Langsam, ganz langsam umspielt der Friseur mit dem Rasiermesser die Haut und setzt zur Rasur an. Ruhig gleitet es am mit Schaum eingeschmierten Hals entlang. Doch dann, plötzlich und ganz unvermittelt, ein kräftiger Schnitt. Ganz tief durch die Kehle, bis das Blut wie in einer Fontäne spritzt, strömt und sich schwallweise ergießt, bevor danach ein Tritt auf ein Pedal am Friseurstuhl erfolgt und die Opfer in die Tiefe fallen, wo sie mit unappetitlicher Geräuschuntermalung auf den steinigen Kellerboden klatschen.
Johnny wetzt das Messer
"Das ist nicht 'Hairspray'", schrieb die New York Times warnend hinter die Altersangabe unter der Kritik. Nein, es ist "Sweeney Todd - Der teuflische Barbier aus der Fleet Street" von Tim Burton. Auch ein Musical zwar, aber ein ziemlich finsteres, in dem es wenig zimperlich zugeht. In leuchtendem Rot rinnt das Blut darin immer wieder durch das sonst fast schwarzweiße London zur Mitte des 19. Jahrhunderts. Damit führt es geradewegs in das Herz eines zerstörerischen Melodrams, bevor es in der Kanalisation versickert und die Toten im unbesorgten Leichenrecycling von Helena Bonham Carter als Mrs. Lovett in der Fleischpastete für ihr plötzlich blendend laufendes Restaurant verarbeitet werden.
Einblicke in kaputte Seelen
Unter dem Horror und dem schwarzhumorigen Umgang mit Tabuthemen wie unbeschwertem Kannibalismus und gnadenlosem Morden am laufenden Band legt "Sweeney Todd" seinen melodramatischen Kern mit all seiner Bitterkeit frei. Der Schlüssel dazu ist die Musik von Stephen Sondheim, die denkbar weit von der Lloyd-Webber'schen Gefälligkeit anderer Genrevertreter entfernt ist, und natürlich der dazugehörige Gesang von den durchweg hervorragenden, aber überwiegend Musical-unerfahrenen Darstellern/innen: ob Depp und Bonham Carter, ob Alan Rickman als Richter, Timothy Spall als dessen unangenehm schmieriger Gehilfe Beadle oder Sacha Baron Cohen als Todds verschlagener Friseurkonkurrent Pirelli, der als einer der Ersten sein Leben aushauchen wird.
Furchtbar ergreifend, mitunter schmerzvoll und rührend tragen sie mit ihren unperfekten Stimmen die Songs vor, die in Burtons geschickter Inszenierung sanft ineinander fließen. Sie ermöglichen den Blick in die kaputten Seelen, dringen bis ins Innere Todds und legen dessen zerstörerische Emotionen frei. Das geht tiefer als jede andere bisherige Exkursion in Burtons Imagination und tiefer, als sich Sweeney Todds Klinge in die Haut seiner Opfer schlitzen kann. Es ist so tief wie die Wunden in einem Herz, die durch Einsamkeit, Trauer, Verzweiflung und Rachegefühle dort hineingeschnitten wurden.
(Sweeney Todd: The Demon Barber of Fleet Street) USA 2007, Regie: Tim Burton, Buch: John Logan nach dem gleichnamigen Musical, mit Johnny Depp, Helena Bonham Carter, Alan Rickman, Sacha Baron Cohen, Timothy Spall, Jamie Campbell Bowe, ab 16, Kinostart: 21. Februar 2008 bei Warner Bros.
Fotos: ©Verleih
Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.
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