Filmzauberer: Takeshi Kitano

Große Bilder, wenig Worte

27.10.2003 | Krystian Woznicki | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Mit seinem neuen Film "Dolls" feiert Kitano ein Fest der Primärfarben: "In den Kritiken zu meinen vorigen Filmen las ich ständig Sachen wie: '... wieder im typischen Kitano-Blaugrau gehalten ...' Und ich dachte: Was soll das? Ich dreh doch in Farbe - und die schreiben über meine Filme, als ob sie schwarzweiß wären! Also beschloss ich, es allen zu zeigen, und griff so tief in den Farbtopf, wie ich nur konnte."

Like a Puppet on a String

Matsumoto hat für eine Geldheirat die Liebe seines Lebens aufgegeben und Sawako damit um ihren Verstand gebracht. Als er sie am Hochzeitstag aus der Nervenheilanstalt befreit, beginnt für beide eine lange Odyssee, die sie zwar gemeinsam, jedoch gefangen in den eigenen Zwängen bestreiten - als leblose Puppen werden die Helden in "Dolls" (2002), Kitanos bislang experimentellstem Film, inszeniert.

Ohne Geld und Kontakt zur Außenwelt irren Matsumoto und Sawako auf der Suche nach ihrer vergessenen Liebe umher, ohne dabei ein Wort zu wechseln - hier wird mit Mimik und Gestik auf die Spitze getrieben, was Kitano etwa in seinem Film über ein taubstummes Pärchen ("A Scene at the Sea", 1991) erforscht hat: eine sprachlose Kommunikationskultur in Bildern, für die er seit seinem Regiedebüt mit "Violent Cop" (1989) einsteht.

Fest der Liebe

Nach "Brother" (2000), der in der Tradition von Kitanos mit Gewalt aufgeladenen Filmen stand, in denen vor allem die Waffen sprechen, thematisiert "Dolls" die Liebe in ihrer ganzen Schönheit und Komplexität: Es geht um falsche und richtige Entscheidungen und ihre Konsequenzen, um schier unüberwindbare Grenzen und Ängste. Kaleidoskopisch wechselnde Landschaftsbilder schmücken dieses Seelendrama mit prächtigen Farben aus.

Die beiden Orientierungslosen, die bald zu Obdachlosen werden, durchschreiten die vier Jahreszeiten und damit die allegorische Partitur eines ganzen Menschenlebens. Mehr noch als "Hana-bi" (1997), ein Film, in dem Kitano seine selbst kreierten Gemälde ausgestellt hat, lebt "Dolls" von Kitanos malerischem Stil. Doch im Gegensatz zu seinen früheren Werken vernachlässigt er sein der japanischen Tradition verpflichtetes Farbkonzept gegenüber einem europäisch geprägten Ansatz. In einem Interview erklärt er den Unterschied: "Nur selten sieht man in japanischer Malerei viel Hintergrund. Es gibt normalerweise einen einfarbigen Hintergrund und eine zentrale Figur. Europäische Malerei legt dagegen viel Gewicht auf den Hintergrund."

Während sich Kitano in seinem neuen Film von der kunstgeschichtlichen Tradition seines Landes abwendet, zollt der Ausnahmeregisseur den erzählerischen Bräuchen Japans Tribut: Das Puppentheater Bunraku dient ihm als Inspirationsquelle und Zitatvorlage zugleich. Doch obgleich Kitano hier das traditionell japanische Theater zitiert, lässt "Dolls" keinesfalls den Eindruck aufkommen, es handele sich um eine reine Stilübung. Ebenso wenig lässt der Film den Eindruck aufkommen, hier werde Gesehenes recycelt. Was vielmehr bei Kitanos Schaffensdrang entsteht - in den letzten 14 Jahren drehte er 10 Filme - ist ein Bilderbuch mit Beinen aus dem Blickwinkel eines Kindes, das alles mit jedem Schritt neu zu sehen glaubt.

Kitanos Wiedergeburten


Sein besonderer Blick ist nicht zuletzt auf seine Biografie zurückzuführen. Nachdem er als Komödiant, Schauspieler, TV-Moderator und Schriftsteller gearbeitet hatte, begann Kitano mit über vierzig Jahren Filme zu machen. Plötzlich stand er vor einem vollkommen neuen Medium, dessen Möglichkeiten er erst noch erforschen musste. So begann er, alles um ihn herum neu zu sehen. In einem Interview sagt er: "Es ist schwer, sich Dinge vorzustellen, die man nie gesehen hat. Ich versuche deshalb, so viel wie möglich zu tun und zu erleben, um dies für meine Imagination zu nutzen."

Im Sommer 1995 hatte er einen schweren Motorradunfall in Tokio, den er nur um Haaresbreite überlebte. Diese Erfahrung hat Kitano dann ein Jahr später in "Kids Return" verarbeitet. In vielen Interviews sprach er davon, eine zweite Chance bekommen zu haben und dass ihm dieses Gefühl die Kraft gab, das Leben noch mal von vorn zu beginnen. Wer Kitano in diesem Licht betrachtet, dürfte in ihm wohl den wahren Erfüllungsgehilfen eines Ausspruchs des Philosophen Theodor Wiesengrund Adorno erblicken, der einmal sagte: Der Mensch solle versuchen, das Kind in sich zu bewahren.

Krystian Woznicki ist freier Kritiker und Gründungsredakteur der "Berliner Gazette", Projektleiter des Archivs "911.jpg" sowie Co-Herausgeber bei "etc.-publications".

Im Berliner Filmkunsthaus Babylon wartet im November eine Werkschau des Meister der Lakonik.


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Kitano-Werkschau

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gute Informationen zu asiatischen Filmen

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