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Heimat: Edgar Reitz

Geschichten aus dem dunklen Hunsrück

Kinostart: 15.4.2008 | Susanne Gupta | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Das waren Zeiten! Ohne Quotenfixierung und Privatfernsehen konnte es sich die ARD 1982 leisten, ein Mammut-Projekt mit 28 Kilometern Zelluloid, das elfteilige Filmepos "Heimat" von Edgar Reitz, mit 10 Millionen Mark zu finanzieren. Ein unschlagbarer Erfolg des bundesdeutschen Fernsehens: 9 Millionen, rund 26 Prozent der Zuschauer/innen, saßen bei jeder Episode gebannt vor der Mattscheibe.

Zeitreise in die deutsche Provinz

Erzählt wird die Geschichte der 1900 geborenen Maria Simon und ihrer bäuerlichen Familie. Maria heiratet Paul Simon, hat mit ihm zwei Kinder. Er verlässt sie und wandert aus. Angesiedelt im Hunsrücker Dorf Schabbach beginnt die Chronik zum Ende des Ersten Weltkrieges 1919 und dehnt sich über die Zeitspanne des NS-Staates, den Zweiten Weltkrieg bis hin zu Wiederaufbau und Wirtschaftswunder. Die vielfach im In- wie im Ausland gesendete Dorfchronik ging in die Fernseh-Annalen ein: "Ein deutsches Meisterwerk", schrieb die FAZ.

Heimat-Touristen

Der Hunsrück – ein unbekannter Landstrich im Rheinland wurde über Nacht so berühmt, dass sich die Dörfer und Drehorte Woppenroth alias Schabbach, Rohrbach und Gehweiler zu Touristenmagneten mauserten. Ein Geheimnis des Riesenerfolgs geht sicher auf den detailbesessenen "Heimat"-Erfinder Edgar Reitz zurück, der akribisch wie ein Ethnologe eine dörflich-deutsche Gesellschaftsschicht im Spiegel der Zeit porträtierte – stimmig bis zum Dialekt. Edgar Reitz selbst ist ein Einheimischer, ein Hinterwälder. 1932 in Morbach im Hunsrück als Sohn eines Uhrmachers geboren, verließ er seinen Geburtsort bereits als junger Mann. Das eigene Motiv des Weggehens aus der dörflichen Enge und die Wiederkehr wurden so zum zentralen Film-Motiv. Besonders deutlich wird das in der zweiten Fortsetzungsreihe "Die Zweite Heimat. Chronik einer Jugend" von 1993, in der Herrmann, Marias Sohn, sich der städtischen Boheme anschließt, und endlich in "Heimat. 3. Chronik einer Zeitenwende" aus dem Jahr 2004, die zum Fall der Mauer spielt.

Mit einem Dokumentarfilm über die Hunsrücker Dörfer fing alles an. Für "Heimat" sammelte Reitz massenhaft Material aus Zeitungsartikeln, Erinnerungen und Zeitzeugenberichten. Ganze zwei Jahre verbrachte er mit seinem Co-Autor in Woppenroth, saß dort in der Kneipe und hörte zu. So entstand im ständigen Fluss der Kommunikation mit den Menschen vor Ort ein Drehbuch mit einem stark semi-dokumentarischen Charakter. Leben hauchten der Fiktion am Ende Reitz' Gespür für ein grandioses und unverbrauchtes Darsteller-Ensemble ein.

Heimat, Glück und Unglück

"Heimat" – der Titel klingt nach "Grün ist die Heide", der Muff der Vertriebenen scheint ihm anzuhaften. Reitz wollte aber bewusst über die mitunter schreckliche Hypothek des Begriffs ansprechen. Lange meinte"Heimat" ja schlicht "Haus", "Hof", "Besitz" und hatte keinen sentimentalen Glanz an sich. Erst im Verlauf des 19. Jahrhunderts luden ihm die Romantiker Gefühlswerte wie Vertrautheit, Verwurzelung, Ruhe und Abgesichertheit auf. Damals entstanden die Heimatbewegungen und das Genre der Heimaterzählung, repräsentiert etwa durch Autoren wie Ludwig Ganghofer, in dessen kitschigen Dorfgeschichten die Heimat in Form des Ländlichen als Gegenentwurf zur Stadt angepriesen wurde. Die Stadt, der Moloch, der Sündenpfuhl, sie stand für Industrialisierung, Entfremdung und die kapitalistische Herabwürdigung der Natur zur Ware. Obwohl die Bewegung durchaus forschrittskritisch war, in dem sie auf die negativen Folgen der Naturzerstörung hinwies, zeigte sie andererseits präfaschistische Tendenzen. So haben die Nazis Heimatliebe und Nationalismus zu einer auf Rasse und Volkstum basierenden Blut-und-Boden-Heimatideologie verschmolzen.

