Das Thema Kloning beflügelt jedoch auch die Kreativität von Drehbuchautoren. Dem Film "Sixth Day" verdanken wir die glorreiche Szene, in der Arnold Schwarzenegger sich selbst in die Mangel nimmt – bevor sich die zwei Arnies verbünden. Und Michael Keaton klont sich in "Vier lieben dich" (1996) gleich mehrfach, um seinen verschiedenen Aufgaben als Vater, Mann und Berufstätiger gerecht werden zu können. Die beste Idee allerdings stammt von "Rosemaries Baby"-Autor Ira Levin. In Franklin J. Schaffners "Boys from Brazil" (1978) kommt der Nazi-Jäger Laurence Olivier einer groß angelegten Verschwörung auf die Spur. Der überlebende Naziarzt Mengele, Gregory Peck in einer unvergesslichen Rolle, bringt 94 Hitler-Klone in Familien auf der ganzen Welt unter, um mit deren Hilfe ein Viertes Reich zu errichten. "Boys from Brazil" gibt sich, im Gegensatz zu den meisten anderen Filmen, regelrecht Mühe, Klonen sachlich richtig zu erläutern. Trotzdem bleibt der Film das wahrscheinlich bestbesetzte B-Movie der Filmgeschichte: neben Olivier und Peck ist auch James Mason in einer Hauptrolle zu sehen.
Die Gefahren künstlicher Reproduzierbarkeit werden im Kino immer dann besonders evident, wenn die Thematik ins Militärisch-Kriegerische lappt. Eine ganze Generation von Kids ist mit den Stormtroopers der "Star Wars"-Trilogie groß geworden. Aber erst die zweite Trilogie klärte die Fans über die Herkunft der gepanzerten Krieger auf. Es waren Klone, gezüchtet zur Verteidigung des Imperiums und im militärischen Putsch schließlich gegen ihre Erzeuger zum Einsatz gebracht. Die subtile Warnung vor der Unkontrollierbarkeit des Klonens war nicht zu überhören. "Star Wars II: Angriff der Klonkrieger" (2002) verdammte die Technologie nicht, verhielt sich aber äußerst skeptisch. In "Boys from Brazil" dagegen war die Kontrolle der kleinen Hitler-Klone noch tiefenpsychologisch gewährleistet. Um ihnen den Weg zur Errichtung des Vierten Reiches zu ebnen, sorgten Mengeles Schergen dafür, dass sie alle den Lebensweg "des Führers" einschlugen. Darum musste jeder von ihnen im Alter von 15 Jahren seinen "leiblichen" Vater verlieren. Irrsinnig wie der ganze Film.
Der beste Film zum Thema ist und bleibt aber die Gesellschaftsutopie "Gattaca" (1997), benannt nach einer häufig anzutreffenden Kombination der vier Nukleinsäuren in der menschlichen DNA. In "Gattaca" bringen die Möglichkeiten der Präimplantationsdiagnostik eine neue Gesellschaftsordnung. Unterschieden werden die neuen Klassen in "Valide", Menschen mit optimiertem Erbgut, und "Invalide", natürlich Geborene. "Sie kümmern sich nicht mehr darum, wo du geboren bist", heißt es einmal im Film, "nur wie!" Der unreine Ethan Hawke wandelt hier zwischen den Welten. DNA-Spuren eines Validen verschaffen ihm Zugang in das Hauptquartier des Gattaca-Konzerns; kurzzeitig darf er am privilegierten Leben teilnehmen. "Gattaca" entwirft eine Anti-Utopie ohne Hysterie. Der Film des Neuseeländers Andrew Niccol ist nahezu antiseptisch inszeniert, mit einem guten Geschmack für klares, kaltes Design. Nicht um monströse Kreaturen, geschaffen aus den Reagenzgläsern von Möchtegern-Frankensteins wie H.G. Wells Romanfigur Dr. Moreau geht es hier, sondern um die monströsen Ausformungen einer Gesellschaft, die sich dem Diktat der DNA-Stränge unterworfen hat. Den amerikanischen Kinostart begleitete der Verleih damals mit einer originellen Kampagne. Nicht der Film wurde beworben, sondern der Service, sich sein Baby genetisch designen zu lassen. Gehalten waren die Plakate in denselben kühlen Farbtönen wie der Film. Frappierend an dieser Kampagne war, wie unauffällig sich schon damals die obszöne Werbebotschaft in die urbanen Landschaften der westlichen Konsumgesellschaft einfügte.
Andreas Busche ist Filmrestaurator und -kritiker.
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