Klonkrieger und Designerbabies

Wie Hollywood die Gentechnik verarbeitet

11.6.2008 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
In seinem Wesen ist das Kino dem Prinzip des Klonens ganz ähnlich. So wie das Filmnegativ viele immergleiche Kopien hervorbringt, garantiert auch der künstliche Reproduktionsprozess eine Vielzahl absolut identischer Duplikate. Kein reiner Zufall: Die Idee industrieller Standardisierung bei dauerhafter Wiederholbarkeit auf qualitativ gleichbleibendem Niveau ist der kapitalistische Urgedanke schlechthin, seit Henry Ford 1913 das erste vollautomatische Fließband in Betrieb nahm.

Schwarz und Weiß


Die Filmindustrie, und damit ist in erster Linie natürlich Hollywood gemeint, hat eher eine zwiespältige Meinung zu den Errungenschaften der Biotechnologie. Aus knapp drei Dutzend Spielfilmen, die es in den letzten drei Jahrzehnten zu dem Thema gegeben hat, lassen sich zwei generelle Haltungen ablesen. Erstens: Genmanipulation ist gefährlich und dient bösen Konzernen allenfalls zur persönlichen Bereicherung. Beziehungsweise gilt das Gegenteil: Gentechnik ist ein großer Witz und muss darum als Stoff für jede Menge schlechter Science-Fiction-Filme und Komödien herhalten. Eine australische Studie stellte vor zwei Jahren fest, dass Blockbuster wie "The Island" (2005) oder "Godsend" (2004) die öffentliche Meinung über das Klonen maßgeblich negativ beeinflussen. Bis zum heutigen Zeitpunkt gibt es keinen Film, der das Thema wissenschaftlich akkurat anzugehen versucht. Mit dieser Einstellung liegt Hollywood auch ausnahmsweise mal regierungskonform. George Bush Jr. gehört mit seiner christlich-fundamentalen Rechten in Amerika zu den härtesten Widerstreitern gegen eine Liberalisierung der Stammzellenforschung.

Gruselfaktor Gentechnik

Die Zukunftsvisionen, die Hollywood im Zusammenhang mit dem Klonen bislang entworfen hat, sind allesamt nicht gerade einladend. Unterstrichen werden diese Utopien gerne auch mit dem Zusatz "in a not-so distant future". Das klingt wie eine Warnung. Kloning ist längst keine Zukunftsmusik mehr. Die Gefahr ist greifbar. In "The Island" von Michael Bay, bekanntermaßen ein überzeugter Bush-Anhänger, werden geklonte Menschen als lebendige Ersatzteillager in einer Art unterirdischer Kolonie gehalten. Als zwei von ihnen, Ewan McGregor und Scarlett Johansson, der Ausbruch gelingt, sieht der verantwortliche Konzern sein Geschäftsgeheimnis bedroht und macht sich auf die Menschenhatz, die in einer spektakulären Autoverfolgungsjagd gipfelt. Auch wenn die moralische Botschaft in solchen Actionfilmen meist zwischen zwei Feuergefechten eingeschoben wird, traf gerade "The Island" einen Nerv: Zeitgleich ging der Fall des südkoreanischen Stammzellenforschers Hwang Woo-Suk durch die Presse. Hwang, einer der bekanntesten Wissenschaftler auf seinem Gebiet, manipulierte jahrelang Forschungsergebnisse, um an Fördergelder zu gelangen.

Das Thema Kloning beflügelt jedoch auch die Kreativität von Drehbuchautoren. Dem Film "Sixth Day" verdanken wir die glorreiche Szene, in der Arnold Schwarzenegger sich selbst in die Mangel nimmt – bevor sich die zwei Arnies verbünden. Und Michael Keaton klont sich in "Vier lieben dich" (1996) gleich mehrfach, um seinen verschiedenen Aufgaben als Vater, Mann und Berufstätiger gerecht werden zu können. Die beste Idee allerdings stammt von "Rosemaries Baby"-Autor Ira Levin. In Franklin J. Schaffners "Boys from Brazil" (1978) kommt der Nazi-Jäger Laurence Olivier einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur. Der überlebende Naziarzt Mengele, Gregory Peck in einer unvergesslichen Rolle, bringt 94 Hitler-Klone in Familien auf der ganzen Welt unter, um mit deren Hilfe ein Viertes Reich zu errichten. "Boys from Brazil" gibt sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen, regelrecht Mühe, Klonen sachlich richtig zu erläutern. Trotzdem bleibt der Film das wahrscheinlich bestbesetzte B-Movie der Filmgeschichte: neben Olivier und Peck ist auch James Mason in einer Hauptrolle zu sehen.

