Eisenfresser

Lohn der Angst

Kinostart: 12.6.2008 | Ula Brunner | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Die Männer kommen jedes Jahr an die Strände von Chittagong. Mit bloßen Händen zerlegen sie dort ausgediente Tanker und Containerschiffe – Altmetallentsorgung für die westlichen Industrieländer. Wie gestrandete Wale liegen die Ozeanriesen im weichen Sand, darauf wartend, mit Schweißbrennern und schweren Hämmern zerteilt zu werden. Auf ihren nackten Schultern ziehen ganze Arbeitstrupps mit schweren Drahtseilen Schiffsteile an Land. Barfuß waten sie knietief durch Schlamm und Schlick, immer in der Gefahr, einen Arm oder ein Bein zu verlieren, wenn das Seil reißt. "Lohakhor" – "Eisenfresser" werden diese Männer abschätzig genannt, die in den Schiffsabwrackwerften im Süden Bangladeshs für einen Hungerlohn ihr Leben aufs Spiel setzen.

Wohlstand für wenige

Fünf Monate verbrachten der Regisseur Shaheen Dill-Riaz und sein bengalisches Team mit den Werftarbeitern, von denen er manche noch aus seiner Kindheit kennt, denn er ist in der Nähe von Chittagong aufgewachsen. Entstanden ist ein bildgewaltiger, intensiver und sehr persönlicher Dokumentarfilm, dem die Nähe des Regisseurs zu den Protagonisten deutlich anzumerken ist. Die Kamera ist in Augenhöhe mit den Menschen, folgt ihnen durch den harten Arbeitsalltag, beobachtet sie beim Schweißen und Schleppen und ist abends in den primitiven Baracken dabei, wenn ein wenig Stolz auf die eigene Leistung aufkeimt.

Dass "Eisenfresser" Position bezieht, verhehlt der Film an keiner Stelle. Gleich zu Anfang folgen den schimmernden Meeresbildern von Chittagong infernalische Szenen rotglühender Schweißerarbeiten an einem Schiffsrumpf. Ein kurzer poetischer Kommentar erzählt, wie seit 1960 das "Schlachten des Meeresriesen die ewige Ruhe in Chittagong beendete". Das Fischerdörfchen wurde zur Endstation für unzählige Ozeanriesen, die prosperierende Abwrackindustrie brachte Hoffnung auf Wohlstand – eine Hoffnung, die sich nur für eine kleine Minderheit erfüllen sollte. "Eisenfresser" öffnet den Blick auf ein anachronistisch erscheinendes und doch ganz reales Phänomen: moderne Sklavenarbeit, Rechtlosigkeit und Ausbeutung – kurzum, die Auswüchse eines knallharten Kapitalismus.

Teufelskreis aus Not und Profit

Kholil und Gadu kamen vor mehr als 15 Jahren als Seilträger zum ersten Mal nach Chittagong. Heute sind sie Gruppenleiter. Das Kamerateam begleitet die beiden in ihre Heimat im Norden Bangladeshs, wo sie Männer anheuern, die für einige Monate auf der Werft arbeiten wollen. Warum aber riskiert jemand für umgerechnet einen Dollar am Tag Leben und Gesundheit? Weil er kaum eine andere Wahl hat. Nach den alljährlichen Überflutungen der Regenzeit sind die Felder ausgedorrt. Alle hungern. Und so verdingen sich diese Reisbauern für ein paar Monate als Saisonarbeiter auf den Abwrackwerften des Südens. Viele wollen ihren Familien Geld schicken, manche wollen das Schulgeld für die Geschwister zusammenkratzen, manche sind selbst noch halbe Kinder.

