Die Filme der 68er

Kreativer Brennstoff für Filmschaffende

12.6.2008 | Stefanie Zobl | Kommentar schreiben | Artikel drucken
1968 steht wie kaum eine andere Jahreszahl für eine historische Zäsur, für den Bruch mit dem Vorausgegangenen, mit der Vätergeneration. Außenpolitisch verhärtete Fronten zwischen Ost und West und innenpolitisch überholte Gesellschaftsstrukturen brachten ein grundlegendes Bedürfnis nach Umwälzung der Lebensformen und ein Beleben der politischen Kultur mit sich, führten zu massiven Straßenkämpfen und lang anhaltenden Streiks. Im Post-Wirtschaftswunder-Deutschland besetzten weiterhin etliche ehemalige Nazis führende Posten und bestimmten so über das Wohl und Wehe einer kritischen, aufbruch- und ausbruchbereiten Jugend. In den USA wurde der afroamerikanische Bürgerrechtler Martin Luther King erschossen, gab es Rassenunruhen; der Vietnamkrieg eskalierte. Trotz des Aufruhrs in vielen Ländern wie auch der Tschechoslowakei mit dem "Prager Frühling", in Japan oder Mexiko, erreichten die Proteste der Studenten/innen und Arbeiter/innen gegen als sozial ungerecht und kontraproduktiv empfundene, konservative Kräfte nirgendwo das gleiche Ausmaß wie in Frankreich im Mai 1968 und der darauf folgenden Zeit.

1968, das Jahr, das Filmgeschichte schrieb

Eine Vielzahl an Genres entstand: Dokumentarfilme, Experimentalfilme, politische Agitationen, feministische Werke, mit "Die Nacht der Lebenden Toten" von George A. Romero sogar ein Zombiefilm, Komödien, Musikfilme und Pop Art. Es gibt ein Wiedersehen mit den Werken bekannter Regisseure wie Andy Warhol, Bernardo Bertolucci, Pier Paolo Pasolini, Klaus Lemke, Agnès Varda oder Alexander Kluge, aber auch einiger weniger namhafter Autoren-Kollektive. Nationale und internationale Raritäten und Klassiker, im Großen und Ganzen anspruchsvolle und bisweilen anstrengende oder für die heutige Zeit befremdliche Filme, künden vom "Zeitgeist" der 68er-Generation.

Das Private bleibt politisch, das Politische privat

Das Werk des zu jener Zeit unermüdlich schöpferischen Jean-Luc Godard, darunter auch die Dokufiktion "One plus one" (1968), in der die "Rolling Stones" im Tonstudio ihren Song "Sympathy for the devil" erarbeiten, durchzogen von Spielszenen mit eigenwilligen politischen Statements, changierend zwischen der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung der "Black Panthers" und Hitlers "Mein Kampf", der radikal anti-bürgerliche Spielfilm "Week-end" (1967) oder "Die Chinesin"(1967) über die Irrungen und Wirrungen einer maoistisch gesinnten Studentengruppierung bourgeoiser Herkunft, nimmt immer noch eine Schlüsselrolle ein. Wollte der französische Regisseur nach eigener Aussage mit "One plus one" eine neue Filmsprache erproben, brach er nach jenem Film konsequent mit der Filmindustrie. Legendär ist die Ohrfeige, die er dem Produzenten von "One plus one" gegeben haben soll, nachdem dieser dem Film eigenmächtig einen Abschluss verpasst hatte, der überhaupt nicht im Sinne Godards war.