Klonkrieger im Kinderzimmer

Die Gefahren künstlicher Reproduzierbarkeit werden im Kino immer dann besonders evident, wenn die Thematik ins Militärisch-Kriegerische lappt. Eine ganze Generation von Kids ist mit den Stormtroopers der "Star Wars"-Trilogie groß geworden. Aber erst die zweite Trilogie klärte die Fans über die Herkunft der gepanzerten Krieger auf. Es waren Klone, gezüchtet zur Verteidigung des Imperiums und im militärischen Putsch schließlich gegen ihre Erzeuger zum Einsatz gebracht. Die subtile Warnung vor der Unkontrollierbarkeit des Klonens war nicht zu überhören. "Star Wars II: Angriff der Klonkrieger" (2002) verdammte die Technologie nicht, verhielt sich aber äußerst skeptisch. In "Boys from Brazil" dagegen war die Kontrolle der kleinen Hitler-Klone noch tiefenpsychologisch gewährleistet. Um ihnen den Weg zur Errichtung des Vierten Reiches zu ebnen, sorgten Mengeles Schergen dafür, dass sie alle den Lebensweg "des Führers" einschlugen. Darum musste jeder von ihnen im Alter von 15 Jahren seinen "leiblichen" Vater verlieren. Irrsinnig wie der ganze Film.

Reine und Unreine

Der beste Film zum Thema ist und bleibt aber die Gesellschaftsutopie "Gattaca" (1997), benannt nach einer häufig anzutreffenden Kombination der vier Nukleinsäuren in der menschlichen DNA. In "Gattaca" bringen die Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik eine neue Gesellschaftsordnung. Unterschieden werden die neuen Klassen in "Valide", Menschen mit optimiertem Erbgut, und "Invalide", natürlich Geborene. "Sie kümmern sich nicht mehr darum, wo du geboren bist", heißt es einmal im Film, "nur wie!" Der unreine Ethan Hawke wandelt hier zwischen den Welten. DNA-Spuren eines Validen verschaffen ihm Zugang in das Hauptquartier des Gattaca-Konzerns; kurzzeitig darf er am privilegierten Leben teilnehmen. "Gattaca" entwirft eine Anti-Utopie ohne Hysterie. Der Film des Neuseeländers Andrew Niccol ist nahezu antiseptisch inszeniert, mit einem guten Geschmack für klares, kaltes Design. Nicht um monströse Kreaturen, geschaffen aus den Reagenzgläsern von Möchtegern-Frankensteins wie H.G. Wells Romanfigur Dr. Moreau geht es hier, sondern um die monströsen Ausformungen einer Gesellschaft, die sich dem Diktat der DNA-Stränge unterworfen hat. Den amerikanischen Kinostart begleitete der Verleih damals mit einer originellen Kampagne. Nicht der Film wurde beworben, sondern der Service, sich sein Baby genetisch designen zu lassen. Gehalten waren die Plakate in denselben kühlen Farbtönen wie der Film. Frappierend an dieser Kampagne war, wie unauffällig sich schon damals die obszöne Werbebotschaft in die urbanen Landschaften der westlichen Konsumgesellschaft einfügte.

Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.



www.imdb.com
Mehr zu "Gattaca" in der Internet Movie Database

www.zentrale-ethikkommission.de
Zentrale Kommission zur Wahrung ethischer Grundsätze in der Medizin und ihren Grenzgebieten

www.drze.de/links
Deutsches Referenzzentrum für Ethik in den Biowissenschaften




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