Mit beobachtender Kamera und zurückhaltendem Kommentar legt der Regisseur jene perfide Spirale aus Not und Profit bloß, die die Saisonarbeiter in Chittagong erwartet. Die Werft, für die sie arbeiten werden, heißt PHP – und das steht, erzählt der Seniorbesitzer stolz, für "Peace, Happiness and Prosperity" – Frieden, Glück und Wohlstand. In der Tat decken die Abwrackwerften fast den gesamten Eisenbedarf des Landes. Die Menschen jedoch, die hier die Drecksarbeit machen, erfahren bald, dass dieser Wohlstand nicht für sie gedacht ist. Profit machen nur die Werftbesitzer und die Einheimischen, denn die gesamte Infrastruktur liegt in ihren Händen. Die Arbeiter hingegen werden mit einem perfiden System aus Vorschüssen, Krediten und verzögerter Lohnauszahlung geknebelt. Wohnen können sie nur in den werfteigenen Unterkünften, Einkaufen ausschließlich bei den ansässigen Händlern, die ihnen die Preise diktieren. Die Schuldenfalle hält sie in ständiger Abhängigkeit, damit sie nicht abreisen können und jederzeit zur Verfügung stehen. Widerstand nutzt wenig.

Ausbeutung ohne Ende

Die Schiffsfriedhöfe von Chittagong sind eine gesetzesfreie Zone, wo Gewerkschaften, Sicherheitsvorschriften oder Arbeitsschutz Fremdworte sind. Die Arbeiter selbst sind zu eingeschüchtert, auch zu ungebildet, um auf das eigene Recht zu pochen. Lange steht die Kamera auf den Gesichtern der ansässigen Subunternehmer, als sich nach langen Diskussionen ein kleines Grüppchen von Arbeitern aufmacht, um den seit Wochen ausstehenden Lohn einzufordern. Aber sie stoßen bei den Bossen auf eine Mauer des Schweigens. Nach monatelanger Schufterei werden nach Abzug aller Kosten die meisten von ihnen mit leeren Händen nach Hause zurückkehren. "Die Werftarbeit ist nur für die, die nichts zu verlieren haben", meint einer von ihnen.

Ähnlich wie Michael Glawoggers essayistischer Dokumentarfilm "Workingman's Death" beschäftigt sich Regisseur Shaheen Dill-Riaz mit der inhumanen Arbeitswelt von Menschen in der so genannten Dritten Welt und gibt diesen Wanderarbeitern, die keine Lobby haben, ein Gesicht und eine Stimme. Ohne peinliches Betroffenheitspathos und weit davon entfernt, ein Anklagepamphlet zu sein, analysiert sein Film ein perfides Ausbeutungssystem. Mit den spektakulären Totalen der wartenden Schiffskolosse, die die Arbeiter wie ein Ameisenheer Stück für Stück ausschlachten, setzt Dill-Riaz dabei ganz bewusst auf die Schauwerte seiner Geschichte. Kontrastierend und ergänzend dazu bringt die dichte Kameraführung den harten Alltag der Protagonisten fast körperlich nahe.

Es sind aussagekräftige und oft sehr stimmungsvolle Bilder, die jedoch nichts beschönigen. Im Gegenteil: Statt sich im bequemen Kinosessel zurückzulehnen, öffnet einem "Eisenfresser" die Augen und lässt einen mit hilfloser Wut zurück. Es ist eben eine Sache, zu wissen, dass es Ausbeutung und Turbokapitalismus auf dieser Welt gibt. Dorthin jedoch mitgenommen zu werden, ist eine ganz andere Geschichte.

Eisenfresser, Dokumentarfilm, Deutschland 2007, Buch und Regie: Shaheen Dill-Riaz, OmU, Kinostart: 12. Juni 2008 bei Aries Images

Fotos: ©Verleih

Ula Brunner ist Journalistin in Berlin.


www.aries-images.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.bangladesch.org/eisenfresser
NETZ arbeitet mit dem Regisseur Shaheen Dill-Riaz zusammen und ist als Nichtregierungsorganisation in der Entwicklungszusammenarbeit mit Bangladesch tätig.

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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