Godard bleibt richtungsweisend wie kein anderer für den 1968er-Film und das Lebensgefühl der damaligen Zeit. Im Mai 1968 sorgte er gemeinsam mit seinem berühmten Kollegen François Truffaut und anderen Filmschaffenden für den Abbruch der Filmfestspiele von Cannes aus Solidarität mit den streikenden Arbeitern/innen und Studenten/innen in Frankreich. Godard forderte, statt politische Filme zu machen, "Filme politisch zu machen". Das heißt, "linke" Inhalte in neuen narrativen und ästhetischen Formen zu vermitteln, auf eine traditionelle Filmsprache zu verzichten, neue Produktionsstrukturen einzuführen sowie die kollektive Autorenschaft. Im Autoren-Kollektiv "Groupe Dziga Vertov" konnte er sich in den folgenden Jahren verwirklichen. Das Arsenal Kino in Berlin zeigt die sozialistischen Agitprop-Raritäten, zu denen auch der urkomische "Vladimir und Rosa" (1970) über einen Prozess gegen US-amerikanische Politaktivisten, die die Gerichtsverhandlungen für ihre Ideen instrumentalisieren, als Schwerpunkt in seinem Programm.

Auch an den kollektiv zusammengestellten "Ciné-Tracts" (1968), den Flugblattfilmen aus Standbildern und Fotos über die "Mai-Unruhen" in Frankreich, war Godard beteiligt. Diese eingefrorenen und doch sehr lebendigen und aussagekräftigen Momentaufnahmen von kriegsähnlichen Straßenrevolten mit Steine werfenden Demonstranten/innen und schwer bewaffneten Polizisten, Massenkundgebungen, der Beerdigung eines getöteten Genossen, streikenden Arbeitern/innen, Graffitis, aber auch nackten Frauen auf Plakaten vermitteln einen authentischen Eindruck von den Zuständen in der damaligen Zeit. Hier wird die unglaubliche Dynamik deutlich, das Gefühl einer vorherrschenden, zur Erneuerung antreibenden Wut.

Die Fragen und die Antworten

Heute gäbe es sicherlich auch genug Anlass für gesellschaftliche Revolte und groß angelegte Veränderungen. Es weht aber ein anderer Wind, es macht sich eher ein Gefühl der Einschüchterung vor den großen nationalen und globalen Problemen der Gegenwart und Zukunft breit. Als einen wesentlichen Anteil an “1968//2008” versuchen Protagonisten von damals wie der Regisseur Harun Farocki oder der Filmhistoriker Ulrich Gregor gemeinsam mit nach 1968 geborenen Filmemachern wie Ulrich Köhler "Bungalow", 2001/2002, "Montag kommen die Fenster", 2004-2006, das Verhältnis von Film und Politik in Vorträgen und Podiumsdiskussionen zu ergründen und die damals aufgeworfenen Fragen in Kontext zu ihrer Relevanz für die Gegenwart zu stellen.

1968 standen Film und Politik in engem Austausch, künstlerische und soziale Prozesse durchdrangen sich gegenseitig, ausgehend von den unterschiedlichen gesellschaftspolitischen Brennpunkten in den jeweiligen Ländern. Ein Gegenstand für die Gegenüberstellung der filmpolitischen Situation damals und heute sind unter anderem die Filme der so genannten "Berliner Schule", der auch Köhler angehört. Jene Filme wissen die Gegenwart treffend einzufangen – die Geschichten haben sich überwiegend ins Private und Vereinzelte und oftmals in die Stagnation zurückgezogen.

Der gesellschaftspolitische Kampf der 68er zog weitreichende Reformen nach sich, von denen wir bis heute profitieren, man denke nur an die fortgeschrittene Gleichberechtigung der Frau oder die Selbstverständlichkeit, kritisch zu hinterfragen. Wenn trotz allem vieles aus der damaligen Zeit nicht mehr zeitgemäß und auf die Gegenwart anwendbar ist und die ehemals aktiven 68er längst im verhassten "Establishment" angekommen sind, bleibt es interessant, darüber zu spekulieren, wie eine Bevölkerung mit dem aufwieglerischen Potential und dem politischen Bewusstsein von damals mit den Problemen von heute umgehen würde.

Stefanie Zobl ist freie Autorin im Bereich Film.



www.bpb.de/themen/UEZYL5,0,Die_68erBewegung.html
Mehr über die ewigen 68er auf den Seiten der Bundeszentrale für politische Bildung

www.fdk-berlin.de
Das Kino Arsenal in Berlin steht bis Ende Juli ganz im Zeichen des Jahres 1968.




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