Frankenstein

Klonklassiker mit Leidenschaften

Kinostart: 5.1.1995 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken

"Es lebt!": Was anfangs noch ein überschwänglicher Freudenschrei ist, verzerrt sich mehr und mehr zur furchtbaren Tatsache. Mit ihren vielen Narben und ihrer abnormen Muskelkraft ähnelt Frankensteins Kreatur nicht dem ursprünglich geplanten Übermenschen, sondern einem abstoßenden Monster. Für seinen Schöpfer wird es ein namenloses, unmenschliches "Es" bleiben. Das Experiment gerät aus dem Ruder und Frankenstein verliert über der eigenen Grandiosität seiner Forschungen den klaren Kopf. Moralische Skrupel kennt er nicht.

Zwar handelt es sich bei Kenneth Branaghs Adaption von Mary Shelleys Schauerroman "Frankenstein oder Der moderne Prometheus" aus dem Jahre 1818 um einen klassischen Kostümfilm, der gleich dem Buch zum Ende des 18. Jahrhunderts spielt. Die zentrale Frage, wie weit man um des Fortschritts Willen gehen kann und darf, ist jedoch angesichts der Entwicklungen in Roboter- und Gentechnik hochaktuell. Sind die Erschaffung eines idealen Menschen aus dem Baukasten und das ewige Leben eher Traum oder Fluch? Mal deutlich, mal nur als entferntes Zitat erkennbar – der verrückte Wissenschaftler und sein degeneriertes Geschöpf treiben sich als zeitlose Angstbilder bis heute in vielen Romanen, Filmen, Fernsehserien, Musikstücken oder Computerspielen herum – zuletzt etwa im Horrorfilm "Van Helsing", in dem ein Vampirjäger neben Dracula auch das Frankenstein-Monster verfolgt.

Ach du armes Monster

Auch in Branaghs "Mary Shelley's Frankenstein" entfesselt der Seiltanz eines besessenen Forschers zwischen hehrem Erkenntniswillen und ethischen Untiefen ein Horrorszenario. Frankenstein, gespielt von Branagh selbst, ist einzig auf den wissenschaftlichen Erfolg fixiert und überhört alle Vorzeichen für gefährliche Nebenwirkungen des Experiments. Zu spät bekommt er zu spüren, dass die "Geburt" eines neuen Menschen auch Verantwortung und Folgen nach sich zieht. Zunächst entledigt er sich jedoch der entstellten Kreatur, indem er sie der choleraverseuchten Stadt überlässt. Aber das von Robert de Niro herrlich unheimlich verkörperte "Es" überlebt, erkennt, wer an seiner Missbildung Schuld ist und schwört Frankenstein Rache.

Mit pompösen Kulissen, gewaltigen Landschaftsbildern, Orchestermusik und Blitzeinschlägen lässt Branagh keine ausladende Geste aus, um das verhängnisvolle Geschehen anzukündigen und es endlich effektvoll zu unterstreichen. Das anfängliche Familien- und Liebesglück in bunten Gewändern und freundlich kolorierter Umgebung weicht angespannten Situationen in spitzwinkligen, schattenreichen Räumen und entsättigten Farben. Der enge, kreisrunde Uni-Hörsaal mit seinen Sitzrängen erinnert an die Höllenringe in Dantes "Inferno". Frankensteins Labor zeigt sich als ein morbider Kreisssaal voller seltsamer Apparaturen, die mit einer Art Ekel erregendem Urschleim bespritzt werden, als das Monster aus seinem "Gebärtank" ausbricht. Obwohl der für seine Literaturverfilmungen bekannte Branagh, mit 2007 "1 Mord für 2" etwa, den Plot mit Suspense und blutigen Horrorfilm-Elementen anreichert, vermag der Film nicht wirklich zu schockieren. Zu offensichtlich werden Schauer und Melodram konstruiert, zu sehr leidet man mit der missgebildeten Kreatur.


Narben und Gefühle

"Habe ich eine Seele?", fragt "Es" menschlich nachdenklich den überforderten Frankenstein in einer Szene. Trotz dicker Narbenmaske spielt de Niro das Monster mit viel Gefühl: Emotionen werden sichtbar, damit die Tragik der Figur und die ethische Katastrophe. Teils wie ein aufgeblasenes Hollywood-Spektakel inszeniert, geht Branaghs Film so gesehen reflektierter als die meisten Vorgänger mit Shelleys Stoff um, in deren Roman sogar streckenweise aus Monsterperspektive erzählt wird. Unter anderem deshalb gilt "Mary Shelley's Frankenstein" als die wohl werkgetreueste Kino-Adaption. Im Gegensatz zu zahlreichen früheren Verfilmungen, darunter die berühmte von James Whale aus dem Jahr 1931 mit dem zur Ikone gewordenen Boris Karloff als Monster, ist zumindest Letzteres das Interessante an Branaghs Verfilmung.

Eine Frau mit Moral

Eine bedeutende Abweichung erlaubt sich Branagh doch – als Hommage an die kämpferische Mary Shelley, die sich stets für die Emanzipation der Frau einsetzte: Zum einem lässt er die Autorin selbst im Prolog des Films auftreten, zum anderen zeichnet er Frankensteins Adoptivschwester und große Liebe Elizabeth (Helena Bonham-Carter) als aktive und hinterfragende Figur. Sie verkörpert die moralische Instanz, die am Schluss des Films mit ihr gemeinsam in Flammen aufgeht. Dank dieser Szene gewinnt auch das Entsetzen wieder die Oberhand in einem ansonsten oftmals unentschlossen zwischen intellektueller Auseinandersetzung, stilisierter Gewalt und romantischem Kitsch schwankenden Film.

Marguerite Seidel ist Volontärin im Filmbereich der Bundeszentrale für politische Bildung.

Fotos: ©Verleih



www.imdb.com
IMDB-Eintrag zum Film

www.frankensteinfilms.com
Website über Frankenstein-Verfilmungen (englisch)

www.de.wikipedia.org/wiki/Mary_Shelley
Mehr zu Mary Shelley





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