I'm Not There

Die vielen Gesichter des Bob Dylan

Kinostart: 28.2.2008 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Seit über 40 Jahren steht Bob Dylan – mehr oder weniger – auf der Bühne und in dieser Zeit hat er sich regelmäßig neu erfunden, immer darauf bedacht, sich dabei im Ungefähren zu bewegen. Das Vage war sein Geschäft; es hat im rasanten Pop-Betrieb das Interesse an seiner Person nie schwinden lassen.

Todd Haynes Dylan-Auslegung "I'm Not There" ist genauso ein Produkt dieser Mythologie wie er auch den unmöglichen Versuch unternimmt, den Mythos in all seinen Facetten zu durchdringen. Das Bild, das dabei entsteht, ist notwendigerweise gebrochen, so wie auch Dylans Künstler-Persona immer eine gebrochene war: befreit durch die Widersprüche, mit denen er sich umgab, gefangen in den Erwartungen seiner Fans, die er oft genug gekonnt unterlief. Was liegt also näher, wenn man Bob Dylan schon nicht zu fassen bekommt, als ihn gleich aus sieben Perspektiven mit sechs verschiedenen Schauspielern/innen darzustellen? "I'm Not There" treibt das Genre des Musiker-Biopics, das sich in den letzten Jahren wachsender Beliebtheit erfreut, auf die Spitze.
Also der Reihe nach: Sechs Darsteller/innen spielen Bob Dylan, ohne dass eine der Figuren Dylans Namen trägt. Allen voran natürlich Cate Blanchett, die für ihre Interpretation des Dylans aus der "Don't Look Back"-Phase (der "elektrische" Dylan) zurecht für einen Oscar nominiert wurde. D.A. Pennebakers wegweisende Dokumentation "Don't Look Back" von 1965, die Haynes zwar nicht direkt als Vorbild diente, aber trotzdem die stärksten Erinnerungen wachruft, ist heute eins geworden mit der Pop-Ikone Dylan. Blanchetts verdrogte Androgynität verstärkt Dylans Neo-Dandyismus jener Jahre sogar noch. Aber es bleiben auch, bei aller Schönheit von Ed Lachmanns Schwarz-Weiß-Fotografie, die selbstbezüglichsten Momente in Haynes Film. Viel interessanter, weil surrealer, sind die Szenen mit Richard Gere als Dylans spätes Alter Ego "Billy the Kid" – eine Hommage an Peckinpahs Spätwestern. Christian Bale spielt den jungen Protest-Dylan, Heath Ledger in einem Antonioni-artigen Beziehungsdrama mit Charlotte Gainsbourg den mittleren Dylan auf dem Weg zum großen Durchbruch. Es ist ein heilloses Durcheinander, das durch die Stream-of-Consciousness-Erzählung notdürftig zusammengehalten wird.

Wenn doch nicht ganz das Meisterwerk, das er gerne sein würde, ist "I’m Not There" wenigstens das Biopic, das alle weiteren Biopics überflüssig machen könnte. Den biografischen Gewissheiten des Genres, die sich in immer formelhafteren Filmen selbst zu genügen schienen (man denke nur an "Dreamgirls" oder selbst den noch recht passablen "Walk the Line"), setzt Haynes die Macht der Eventualität entgegen. "I’m Not There" ist ein Werk der puren Spekulation – schon in der Konsequenz, wie Haynes Leben und Werk Dylans miteinander vermengt. Sicher, herausgekommen ist ein postmodernes Geplänkel, mitunter auch nervig in der Art, wie der Film seine eigene Cleverness ausstellt. Trotzdem kann man sich Haynes Ansatz kaum entziehen, und wenn man nur dahinter zu kommen versucht, worauf er eigentlich hinaus will. Am Ende bleibt Dylan noch rätselhafter als zuvor. Aber das ist immer noch besser als all die vorgekauten Antworten und Gemeinplätze, die Biopics normalerweise bereithalten.
Andreas Busche

I'm Not There, USA 2007, Regie: Todd Haynes, Buch: Todd Haynes, Oren Moverman, mit Christian Bale, Cate Blanchett, Heath Ledger, Richard Gere, Julianne Moore, Michelle Williams, Ben Whishaw, Charlotte Gainsbourg, Marcus Carl Franklin, David Cross, Kinostart: 28. Februar 2008 bei Tobis

Foto: Verleih


www.imnotthere-movie.com
Website zum Film (englisch)
www.imnotthere-derfilm.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film
www.visionkino.de
Filmtipp von Vision Kino, Netzwerk für Film und Medienkompetenz




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