Abgedreht

Die Liebe zum Kino

Kinostart: 3.4.2008 | Ernst Kramer | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Dass jemand dem schlimmsten Medium der letzten dreißig Jahre mal ein Denkmal setzt, war nicht unbedingt zu erwarten: VHS galt schon zu seiner Einführung als technisch minderwertig, jeder Filmfreund weiß Geschichten von Bandsalat, falscher Spurlage, hoher Abnutzung und anderen Katastrophen zu erzählen. Aber Michel Gondry, gefeierter MusikClip- und Filmregisseur ("Vergiss mein nicht!"), scheint genau zu wissen: VHS symbolisiert wie nichts anderes die Liebe zum Film. Das fisselige Magnet-Band garantierte ab den späten 1970ern Filmgenuss unabhängig von Aufführungszeiten und erlaubte allen Amateurfilmern/innen, günstig selbst kreativ zu werden. VHS hat Kino demokratisiert. "Abgedreht" setzt dem widerspenstigen Medium ein launiges Denkmal.

Kino-Pop wiederbelebt

In Passaic, einem kleinen Städtchen westlich von New York, gehen die Uhren langsamer als anderswo. Daher gibt es in der Ausleihe des alten Mr. Fletcher (Danny Glover) auch immer noch ausschließlich VHS-Kassetten. Als sein Gehilfe Mike (Mos Def) ihn eines Tages mal vertreten muss, löscht dessen Freund, Werkstattbesitzer Jerry (Jack Black), versehentlich alle vorhandenen Bänder, schlichtweg durch seinen Magnetismus. Den hat sich der Paranoiker bei einer misslungenen Elektrizitätswerk-Sabotage geholt. In ihrer Not beschließen die beiden, einfach die von der Kundschaft verlangten Filme selbst zu drehen. In der Reinigung um die Ecke finden sie Alma (Melonie Diaz), die fortan alle weiblichen Hauptrollen übernimmt, nachdem sich Jerrys Mechaniker Wilson geweigert hat, seinen Chef für das Remake von "Rush Hour 2" zu küssen. Von einem Tag auf den anderen stehen die Menschen vor der Videothek Schlange, um die von Jerry als "schwedische Import-Versionen" deklarierten Videos auszuleihen …
Über Shakespeare sagt man: Egal wer ihn aufführt oder übersetzt, man bekommt ihn nicht kaputt. Dasselbe gilt dann wohl auch für Ivan Reitmans "Ghostbusters". Wenn Jerry und Mike als Debütfilm ein Remake genau davon fabrizieren, merkt man, wie nachhaltig dieser 24 Jahre alte Film im popkulturellen Gedächtnis verankert ist und wie typisch Jerry und Mike agieren, selbst wenn ihre Kostüme aus Alufolie und ihre Protonenwaffen aus Faschingsdeko gemacht sind.

Der VHS ein Denkmal


Auf diese Art bearbeiten – oder vielmehr "schweden" – Jerry, Mike und ihre Freunde/innen noch etliche andere Filme, unter anderem "King Kong", "König der Löwen" (1994) und "Robocop"(1987) – insgesamt eine angenehm unelitäre Auswahl. Gondry hat es nicht nötig, dem Publikum mit kulturell besonders wertvollen Filmen seinen guten Geschmack zu beweisen. Das wäre im Zusammenhang mit dem Massenmedium VHS auch verlogen. Und Gondry braucht freilich genau das Plakative dieser Filme, weil sich subtile oder feine Dinge nicht so wunderbar parodieren lassen. Die "geschwedeten" Versionen wimmeln von analogen Bildertricks, Perspektivwechseln und bunten Pappkarton-Dekos. Eine Pizza Margherita unterm Kopf als Blutlache (Remake von "Boyz n the Hood", 1991) hat wohl auch noch niemand benutzt. So bleibt das Ganze ein typischer Gondry: verspielt, originell, und ziemlich unverwechselbar.

