Das waren Zeiten! Ohne Quotenfixierung und Privatfernsehen konnte es sich die ARD 1982 leisten, ein Mammut-Projekt mit 28 Kilometern Zelluloid, das elfteilige Filmepos "Heimat" von Edgar Reitz, mit 10 Millionen Mark zu finanzieren. Ein unschlagbarer Erfolg des bundesdeutschen Fernsehens: 9 Millionen, rund 26 Prozent der Zuschauer/innen, saßen bei jeder Episode gebannt vor der Mattscheibe.
Zeitreise in die deutsche Provinz
Erzählt wird die Geschichte der 1900 geborenen Maria Simon und ihrer bäuerlichen Familie. Maria heiratet Paul Simon, hat mit ihm zwei Kinder. Er verlässt sie und wandert aus. Angesiedelt im Hunsrücker Dorf Schabbach beginnt die Chronik zum Ende des Ersten Weltkrieges 1919 und dehnt sich über die Zeitspanne des NS-Staates, den Zweiten Weltkrieg bis hin zu Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Die vielfach im In- wie im Ausland gesendete Dorfchronik ging in die Fernseh-Annalen ein: "Ein deutsches Meisterwerk", schrieb die FAZ.
Heimat-Touristen
Der Hunsrück – ein unbekannter Landstrich im Rheinland wurde über Nacht so berühmt, dass sich die Dörfer und Drehorte Woppenroth alias Schabbach, Rohrbach und Gehweiler zu Touristenmagneten mauserten. Ein Geheimnis des Riesenerfolgs geht sicher auf den detailbesessenen "Heimat"-Erfinder Edgar Reitz zurück, der akribisch wie ein Ethnologe eine dörflich-deutsche Gesellschaftsschicht im Spiegel der Zeit porträtierte – stimmig bis zum Dialekt. Edgar Reitz selbst ist ein Einheimischer, ein Hinterwälder. 1932 in Morbach im Hunsrück als Sohn eines Uhrmachers geboren, verließ er seinen Geburtsort bereits als junger Mann. Das eigene Motiv des Weggehens aus der dörflichen Enge und die Wiederkehr wurden so zum zentralen Film-Motiv. Besonders deutlich wird das in der zweiten Fortsetzungsreihe "Die Zweite Heimat. Chronik einer Jugend" von 1993, in der Herrmann, Marias Sohn, sich der städtischen Boheme anschließt, und endlich in "Heimat. 3. Chronik einer Zeitenwende" aus dem Jahr 2004, die zum Fall der Mauer spielt.
Heimat, Glück und Unglück
Edgar Reitz
Schluss mit den Almdudlern
Filmrevoluzzer
Das
"Heimat"-Epos
ist ein typischer Autorenfilm, da Reitz die Funktion des Regisseurs,
Co-Autors und Produzenten in einer Person vereint. Zuvor drehte er vor
allem avantgardistische Filme, darunter "Mahlzeiten" (1966)
über den Feminismus, die Kollektivarbeit "Cadillac" (1968) oder die
"Geschichten vom Kübelkind" (1968/69). Mit dem 23-Teiler, den er mit
Regisseurin Ula Stöckl für ein Kneipenkino in München realisierte,
sollte sich der Besucher sein filmisches Menu selbst zusammenstellen.
Als politisch
zu nennen ist auch Reitz' Engagement im Jahr 1977, als er sich an dem
Gemeinschaftswerk "Deutschland im Herbst" beteiligte, einer
Bestandsaufnahme und Reflexion zu den Themen Terrorismus und RAF. Mit "Heimat" kehrte er radikalen Filmexperimenten den Rücken. Trotzdem ist
das Werk keine Serie im üblichen Sinne, zu unterschiedlich sind dafür
die Längen, zu elliptisch die Erzählweise, denn es gibt keine
klassische Aufteilung nach Hauptplot und Nebenhandlung, sondern
ineinander verschränkte Episoden.
Kunst statt Kitsch
"Heimat" wandte sich zudem
polemisch gegen die Art von Vergangenheitsaufarbeitung, wie sie durch
die amerikanische TV-Serie "Holocaust" so populär geworden war. Diese
Form der Kommerzästhetik lehnte Reitz energisch ab, und er hielt sich
zurück, die von ihm dargestellten Lebensschicksale moralisch zu
bewerten: "Es lief gerade Holocaust, diese Krokodilsträne der Nation,
wo zwar die Moral stimmt, der Rest aber Kitsch ist. Ich wollte in
meinem Film diesen Zeitraum darstellen und nicht beurteilen", sagte
Edgar Reitz. Heute ist es gerade diese subtilere Haltung, die das Werk
auch noch 2008 zeitgemäß macht, weil es nicht wie andere Kulturprodukte der
Nachkriegszeit eine penetrante Verteidigungsrhetorik – es gab sie doch, die guten
Deutschen – verbreitet.
Susanne Gupta ist freie Journalistin in Berlin und Neu Delhi.
Fotos: ©Verleih
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