Edgar Reitz

Schluss mit den Almdudlern

Edgar Reitz, einer der führenden Köpfe der Film-Gruppe, die Papas Kino den Tod erklärt hatte, hatte damit nichts im Sinn. In den 1960er-Jahren trat er neben Alexander Kluge dafür ein, "den neuen deutschen Spielfilm zu schaffen". Er hasste die Bigotterie des Heimatfilms der fünfziger Jahre und sagte als Mitunterzeichner des Oberhausener Manifestes von 1962 dem "Schnulzenkartell der Altproduzenten" den Kampf an. In "Heimat" demontiert er den Begriff, indem beispielsweise Carl Froehlichs Spielfilm "Heimat" von 1938 zitiert und thematisiert wird.

Porös und fiebrig unter der Decke der Gemütlichkeit

Die Geborgenheit, Sicherheit und Zugehörigkeit – all das, was allgemein mit Heimat assoziiert wird, ist bei Reitz nur noch Sehnsucht. In Schabbach stehen ständig Veränderungen zur Debatte, politische oder technologische, die in den Dorfkosmos eindringen. So zeigt die erste Folge zwar ein Dorf, das in Mentalität und in Lebensgewohnheiten noch archaische Züge trägt, doch löst sich diese Existenzform auf, etwa verdeutlicht durch die Erfindung des Radios. Gekonnt wird die Entwicklung der Medien, von Radio, Film, Wochenschau und Fernsehen, inszeniert, um die Manipulation der Realität transparent zu machen.


Filmrevoluzzer

Das "Heimat"-Epos ist ein typischer Autorenfilm, da Reitz die Funktion des Regisseurs, Co-Autors und Produzenten in einer Person vereint. Zuvor drehte er vor allem avantgardistische Filme, darunter "Mahlzeiten" (1966) über den Feminismus, die Kollektivarbeit "Cadillac" (1968) oder die "Geschichten vom Kübelkind" (1968/69). Mit dem 23-Teiler, den er mit Regisseurin Ula Stöckl für ein Kneipenkino in München realisierte, sollte sich der Besucher sein filmisches Menu selbst zusammenstellen. Als politisch zu nennen ist auch Reitz' Engagement im Jahr 1977, als er sich an dem Gemeinschaftswerk "Deutschland im Herbst" beteiligte, einer Bestandsaufnahme und Reflexion zu den Themen Terrorismus und RAF. Mit "Heimat" kehrte er radikalen Filmexperimenten den Rücken. Trotzdem ist das Werk keine Serie im üblichen Sinne, zu unterschiedlich sind dafür die Längen, zu elliptisch die Erzählweise, denn es gibt keine klassische Aufteilung nach Hauptplot und Nebenhandlung, sondern ineinander verschränkte Episoden.

Kunst statt Kitsch

"Heimat" wandte sich zudem polemisch gegen die Art von Vergangenheitsaufarbeitung, wie sie durch die amerikanische TV-Serie "Holocaust" so populär geworden war. Diese Form der Kommerzästhetik lehnte Reitz energisch ab, und er hielt sich zurück, die von ihm dargestellten Lebensschicksale moralisch zu bewerten: "Es lief gerade Holocaust, diese Krokodilsträne der Nation, wo zwar die Moral stimmt, der Rest aber Kitsch ist. Ich wollte in meinem Film diesen Zeitraum darstellen und nicht beurteilen", sagte Edgar Reitz. Heute ist es gerade diese subtilere Haltung, die das Werk auch noch 2008 zeitgemäß macht, weil es nicht wie andere Kulturprodukte der Nachkriegszeit eine penetrante Verteidigungsrhetorik – es gab sie doch, die guten Deutschen – verbreitet.

Susanne Gupta ist freie Journalistin in Berlin und Neu Delhi.

Fotos: ©Verleih



www.edgar-reitz.de
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Umfangreiche Sammlung von Informationen, Materialien, Berichten und Diskussionsbeiträgen zur Heimat-Trilogie

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Kinowelt ist der Filmverleih von Heimat 3 und Verleger der DVD-Ausgaben aller drei Teile der Trilogie sowie der Sondereditionen.




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