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Ben X

Zwischen den Welten

Kinostart: 8.5.2008 | Ingrid Beerbaum | Kommentar schreiben | Artikel drucken

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Wenn der 17-jährige Ben morgens um 5.45 Uhr aufsteht, ist die Welt noch in Ordnung. Er schaltet seinen Rechner an und beginnt den Tag mit seinen Gefährten von Chantra, dem Schauplatz des real existierenden Onlinerollenspiels Archlord. Hier ist er der mächtige Ritter Ben X, hier ist für ihn die eigentliche Welt. Da draußen, im realen Leben ist er das "Marsmännchen". So nennen sie ihn in der Schule. Und irgendwie haben sie damit auch Recht, denn Ben (Greg Timmermans) funktioniert ein bisschen anders als die anderen. Vielmehr: Er funktioniert nicht, zumindest nicht so, wie es allgemein üblich ist, und das macht ihn für seine Mitschüler/innen zur Zielscheibe des Spotts.

Anders als die anderen


Schon als Kind fiel Ben auf. Seine Eltern wussten nicht, was mit ihm nicht stimmte, und schickten ihn von Arzt zu Arzt, bis schließlich klar war: Ben ist Autist. Zwar leidet er nur unter einer leichten Form, dem Asperger-Syndrom, jedoch ist er in seinem Alltag sehr eingeschränkt. Er braucht Rituale, um sich wohl zu fühlen. Zu langsam verarbeitet sein Gehirn die Eindrücke, die auf ihn einprasseln, sodass er kaum angemessen reagieren kann. Seine Gefühle kann er nicht ausdrücken, und es fällt ihm schwer, die seiner Mitmenschen zu deuten. Berührungen erträgt er überhaupt nicht. So geht er also jeden Morgen zur selben Zeit ins Bad und bleibt dort eine genau abgemessene Zeitspanne. Zur Schule muss es immer derselbe Bus sein, die Schritte auf dem Weg zur Haltestelle sind genau abgezählt. Und dann kommt das Unwägbare, der Schulalltag, den es irgendwie zu überstehen gilt. Überall lauert die Gefahr von plötzlichen Angriffen der rüpeligen Mitschüler/innen, die nichts auslassen, um ihn zu quälen und zu demütigen. Dabei tun sich besonders zwei Jungs hervor, Bogaert und Desmet, die ihn nur als "Opfer" sehen. Versuche von Lehrern und einigen Mitschülern, ihn vor dem Schlimmsten zu bewahren, wirken eher hilflos. Freunde hat er in der Schule keine.

Eines Tages treiben es seine Schinder allerdings zu weit: Sie stellen Ben in der Klasse vor aller Augen bloß, im wahrsten Sinne des Wortes. Natürlich hat jemand eine Handykamera dabei, um die Schmach zu dokumentieren. So dauert es nicht lange, bis dieses Filmchen als "Happy Slapping"-Video im Internet landet, und das geht über Bens Schmerzgrenze hinaus. Denn damit dringt die abscheuliche reale Welt in sein eigentliches Zuhause vor, in dem er sich wirklich wohl fühlt, in der virtuellen Welt. Als Ritter Ben X stellt er sich in Archlord mutig jedem Kampf mit den schrecklichsten Monstern. Im realen Leben kann er noch nicht einmal eine Ohrfeige schnell genug erwidern. In dieser mittelalterlichen Fantasywelt hat er sogar eine Freundin, Scarlite (Laura Verlinden), eine Heilerin, die er sehr mag. Die kann ihm aber im echten Leben nicht wirklich helfen. Ben beschließt, seinem Leid ein für alle Mal ein Ende zu setzen. Das heißt für ihn als Onlinespieler: Game Over, Logout, auch im echten Leben. Und da taucht die hübsche Scarlite ganz real vor ihm auf, und alles wird anders.

