Lucie & Maintenant

Autobahn in Zeitlupe

Kinostart: 19.6.2008 | Marguerite Seidel | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Letzte Ausfahrt Marseille: Die Autoroute du Soleil, die "Sonnen-Autobahn", führt geradewegs zum Ort der touristischen Sehnsucht, an die Mittelmeerküste. Davor kommen zunächst ein paar lange Stunden vorbeiziehende Landschaften, Pausen mit belegten Gummibroten und nervige Staus. Das Hier und Jetzt auf der Autobahn ist normalerweise zu schnelllebig und öde, als dass man sich hinterher gerne daran erinnert. Um dort auch Schönes zu entdecken, brach im Sommer 1982 das Schriftstellerpaar Carol Dunlop und Julio Cortázar zu einer seltsamen Expedition auf. Mit einem VW-Bus und ein paar Schreibmaschinen im Gepäck reisten die beiden über einen Monat lang von Paris nach Marseille, ohne die Autobahn je zu verlassen. Sie hielten an jedem Rastplatz und übernachteten auf jedem zweiten. Inspiriert von den Beobachtungen, Erlebnissen und Gedanken, die Dunlop und Cortázar unter dem Titel "Die Autonauten auf der Kosmobahn" danach publizierten, begibt sich in "Lucie & Maintenant" ein junges Künstlerpärchen fast 25 Jahre später auf ihre Spuren.
Weiße Mittelstreifen, Kinder auf dem Spielplatz, rauchende Lastwagenfahrer, eine Hochzeitsgesellschaft in Seidengewändern vorm Tankstellenhäuschen, Kornfelder im Wind. Zu Beginn der Reise üben sich die Kameras des deutsch-schweizerischen Regiekollektivs Simone Fürbringer, Nicolas Humbert und Werner Penzel in der Beobachtung von zufälligen Miniaturszenen. Wie ihre Protagonisten, die Nachwuchsschriftstellerin Océane Madelaine und ihr Freund, der Musiker Jocelyn Bonnerave, scheinen sie zunächst sehen zu lernen und sich in unauffällige Details zu verlieben. Ähnlich der Buchvorlage entfaltet sich so nach und nach in vielen Momentaufnahmen ein abwechslungsreiches und fast spannendes Rastplatzpanorama.

Je mehr Plätze erforscht sind, desto mehr entwickelt sich die Fahrt auch zu einer Reise ins Innere von Océane und Jocelyn, wo sie leise und laute Gedanken und Gefühle weckt. Die Aufnahmen der unscheinbar-spektakulären Ereignisse werden zur Illustration von Océanes nachdenklichen Kommentaren aus dem Off. Immer häufiger rückt ihre Liebesbeziehung ins Zentrum der Erzählung. Vieles erinnert an die Erlebnisse von Dunlop und Cortázar, die während dieser Reise noch enger zusammenfanden, bevor beide kurz darauf an Leukämie verstarben. Obwohl den Schriftstellern mit nachempfundenen Handlungen und Bildzitaten gedacht wird, blickt "Lucie & Maintenant" dabei allerdings stets in die Gegenwart. Unterschiedlichste Bilder, Montagerhythmen und Musiken verflechten sich zu einem eigenständigen dokumentarischen Filmessay voller Poesie und Geistesblitze. Autobahnrastplätze bewähren sich hier als Quell der Inspiration: Die intellektuellen und visuellen Spielereien fordern den Zuschauenden zwar Konzentration ab, aber zwischen Flipperautomat und Plastikstuhl fällt dies erstaunlich leicht.
Marguerite Seidel

(Lucie et maintenant - Journal nomade) Dokumentarfilm, Schweiz 2007, Buch und Regie: Simone Fürbringer, Nicolas Humbert, Werner Penzel, mit Océane Madelaine, Jocelyn Bonnerave, OmU, Kinostart: 19. Juni 2008 bei Peripher

Foto: Verleih


www.peripherfilm.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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