Die Ladenhüter

Dabei lebt das Geschehen lange nicht nur von den Filmparodien. Jack Black und Mos Def entwickeln auch als Ladenhüter eine hervorragende Dynamik, die in etwa der von Dante und Randal in "Clerks" (1994) entspricht: Den enthusiastischen, feurigen Jerry und den sympathischen, ständig um Schadensbegrenzung bemühten Mike könnte man sich gemeinsam mit all den anderen Kleinstadt-Originalen auch als Akteure einer genialen Sitcom vorstellen.

Seinen Figuren so überbordende Kreativität zu injizieren, katapultiert den Film ins Reich der schönen Absurdität. Nie im Leben könnten sich zwei normale Burschen und eine Frau innerhalb so kurzer Zeit derartige Umsetzungen von Filmen ausdenken. Aber "Abgedreht" bleibt bei aller Versponnenheit immer dann auf dem Boden, wenn sich interessante Bezüge herstellen lassen, was nicht selten der Fall ist. So verweist Gondry auf sehr reale Verhältnisse, wenn Jerry, Mike und Alma den 1990 oscarprämierten "Miss Daisy und ihr Chauffeur" verfilmen, in dem die gute alte Miss Daisy ihren schwarzen Chauffeur zu einem besseren Menschen macht – und umgekehrt. Die Wahl scheint zunächst obskur, aber bald wird klar, "Abgedreht" setzt auf das Potenzial dieses Rührstücks, um den US-amerikanischen Rassenkonflikt zu thematisieren: Black als Miss Daisy nutzt seine privilegierte Rolle gegenüber Mike aus, bis der Knoten platzt, weil Mike plötzlich nicht mehr spürt, wo der Unterschied zwischen Filmrolle und gespielter Erniedrigung liegt. Man merkt, dass Dave Chappelle, für den Gondry "Blockparty" inszenierte, an der ursprünglichen Konzeption beteiligt war und Gondry dabei die Lust auf das Spiel mit rassischen Stereotypen eingeimpft hat.

Weg von den Vorbildern


Auf dem Höhepunkt des Erfolgs seiner Schützlinge bekommt der alte Mr. Fletcher leider eine Urheberrechtsklage, woraufhin Jerry und Mike schließlich ihren ersten wirklich eigenen Film drehen: ein Biopic über den Jazzpianisten Fats Waller, der angeblich im Haus von Fletchers Videothek geboren ist. Frei nach dem Prinzip VHS sollen alle Freunde/innen und Bewohner/innen des Viertels mitwirken.

Die Uraufführung des Films findet dann vor der gesamten Nachbarschaft statt, mit den Einnahmen soll das abbruchreife Haus gerettet und die Klage abgewendet werden. Diese letzte Vorstellung erinnert an das entwaffnend naive und bewegende Ende von Guiseppe Tornatores "Cinema Paradiso" (1988). In beiden Filmen bildet eine besondere Filmvorführung den emotionalen Kern: eine Besinnung auf das Vergangene, auf die Tradition.

Leider schafft Gondry es nicht ganz, für diesen letzten Teil des Films die Spannung aufrecht zu halten. Dazu ist die Nachstellung des Lebens von Fats Waller mit "schwedischen" Methoden ein wenig zu uninteressant geraten. So laufen gerade zum Schluss die beiden Triebsätze der Handlung, die speziellen Film-Remakes und der soziale Kommentar, ein wenig ins Leere. Auch wenn Gondry in Interviews betont, letztlich keine Verbeugung vor bestimmten Filmen, sondern das Feiern einer Art Kreativität für alle anzustreben: Am unterhaltsamsten bleiben eben doch die konkreten Film-Parodien. Weil sie ja irgendwie uns allen gehören.

(Be Kind Rewind) USA 2007, Buch und Regie: Michel Gondry, mit Jack Black, Danny Glover, Mos Def, Mia Farrow, Melonie Diaz, Paul Dinello, Marcus Carl Franklin, Sigourney Weaver, Kinostart: 3. April 2008 bei Senator

Fotos: ©Verleih

Ernst Kramer ist freier Journalist in Berlin.


www.bekindmovie.com
Website zum Film (englisch)

www.abgedreht.senator.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film

www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)