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Die Welt mit anderen Augen sehen

Mit "Ben X" hat der Belgier Nic Balthasar sein eigenes Jugendbuch "Nichts war alles, was er sagte" verfilmt. Bei seiner Deutschlandpremiere in der Sektion Generation 14plus auf der diesjährigen Berlinale fand die von einem wahren Fall inspirierte Geschichte schon sehr viel Anklang. Denn Balthasar drückt nicht dramatisch auf die Tränendrüse, wie das andere vielleicht tun würden. Vielmehr versucht er sehr wirkungsvoll und mit (scheinbar) leichter Hand sowohl Verständnis für diesen seltsamen Jungen zu schaffen wie auch für seine verzweifelte Handlung. Dazu nimmt er zunächst den Zuschauenden mit in die verschobene Wahrnehmungswelt eines Autisten. Durch die Kameraführung von Lou Berghmans sieht man die Umwelt aus Bens verlangsamter, Detail versessener Perspektive, die durchaus auch witzige Aspekte hat. Mitunter kommentiert nämlich Ben befremdet das Verhalten der anderen, scheinbar so normalen Leute, etwa das Küssen: "Menschen sind komisch ... Sie trinken den Speichel voneinander."

Was den Film darüber hinaus einzigartig macht, ist die visuelle Verschmelzung von virtuellem und realem Leben. Wenn also Bogaert und Desmet Ben wieder einmal attackieren, zückt der Ritter Ben X sein mächtiges Schwert und metzelt die beiden (virtuellen) Angreifer nieder, während er im echten Leben am Boden liegt. Online- und Realfilmsequenzen sind dabei so montiert, dass sie sich für einen Moment überlappen. Dass diese beiden Sphären so fließend ineinander übergehen, liegt unter anderem daran, dass schon im Vorfeld der Dreharbeiten nach geeigneten Schauplätzen in der virtuellen Welt von Archlord gesucht wurde. Außerdem wurden die Onlineszenen nicht extra für den Film programmiert, sondern quasi virtuell gedreht. Das heißt, dass mehrere Spieler nach Anweisungen des Regisseurs mit ihren Avataren innerhalb des Games agierten. Eine ziemlich aufwendige Angelegenheit, aber für das Ergebnis hat es sich gelohnt. Denn man beginnt dadurch faktisch in Bens Welt einzutauchen und ihn ein wenig zu verstehen. Das liegt aber auch an der großartigen schauspielerischen Leistung von Greg Timmermans, der sich so linkisch und in sich versunken durch die Szenerie bewegt, als wäre er tatsächlich nicht von dieser Welt.

Neustart statt Endspiel

Sicher hat der Film auch einige Schwachstellen. So sind die Darsteller/innen eigentlich zu alt für ihre Rollen, und manche Szene wirkt vielleicht ein wenig zu dick aufgetragen. Außerdem könnten sich durch die Visualisierung aller von der Jugend genutzten elektronischen Medien einige Zuschauer/innen überfordert fühlen, die sich nicht täglich bei MySpace oder Youtube tummeln. Für diese ist der Film auch nicht gemacht, sondern genau für die, von denen er erzählt. Für die, die nicht mehr miteinander reden, sondern mailen, chatten und Netzfilmchen gucken. Für die, die andere verprügeln, weil die "komisch" oder "anders" sind. Und für die, die gehänselt oder verprügelt werden. Der Film zeigt, dass das endgültige Game Over nicht sein muss, wenn man andere an sich heranlässt, die einem helfen können. "Du musst erst lernen zu fühlen, um dich gut zu fühlen", sagt Scarlite einmal zu Ben. Das gilt nicht nur für Autisten. Ausloggen und Neustart ist viel besser.

Ben X, Belgien 2007, Buch und Regie: Nic Balthazar, mit Greg Timmermans, Laura Verlinden, Marijke Pinoy, Pol Goossen, Titus De Voogdt, Maarten Claeyssens, Tania Van Der Sanden, Johan Heldenbergh, Jakob Beks, Peter De Graef, Kinostart: 8. Mai 2008 bei Kinowelt

Foto: Verleih

Ingrid Beerbaum ist freie Journalistin und lebt in Berlin.



www.benx.be
Website zum Film (niederländisch, englisch, französisch)

www.benx.kinowelt.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz

www.kinofenster.de
Filmbesprechung auf kinofenster.de




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