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Das Schicksal hat es gut gemeint mit Christopher McCandless (Emile Hirsch), zumindest auf den ersten Blick: Er ist hübsch, charmant, seine Eltern haben Geld, und am College regnet es Einser. Aber in Wirklichkeit ist er mit allem unzufrieden. Er überweist seine gesamten Ersparnisse an eine Stiftung, tauft sich Alexander Supertramp und beginnt einen Backpacker-Trip nach Alaska, ohne irgendjemandem Bescheid zu sagen. Nach zwei Jahren gelangt er an sein Ziel, bezieht einen verlassenen Bus, jagt Wild und sammelt Beeren ...
Am Anfang: Postkartenidylle
Eins vorweg: Wer mit gezupften Gitarren den Muff alter Western oder längst vergangener Hippie-Romantik verbindet, der wird in diesem Film zunächst große Qualen leiden. Ungefähr alle drei Minuten setzt eine Westerngitarre zum launigen Geklimper an. Zu verantworten hat dies Eddie Vedder von Pearl Jam. Dazu inszeniert Regisseur Sean Penn Christophers USA-Tour als Naturspektakel auf Postkartenniveau. Relativ bieder und ungebrochen wird hier der amerikanische Westen abgefeiert. Da wünscht man sich direkt das weite Kasachstan und Schlöndorffs "Ulzhan" herbei.
So hangelt sich McCandless für ein paar gefühlte Ewigkeiten durch die amerikanische Landschaft. Aber gottlob sind die Menschen, denen er begegnet, nicht so öde wie die Orte. Im Gegenteil: Hier ist Penn in seinem Element. Man spürt die Energie, mit der er sich um Besetzung und Inszenierung der Figuren gekümmert hat. So trifft Christopher zunächst auf ein in die Jahre gekommenes Aussteigerpärchen (Catherine Keener und Brian Dierker), teilt dessen Lebensgefühl und Sorgen und wird für kurze Zeit Ersatz für Keeners Sohn, der genau wie Christopher eines Tages spurlos verschwunden ist.
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Doch McCandless trampt weiter. Einen fast brüderlichen Kontakt baut er in South Dakota zu einem Großfarmer mit dunkler Vergangenheit auf: Vince Vaughn verkörpert ihn so, als sei er bereits auf einem Mähdrescher zur Welt gekommen. Und schließlich, kurz vor seinem Ziel, trifft er auf den alten Ex-Soldaten und Ledermacher Ron (Oscar-verdächtig: der 82-jährige Hal Holbrook). Die beiden entwickeln nach kurzer Zeit eine Art symbiotisches Verhältnis: Der Junge gibt dem Alten noch einmal Jugend und Kraft, und der Alte schenkt ihm sein Wissen und die Kunst seines Handwerks. Dass das nicht hundertprozentig klappt und Christopher Rons Adoptionsangebot ausschlägt, ist zu erwarten. Schließlich soll es ja noch nach Alaska gehen, so schön ist die Anza Borrego Wüste in Kalifornien ja auch nicht.
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So ging es Penn sicher nicht um das Porträt eines Weisen, sondern eines Getriebenen – und im Laufe des Films wird klar, was ihn vor gut zehn Jahren, als er in einer Nacht Krakauers Roman durchlas und am nächsten Morgen sofort die Filmrechte kaufen wollte, fasziniert haben muss: "Into The Wild" ist die Biografie eines gesellschaftlichen Querschlägers, der alle Warnsignale übersieht, weil er mit der Wucht einer Dampfmaschine sein Ziel verfolgt. Sean Penn, der es als mit dem Oscar ausgezeichneter Schauspieler sicherlich ein bisschen besser getroffen hat als die meisten seiner Figuren, zeigt diese innere Kraft, die Menschen zu solch irrsinnigen Trips animiert, mit Vorliebe als verhängnisvoll: Sein erster Film "Indian Runner" (1991) erzählt die Geschichte des bodenständigen Dorfsheriffs Joe (David Morse) und seines Bruders Frank (Viggo Mortensen), einem Outlaw, sexy, impulsiv – und voll blinder, unfassbarer Aggression. In "Crossing Guard" (1995) und "Das Versprechen" (2001) begab sich dann Jack Nicholson für seinen Freund Sean Penn in den Würgegriff fixer Ideen und Obsessionen.
Solche Erzählungen können sehr anstrengend und deprimierend sein, wenn die Motive der Hauptfigur unverständlich bleiben. Nicht so bei Cristopher alias Alexander Supertramp: Der steht für die Sehnsucht nach einem Sinn, einer inneren Klärung, die sehr greifbar ist. Dass er dabei seine eigenen Kräfte tragisch überschätzt, dass er eben kein "Supertramp" ist, macht ihn noch viel sympathischer: Nach einem ultraharten Martyrium, das McCandless auf sich selbst gestellt in Alaska durchmacht, erscheint die formale Biederkeit, in der das Backpacker-Leben zu Beginn des Films geschildert wird, im Nachhinein fast schon sarkastisch. Aber das wäre zu einfach gefolgert für einen Film, der die komplexen Motive und die sehr widersprüchlichen Erlebnisse eines jungen Mannes, stellvertretend für eine ganze Generation, darstellt: Ob Christopher McCandless nun einen klasse Rebell, einen liebenswerten Aussteiger oder einfach nur einen auf tragische Weise durchgeknallten Typen abgibt, das lässt Penn offen, weil es im Grunde nicht zu entscheiden ist. Ganz wesentlich aber ist die Leidenschaft, mit der McCandless seinen Weg sucht. Das fordert nicht nur Respekt ab, sondern auch großes Mitgefühl: Die Geschichte des Alexander Supertramp ist am Ende so beeindruckend, dass sie jeden, der ein Herz hat, bewegt und zum Nachdenken anregt.
Into the Wild, USA 2007, Buch und Regie: Sean Penn nach dem Roman von Jon Krakauer, mit Emile Hirsch, Marcia Gay Harden, William Hurt, Vince Vaughn, Brian Dierker, Catherine Keener, Jena Malone, Kristen Stewart, Hal Holbrook, Zach Galifianakis, Robin Mathews, Kinostart: 31. Januar 2008 bei Tobis
Fotos: Verleih
Ernst Kramer ist freier Autor in Berlin.
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