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Happy-Go-Lucky

Die wunderbare Welt von Poppy

Kinostart: 3.7.2008 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Sie ist dreißig und heißt Poppy. So heißt eigentlich kein erwachsener Mensch. Für Poppy (Sally Hawkins) ist es der einzig richtige Name. Heute ist ein schöner Tag, die Sonne scheint und Poppy, die Frau mit dem sonnigsten Gemüt von ganz London, fährt Rad. Ein schöner Tag, um unter die Räder zu kommen. Denn Poppy fährt nicht, sie fliegt und schaut dabei eigentlich nur in den Himmel. Weil der so schön blau ist, fast so schön wie ihre schreiend bunten Klamotten. Irgendwie geht die Sache gut. Poppy stellt ihr Rad ab und betritt einen Buchladen. Als sie wieder herauskommt, ist das Rad geklaut.

Erwarte immer das Schlimmste. Nach ungefähr diesem Motto ging man früher in Filme von Mike Leigh. Sein Debüt hieß "Freudlose Augenblicke" (1971). Später kam zur Trostlosigkeit der Sarkasmus: Auf "Hohe Erwartungen" (1988) folgte "Life is Sweet" (1990) – britische Ironie at its best. Nun also "Happy-Go-Lucky" – eine ganze Weile lang wartet man, dass Poppy irgendetwas Furchtbares zustößt. Wer so demonstrativ unbeschwert durchs Leben geht, hat zumindest eine traumatische Kindheit. Oder ein total kaputtes Sexleben. Mit Bildern vollkommenen Glücks beginnen eigentlich nur Horrorfilme. Aber nichts passiert. Das Rad ist weg. Also nimmt Poppy Fahrstunden. Wollte sie sowieso schon immer.

Leben ohne zu leiden

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"Happy-Go-Lucky" ist eine Charakterstudie, der konventionelle Handlungselemente weitgehend fehlen. Zwei vergnügliche Stunden lang sehen wir nichts als einen rundum positiven Menschen in seinem Alltag. Poppy, Grundschullehrerin und Single, nimmt das Leben leicht. Wenn sie mit ihren Schulkindern bastelt, wirkt sie kaum wie eine Lehrkraft. Sie hüpft gern Trampolin oder albert mit ihren Freundinnen herum. Zum Spaß besucht sie eine Flamenco-Klasse, die sie aber überhaupt nicht ernst nehmen kann. Denn Flamenco ist Leidenschaft, darin steckt Leiden, und daran hat sie einfach kein Interesse. In solchen Situationen lacht und kichert sie sich halbtot. Wenn ihr einer ihrer Witze besonders gut gefällt, grunzt sie ein bisschen.

Es könnte sein, dass ihr schrilles Wesen ein paar Leuten auf die Nerven geht. Denen vielleicht auch ihre wild zusammengewürfelte Pippi-Langstrumpf-Kostümierung nicht gefällt. Oder das infantile Getue. Das ist okay. Aber aufgepasst: Zu Poppys besten Eigenschaften gehört, dass sie andere nicht beurteilt.

Ein Statement gegen "Miserabilismus"

Diese Tugend wird auf eine harte Probe gestellt, als sie ihre heile Poppy-Welt doch einmal verlässt. Ihr Fahrlehrer heißt Scott (Eddie Marsan). "Erwarte immer das Schlimmste" – der Spruch stammt von ihm. Er gilt für die nächste Kreuzung und das ganze Leben. Scott ist das exakte Gegenteil von Poppy. Er ist berufsbedingt nicht nur Sicherheitsfanatiker, sondern außerdem noch ein Rassist, Frauenhasser und von tausend Ängsten zerfressener Verschwörungstheoretiker. Poppys provokative Art legt jede dieser Schichten nach und nach frei. Die Fahrstunden an seiner Seite sind die Hölle – für Scott. Als es zwischen beiden richtig gefährlich wird, könnte das auch daran liegen, dass er sich ein bisschen verliebt hat. Er wäre nicht der Einzige.

