit ich die Vision, die ich im Kopf habe, auch umsetzen kann. Mir ist natürlich bewusst, dass ich der Kapitän bin und dass es sehr hierarchische Strukturen gibt. Aber ohne vertraute und motivierte Mitarbeiter/innen geht gar nichts. Und wenn man die nicht motivieren kann … Da sehe ich mich doch eher im Team!

Der gute alte Kollektivgedanke, greift er immer noch?


Ja, das ist meine Schule, dort komme ich her. Im Prinzip bin ich mit der Medienwerkstatt Freiburg großgeworden.
Als Filmemacher sehen Sie sich als Idealist?
Nun, ich bin auch sicherlich schon das eine oder andere Mal desillusioniert worden. Meine Filme begreife ich als ein Stück von mir, als Entäußerung meiner Person. Leidenschaft ist ein großes Wort. Meine Filme gehen hinein bis in mein tiefstes Leben. Ich mache keine Auftragsarbeiten, die erledigt werden müssen, um in den Urlaub zu fahren. Alles was ich mache und noch tun werde, liegt tief strukturiert in meinen geistigen Wurzeln. Es ist verbunden mit meinem Leben. Die Filme – daher bin ich. Bis auf Commercials habe ich keine Auftragsarbeiten gemacht.

Was halten Sie von der Bezeichnung "aufrechter Linker"?


Es gibt unaufrichtige Linke?

Das Private bleibt politisch und das Politische privat?

Das Private öffentlich zu machen, das war schon immer ein politischer Akt.

Für "Nach Saison" begleiteten Sie zusammen mit Miriam Quinte den Bremer Sozialdemokraten Hans Koschnick während seiner zweijährigen Vermittlertätigkeit. Sie begannen in Mostar, im Sommer 1994.

Meine Filme sind beeinflusst durch die Zeitumstände, den geschichtlichen Ereignissen, zu denen sie entstanden sind. Der Krieg hat mich zweimal fast mein Leben gekostet. Ich wollte immer wissen, wie sich das anfühlt, wenn von heute auf morgen Familien plötzlich getrennt werden, Bosnier, Kroaten, Muslime. Der Krieg ging durch die Wohnzimmer, er trennte Familien, nur weil sie unterschiedlichen Ethnien angehörten. Sie lebten alle zuvor zusammen ein friedliches Leben, bis die Nationalisten das gesellschaftliche Miteinander zerstörten. Durch diese Wohnzimmer zu gehen und zu beobachten, wie sich Menschen aus fast aussichtslosen Situationen wieder hochrappeln können, das war schon eine sehr einschlägige Erfahrung in meinem Leben.

Pepe Danquart, sind Sie sportlich?

Manchmal mehr, manchmal weniger. Manchmal täglich. Vielleicht mache ich auch Sportfilme, weil ich dann gezwungen bin, diesen Sport selbst zu betreiben. Beim Klettern musste ich ja auf die Berge mit. Ich bin begeistert von Skitouren; übers Jahr halte ich mich mit Joggen und Fahrradfahren fit.

Kennen Sie Extremsport als Grenzerfahrung?


Das war es mal und ist es immer noch, weil ich glaube, dass das tief innen in meiner Natur steckt, der Hang zum Extremen. Ich würde jederzeit Fliegen oder Fallschirmspringen, wie Ikarus den Himmel suchen. Ich glaube, ich wäre leicht verführbar für manche Dinge im Leben.

Dann doch lieber exzessiv Filme machen! Herzlichen Dank für das Gespräch.

Silke Kettelhake ist fluter.de-Redakteurin.


Fotos: "Am Limit" | © Kinowelt



www.danquart.de
Die Website des Regisseurs Pepe Danquart

www.medienwerkstatt-freiburg.de
Die Medienwerkstatt Freiburg e.V. besteht seit 1978. Sie bietet u.a. Videoprojekte mit Jugendlichen, Kurse und Seminare.





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