Godard bleibt richtungsweisend wie kein anderer für den 1968er-Film und das Lebensgefühl der damaligen Zeit. Im Mai 1968 sorgte er gemeinsam mit seinem berühmten Kollegen François Truffaut und anderen Filmschaffenden für den Abbruch der Filmfestspiele von Cannes aus Solidarität mit den streikenden Arbeitern/innen und Studenten/innen in Frankreich. Godard forderte, statt politische Filme zu machen, "Filme politisch zu machen". Das heißt, "linke" Inhalte in neuen narrativen und ästhetischen Formen zu vermitteln, auf eine traditionelle Filmsprache zu verzichten, neue Produktionsstrukturen einzuführen sowie die kollektive Autorenschaft. Im Autoren-Kollektiv "Groupe Dziga Vertov" konnte er sich in den folgenden Jahren verwirklichen. Das Arsenal Kino in Berlin zeigt die sozialistischen Agitprop-Raritäten, zu denen auch der urkomische "Vladimir und Rosa" (1970) über einen Prozess gegen US-amerikanische Politaktivisten, die die Gerichtsverhandlungen für ihre Ideen instrumentalisieren, als Schwerpunkt in seinem Programm.
Auch an den kollektiv zusammengestellten "Ciné-Tracts" (1968), den Flugblattfilmen aus Standbildern und Fotos über die "Mai-Unruhen" in Frankreich, war Godard beteiligt. Diese eingefrorenen und doch sehr lebendigen und aussagekräftigen Momentaufnahmen von kriegsähnlichen Straßenrevolten mit Steine werfenden Demonstranten/innen und schwer bewaffneten Polizisten, Massenkundgebungen, der Beerdigung eines getöteten Genossen, streikenden Arbeitern/innen, Graffitis, aber auch nackten Frauen auf Plakaten vermitteln einen authentischen Eindruck von den Zuständen in der damaligen Zeit. Hier wird die unglaubliche Dynamik deutlich, das Gefühl einer vorherrschenden, zur Erneuerung antreibenden Wut.
Heute gäbe es sicherlich auch genug Anlass für gesellschaftliche Revolte und groß angelegte Veränderungen. Es weht aber ein anderer Wind, es macht sich eher ein Gefühl der Einschüchterung vor den großen nationalen und globalen Problemen der Gegenwart und Zukunft breit. Als einen wesentlichen Anteil an “1968//2008” versuchen Protagonisten von damals wie der Regisseur Harun Farocki oder der Filmhistoriker Ulrich Gregor gemeinsam mit nach 1968 geborenen Filmemachern wie Ulrich Köhler "Bungalow", 2001/2002, "Montag kommen die Fenster", 2004-2006, das Verhältnis von Film und Politik in Vorträgen und Podiumsdiskussionen zu ergründen und die damals aufgeworfenen Fragen in Kontext zu ihrer Relevanz für die Gegenwart zu stellen.
1968 standen Film und Politik in engem Austausch, künstlerische und soziale Prozesse durchdrangen sich gegenseitig, ausgehend von den unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Brennpunkten in den jeweiligen Ländern. Ein Gegenstand für die Gegenüberstellung der filmpolitischen Situation damals und heute sind unter anderem die Filme der so genannten "Berliner Schule", der auch Köhler angehört. Jene Filme wissen die Gegenwart treffend einzufangen – die Geschichten haben sich überwiegend ins Private und Vereinzelte und oftmals in die Stagnation zurückgezogen.
Der gesellschaftspolitische Kampf der 68er zog weitreichende Reformen nach sich, von denen wir bis heute profitieren, man denke nur an die fortgeschrittene Gleichberechtigung der Frau oder die Selbstverständlichkeit, kritisch zu hinterfragen. Wenn trotz allem vieles aus der damaligen Zeit nicht mehr zeitgemäß und auf die Gegenwart anwendbar ist und die ehemals aktiven 68er längst im verhassten "Establishment" angekommen sind, bleibt es interessant, darüber zu spekulieren, wie eine Bevölkerung mit dem aufwieglerischen Potential und dem politischen Bewusstsein von damals mit den Problemen von heute umgehen würde.
Stefanie Zobl ist freie Autorin im Bereich Film.
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