Das Publikum der letzten Berlinale war jedenfalls begeistert und spendete dem Film sogar Szenenapplaus. Es gab so wenig Gelegenheit im mal wieder herzlich depressiven Wettbewerb. Der hochkomische Film passte da nicht hinein, und irgendwie, meinten fast alle, passt er auch nicht ins Werk von Mike Leigh. Der heute 65-Jährige gilt als Spezialist für triste Sozialdramen. So ganz hat das nie gestimmt. Filme wie "Secrets and Lies" (1996) hatten stets ihren speziellen Humor, auch wenn der, etwa in seinem Meisterwerk "Naked" (1993), gerne schwarz ausfiel. Mit den älteren Filmen, meist Familiengeschichten, verbindet "Happy-Go-Lucky" auch die Arbeitsweise. Bei Leigh wird monatelang mit den Schauspielern/innen geprobt und improvisiert, bevor er überhaupt ans Drehen denkt. Ein so ausgefeilter Charakter wie Poppy, für deren hingebungsvolle Darstellung Sally Hawkins zurecht einen Silbernen Bären erhielt, käme anders auch nie zustande. Das Resultat ist eine Art Hyperrealismus: Wie kein anderer britischer Regisseur bringt Mike Leigh das Alltagsleben "echter Menschen" auf die Leinwand – allerdings mit unverkennbarem Stil und ohne eine klare politische Agenda wie etwa sein Kollege Ken Loach.

Komisch und politisch

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Dennoch ist für ihn alles Filmemachen politisch. Nur richtet er als Stilist sein Augenmerk auf die eigene Branche. In mehreren Interviews hat er "Happy-Go-Lucky" als sein Statement gegen den modischen "Miserabilismus" bezeichnet – das Schwelgen im Elend der Menschheit. Europäische Filmemacher/innen sind da nicht ganz unschuldig, aber auch die Alptraumfabrik Hollywood mit ihrem geschlossen-paranoiden Weltbild voller Serienkiller, Terroristen und anderer gesellschaftlicher Einzelkämpfer trägt zur Emanzipation wenig bei. Allerhöchstens produziert sie Menschen wie Scott.

Für ihn ist Poppy eine echte Herausforderung. Eine Spaßterroristin, deren Unbekümmertheit auch verletzen kann. Es ist nicht ihre Schuld. Dafür entwickelt Leighs Film auch bei den Zuschauenden ein sehr genaues Gespür. Das herrlich abgestimmte, bis ins Detail quietschebunte Set-Design von „Happy-Go-Lucky“ soll die ernsten Untertöne nicht übertünchen. Poppy trägt Verantwortung und weiß das auch. Als sie die häuslichen Probleme eines Schülers bemerkt, zieht sie Konsequenzen. Wer aber für sein Unglück selbst verantwortlich ist, darf auf ihr Verständnis nicht hoffen. Ihr Mitleid würde niemandem helfen. Wichtiger ist es, das eigene Leben gut zu leben. Dafür ist Poppy ein ziemlich einmaliges Allzweckmodell, das zur Überprüfung der eigenen Lebensmaximen geradezu zwingt. Ja, dieser Film stellt wichtige existenzphilosophische Fragen. Wie wird man aus sich selbst heraus glücklich? Wie schafft man es, optimistisch in die Zukunft zu blicken, einem verlorenen Fahrrad nicht nutzlos nachzutrauern und über die Widrigkeiten des Lebens nicht zu verbittern? Warum bekommen solche Menschen zu allem Überfluss auch noch ein Happy End? Poppy weiß es vermutlich selbst nicht, aber sie macht es wohl richtig.

Happy-Go-Lucky, Großbritannien 2008, Buch & Regie: Mike Leigh, mit Sally Hawkins, Alexis Zegerman, Eddie Marsan, Samuel Roukin, Kate O'Flynn, Sylvestra Le Touzel, Karina Fernandez, Andrea Riseborough, Sinéad Matthews, Kinostart: 3. Juli 2008 bei Tobis

Fotos: Verleih

Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.



www.happy-go-lucky-movie.co.uk
Website zum Film (englisch)

www.happy-go-lucky-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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