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Man schrieb das Jahr 1967. Es war der Herbst, der auf den Sommer folgte, der später als "der Sommer der Liebe" in die Geschichte eingehen sollte. Die Haare waren lang, die Musik psychedelisch und die Drogen bewusstseinserweiternd, als mitten in Kalifornien, in das sich Horden Frieden liebender Hippies aufgemacht hatten, als mitten in dieser neuen Zeit plötzlich der Faschismus ausbrach.
Um seinen Schülern/innen die eigene Verführbarkeit zu demonstrieren und die Gefahren von totalitären Ideologien zu verdeutlichen, hatte William Ron Jones, Geschichtslehrer an einer kleinen Highschool in Palo Alto, ein Experiment begonnen: Mit Hilfe seiner Zöglinge erschuf er eine Bewegung, nannte sie "The Third Wave", erfand einen Gruß und versorgte sie mit Sinnsprüchen. Zwei Wochen sollte der Versuch dauern, nach fünf Tagen brach Jones entsetzt ab. Jahre später erinnerte sich der Lehrer an das fehlgelaufene Experiment als "das Beängstigendste, was mir jemals in einem Klassenzimmer passiert ist".
Der Reiz des Totalitären
Fast jeder kennt diese Geschichte. Meist aus dem Schulunterricht, wo der auf den Ereignissen von Palo Alto beruhende Roman "Die Welle" von Morton Rhue oder der gleichnamige US-amerikanische Fernsehfilm oft zum Unterrichtsstoff gehören, wenn im Lehrplan das Dritte Reich auf dem Programm steht. Dennis Gansel hat nun ein Remake des Films von 1981 gefertigt, das den Stoff ins Deutschland der Jetztzeit verlegt, behutsam aktualisiert und den veränderten Gegebenheiten anpasst.
Der 35-jährige Regisseur hat sich bereits in seinem vorherigen Film mit dem Faschismus beschäftigt. In "Napola - Elite für den Führer" hat er das Leben an einer so genannten Nationalpolitischen Erziehungsanstalt der Nazis beschrieben und versucht, die Verführbarkeit des Einzelnen durch das Elitedenken der NSDAP zu ergründen. Diesmal widmet er sich dem komplementären Phänomen, den massenpsychologischen Reizen des Totalitären.
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Die Schüler/innen, gelangweilt von einem Leben, das bestimmt wird von virtuellen Realitäten und inhaltslosem Konsum, nehmen die Vorgaben des Versuchs bereitwillig auf. Außenseiter/innen werden integriert, ein nicht gekanntes Gemeinschaftsgefühl entsteht. Die Bewegung wächst, immer mehr Schüler/innen stoßen hinzu. Sie alle sind fasziniert davon, zu einer Gruppe zu gehören, deren Inhalte aber sind ihnen egal. Ein Logo wird entworfen, eine Uniform angelegt, eine Webseite entwickelt, ein neuer Mensch entsteht in den Köpfen. Langsam nur kristallisieren sich die negativen Effekte totalitären Gedankenguts heraus. Gegner/innen werden ausgemacht, Kritiker/innen ausgeschlossen, Widerspruch eliminiert und Feinde verfolgt – Wenger verliert die Kontrolle über seine Jünger, dem Zauberlehrling wächst die eigene Schöpfung über den Kopf. Der Faschismus ist in der Welt.
Beim diesjährigen Sundance Filmfestival war die Wiederauflage von "Die Welle" ein Erfolg bei der Kritik und vor allem bei den internationalen Einkäufern. Sogar Star-Mime Brad Pitt, ließ Regisseur Gansel nach seiner Rückkehr verlauten, sei nun interessiert an einem Remake des Remakes. Tatsächlich hat der Stoff natürlich nichts von seiner Aktualität verloren – ein Blick etwa nach Russland und in viele andere Länder beweist, dass Demokratie alles andere als selbstverständlich ist.
Entstaubt, aber mit großem Knall
Bei der nötig gewordenen Anpassung an die Gegenwart sind Gansel und Peter Thorwarth, der mit ihm das Drehbuch verfasst hat, vorsichtig vorgegangen. Die Grundzüge der Buch- und Filmvorlage haben sie übernommen, nur feiern die Abiturienten/innen von heute natürlich in einem verlassenen Fabrikgebäude, kommunizieren mit Handys, nutzen die Möglichkeiten des Internets und drehen mit dem Skateboard ihre Runden in der Halfpipe. Dem Film gelingt es, die Lebensumstände seiner Protagonisten/innen und deren Sprache genau nachzustellen und so die Geschichte erfolgreich zu entstauben. Niemals auch begibt sich "Die Welle" in die Gefahr, die sich anbietenden Klischees des Paukerfilms zu bedienen, und macht so den zwangsläufigen Fortgang der unheilvollen Entwicklung nachvollziehbar. Das gelingt vor allem, weil nicht nur Jürgen Vogel, sondern auch die Nachwuchsdarsteller/innen ihre Rollen hervorragend ausfüllen.
Allerdings geht mit der Aktualisierung des Stoffes auch eine Dramatisierung einher. Die beiden Drehbuchschreiber scheinen ihrem Publikum, der Generation 2.0., nicht so weit zu vertrauen, dass sie ohne die aus Hollywoodproduktionen gewohnten Knalleffekte und Eskalationen hätten auskommen wollen. Es muss Blut fließen, das Experiment nicht nur scheitern, sondern in der Katastrophe enden. Doch die abschließend viel zu schnell rotierende Gewaltspirale wirkt unglaubwürdig, lässt den Film dann doch zum Spektakel verkommen und torpediert in letzter Konsequenz dessen Absichten – nämlich selbstständiges Denken und Individualität als Bürgerpflicht und einziges Mittel gegen autoritäre Tendenzen einzufordern.
Die Welle, Deutschland 2008, Regie: Dennis Gansel, Buch: Dennis Gansel, Peter Thorwarth nach dem gleichnamigen Roman von Morton Rhue, mit Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Christiane Paul, Elyas M'Barek, Cristina Do Rego, Jacob Matschenz, Ferdinand Schmidt-Modrow, Kinostart: 13. März 2008 bei Constantin
Fotos: Verleih
Thomas Winkler, 42, lebt und arbeitet am Rande Berlins mit Frau und zwei Töchtern, die beide "Die Welle" bereits gelesen haben.
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