Dylan-Spezi: Manfred Maurenbrecher

Dem Mythos auf der Spur

28.2.2008 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
15 Alben hat Manfred Maurenbrecher bislang aufgenommen; Songs geschrieben für Spliff, Hermann van Veen oder Katja Ebstein, aber auch Drehbücher für Fernsehserien und Beiträge fürs Radio. Neben Randy Newman, Leonard Cohen und Tom Waits hat er auch schon "sieben oder acht Songs" von Dylan ins Deutsche übertragen und freut sich sehr auf "I'm Not There".

fluter.de: Sie beschäftigen sich seit Ihrer Jugend mit Dylan, 1978 haben Sie ihn das erste Mal live gesehen. Warum hat Dylan Sie seitdem in seinen Bann gezogen?

Manfred Maurenbrecher:
Als Jugendlicher in den späten sechziger Jahren hat mich fasziniert, dass jemand, der auch nur ein paar Jahre älter ist als ich, weltberühmt ist – so wie heute vielleicht Justin Timberlake.

Bob Dylan als Teeniestar?

Ja, Dylan war damals ein richtiger Teeniestar. Es gab Poster und Interviews in der Bravo. Aber er ist ganz weit oben, lässt das alles knallen und zieht sich zurück.

Der berühmte Motorradunfall von 1966, mit dem die Rockstar-Karriere von Dylan endete.

Genau. Ich dachte, der ist tot oder zumindest schwer krank. Doch der Unfall war gar nicht so schlimm, eher eine Möglichkeit für ihn, alle Termine abzusagen. Der ist also quicklebendig, aber wollte das alles nicht mehr – und das fand ich ganz großartig, diese Wahlfreiheit, diese Verweigerung.

Das war vor vierzig Jahren. Heute will
"I'm Not There"-Regisseur Todd Haynes, so sagt er, mit seinem Film Dylan einem jüngeren Publikum nahe bringen.

Es muss doch keine Jugend für Dylan gewonnen werden, die dürfen auch mal was verpassen. Es ist doch eh schöner, wenn man als Einzelner etwas für sich entdeckt. Und da gibt es sicherlich viel zu entdecken bei Dylan.

Was denn?

Dylan hat sehr schöne Texte geschrieben. Vor allem stellt er die Dinge auf die Bühne, interpretiert sie immer wieder neu, während seine Stimme das Leben in Aufstieg und Verfall nachspielt. Das ist seine Leistung.

Haben Sie sich schon mal ertappt bei dem Gedanken: Ja, so möchte ich auch schreiben können?


Nein, das wusste ich schon sehr früh, spätestens mit 18 Jahren. Aber ich habe früher schon mal gedacht: So möchte ich leben können. Alles hinschmeißen und noch mal ganz von vorne anfangen, das hat Dylan x-mal gemacht und ich eigentlich nie. Ich würde mich das nie trauen, aber diese Kraft habe ich immer bewundert.
Wie erklärt sich die kultische Verehrung für den Mann?

Dylan ist ein widersprüchlicher Typ. Und obwohl er dies immer wieder bestreitet, lässt er doch auf Antworten hoffen. Er erweckt immer wieder den Eindruck, als wisse er mehr, als könnte er tiefer dringen und Antworten geben. Bob Dylan hat Züge ähnlich einem Religionsstifter. Die, die kein anderes Ziel im Leben haben, können sich damit ausgiebig beschäftigen. Ganz ähnlich wie bei Jesus, Mohammed oder auch einem Goethe: ob Frauen oder Freiheit, ob es um Liebe oder Krieg geht. Von Dylan gibt es zu jeder Frage mittlerweile Aussagen.Viele sind ganz widersprüchlich.

Hat Dylan eine Strategie? Steckt dahinter ein großer Plan?

Nicht Dylan. Früher dachte ich, die Kulturindustrie habe jemanden wie Dylan erschaffen, weil der so gut von allen anderen Themen ablenken kann. Mit Dylan konnte man zwei Generationen junger, rebellischer Menschen beschäftigen und ihnen so die Zeit nehmen, Revolution zu machen. Dylan war einfach das Genie zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Wäre er im Kaukasus, dem Land seiner Vorfahren, geboren, hätte er vielleicht ein georgischer Volksheld werden können, aber wohl kaum diese weltweite Wirkung entfaltet. Er war zu einer Zeit des Umbruchs im Mittelpunkt des kulturellen Imperialismus zu Hause.

Dylan verweigert seit Jahrzehnten jede Auskunft zu seinem Werk. Basiert darauf der Kult?

Das ist ja auch nur eine Legende. Dylan gibt Interviews, er moderiert eine Radio-Sendung, er hat ein Buch geschrieben, in dem er zu vielen Songs Erklärungen abgibt.

Denken Sie wie viele andere Dylan-Fans, dass er den Literatur-Nobelpreis verdient hätte?


Nein. Ich finde, das Nobelpreis-Komitee sollte sich da mehr Mühe geben und jemanden finden, der bedeutende Sachen geschrieben hat, den aber nur 200 Leute kennen. Das sollte die Aufgabe solch eines Preises sein. Dylan hat zwar durchaus die literarische Qualität, aber der braucht weder das Geld noch die Anerkennung.
Interview: Thomas Winkler

Fotos: Wolfgang Jafaar / Ketil Blom (GNU Free Documentation License)


www.lieblingslied-records.de
Lieblingslied Records präsentiert eine Protest-Songs-CD.
www.bpb.de/publikationen
Die Inszenierung von Protest und seine Chancen auf Erfolg: Überlegungen des Wissenschaftlers Dieter Rucht






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