Die
Männer kommen jedes Jahr an die Strände von Chittagong. Mit
bloßen Händen zerlegen sie dort ausgediente Tanker und
Containerschiffe – Altmetallentsorgung für die westlichen
Industrieländer. Wie gestrandete Wale liegen die Ozeanriesen im
weichen Sand, darauf wartend, mit Schweißbrennern und schweren
Hämmern zerteilt zu werden. Auf ihren nackten Schultern ziehen
ganze Arbeitstrupps mit schweren Drahtseilen Schiffsteile an Land.
Barfuß waten sie knietief durch Schlamm und Schlick, immer in
der Gefahr, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, wenn das Seil
reißt. "Lohakhor" – "Eisenfresser" werden
diese Männer abschätzig genannt, die in den
Schiffsabwrackwerften im Süden Bangladeshs für einen
Hungerlohn ihr Leben aufs Spiel setzen.
Wohlstand für wenige
Fünf
Monate verbrachten der Regisseur Shaheen Dill-Riaz und sein
bengalisches Team mit den Werftarbeitern, von denen er manche noch
aus seiner Kindheit kennt, denn er ist in der Nähe von
Chittagong aufgewachsen. Entstanden ist ein bildgewaltiger,
intensiver und sehr persönlicher Dokumentarfilm, dem die Nähe
des Regisseurs zu den Protagonisten deutlich anzumerken ist. Die
Kamera ist in Augenhöhe mit den Menschen, folgt ihnen durch den
harten Arbeitsalltag, beobachtet sie beim Schweißen und
Schleppen und ist abends in den primitiven Baracken dabei, wenn ein wenig Stolz auf die eigene Leistung aufkeimt.
Dass "Eisenfresser" Position bezieht, verhehlt der Film an keiner Stelle. Gleich zu Anfang folgen den schimmernden Meeresbildern von Chittagong infernalische Szenen rotglühender Schweißerarbeiten an einem Schiffsrumpf. Ein kurzer poetischer Kommentar erzählt, wie seit 1960 das "Schlachten des Meeresriesen die ewige Ruhe in Chittagong beendete". Das Fischerdörfchen wurde zur Endstation für unzählige Ozeanriesen, die prosperierende Abwrackindustrie brachte Hoffnung auf Wohlstand – eine Hoffnung, die sich nur für eine kleine Minderheit erfüllen sollte. "Eisenfresser" öffnet den Blick auf ein anachronistisch erscheinendes und doch ganz reales Phänomen: moderne Sklavenarbeit, Rechtlosigkeit und Ausbeutung – kurzum, die Auswüchse eines knallharten Kapitalismus.
Teufelskreis aus Not und Profit
Kholil
und Gadu kamen vor mehr als 15 Jahren als Seilträger zum ersten
Mal nach Chittagong. Heute sind sie Gruppenleiter. Das Kamerateam
begleitet die beiden in ihre Heimat im Norden Bangladeshs, wo sie
Männer anheuern, die für einige Monate auf der Werft arbeiten
wollen. Warum aber riskiert jemand für umgerechnet einen Dollar am Tag Leben
und Gesundheit? Weil er kaum eine andere Wahl hat. Nach den
alljährlichen Überflutungen der Regenzeit sind die Felder
ausgedorrt. Alle hungern. Und so verdingen sich diese Reisbauern für
ein paar Monate als Saisonarbeiter auf den Abwrackwerften des Südens.
Viele wollen ihren Familien Geld schicken, manche wollen das
Schulgeld für die Geschwister zusammenkratzen, manche sind
selbst noch halbe Kinder.
Mit
beobachtender Kamera und zurückhaltendem Kommentar legt der
Regisseur jene perfide Spirale aus Not und Profit bloß, die die Saisonarbeiter
in Chittagong erwartet. Die Werft, für die sie arbeiten werden,
heißt PHP – und das steht, erzählt der Seniorbesitzer stolz, für "Peace, Happiness and
Prosperity" – Frieden, Glück und Wohlstand. In der Tat
decken die Abwrackwerften fast den gesamten Eisenbedarf des Landes. Die Menschen jedoch, die hier die Drecksarbeit machen, erfahren bald,
dass dieser Wohlstand nicht für sie gedacht ist. Profit machen nur die Werftbesitzer und die Einheimischen, denn die gesamte
Infrastruktur liegt in ihren Händen. Die Arbeiter hingegen
werden mit einem perfiden System aus Vorschüssen, Krediten und
verzögerter Lohnauszahlung geknebelt. Wohnen können sie nur
in den werfteigenen Unterkünften, Einkaufen ausschließlich
bei den ansässigen Händlern, die ihnen die Preise
diktieren. Die Schuldenfalle hält sie in ständiger
Abhängigkeit, damit sie nicht abreisen können und jederzeit
zur Verfügung stehen. Widerstand nutzt wenig.
Ausbeutung ohne Ende
Die
Schiffsfriedhöfe von Chittagong sind eine gesetzesfreie Zone, wo
Gewerkschaften, Sicherheitsvorschriften oder Arbeitsschutz Fremdworte
sind. Die Arbeiter selbst sind zu eingeschüchtert, auch zu ungebildet, um
auf das eigene Recht zu pochen. Lange steht die Kamera auf den Gesichtern der ansässigen
Subunternehmer, als sich nach langen Diskussionen ein kleines
Grüppchen von Arbeitern aufmacht, um den seit Wochen
ausstehenden Lohn einzufordern. Aber sie stoßen bei den Bossen
auf eine Mauer des Schweigens. Nach monatelanger Schufterei werden
nach Abzug aller Kosten die meisten von ihnen mit leeren Händen
nach Hause zurückkehren. "Die Werftarbeit ist nur für
die, die nichts zu verlieren haben", meint einer von ihnen.
Ähnlich wie Michael Glawoggers essayistischer Dokumentarfilm "Workingman's Death" beschäftigt sich Regisseur Shaheen Dill-Riaz mit der inhumanen Arbeitswelt von Menschen in der so genannten Dritten Welt und gibt diesen Wanderarbeitern, die keine Lobby haben, ein Gesicht und eine Stimme. Ohne peinliches Betroffenheitspathos und weit davon entfernt, ein Anklagepamphlet zu sein, analysiert sein Film ein perfides Ausbeutungssystem. Mit den spektakulären Totalen der wartenden Schiffskolosse, die die Arbeiter wie ein Ameisenheer Stück für Stück ausschlachten, setzt Dill-Riaz dabei ganz bewusst auf die Schauwerte seiner Geschichte. Kontrastierend und ergänzend dazu bringt die dichte Kameraführung den harten Alltag der Protagonisten fast körperlich nahe.
Es sind aussagekräftige und oft sehr stimmungsvolle Bilder, die jedoch nichts beschönigen. Im Gegenteil: Statt sich im bequemen Kinosessel zurückzulehnen, öffnet einem "Eisenfresser" die Augen und lässt einen mit hilfloser Wut zurück. Es ist eben eine Sache, zu wissen, dass es Ausbeutung und Turbokapitalismus auf dieser Welt gibt. Dorthin jedoch mitgenommen zu werden, ist eine ganz andere Geschichte.
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