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Das Afghanistan der 1970er-Jahre war politisch alles andere als stabil. Im Jahr 1973 wurde der König gestürzt, aus einer relativ glanzvollen Monarchie wurde eine umkämpfte Republik. 1978 eroberten die Kommunisten die Macht, konnten sich aber nicht halten, was ein Jahr später zum Einmarsch sowjetischer Truppen führte. Drei Systemwechsel, es war wirklich eine fürchterliche Zeit. Im Vergleich zu den Jahren, die danach folgen sollten, war sie jedoch die pure Idylle. Und all das war sowieso fast egal, wenn man diese Zeit als Kind erlebte.
Eine fast vergessene Zeit
Im Kabul dieser Jahre sind Amir und Hassan dicke Freunde. Obwohl sie verschiedenen Schichten und Volksstämmen angehören. Amirs Vater Baba ist ein wohlhabender Intellektueller, der auf die Mullahs genauso schimpft wie auf die Kommunisten und aus seiner paschtunischen Abstammung kein Aufhebens macht. Die stolzen Paschtunen bilden im Vielvölkerstaat die Mehrheit. Hassans Vater ist der Hausdiener, ein Hazara. Die arme Minderheit wurde in Afghanistan schon immer diskriminiert, aber der Freundschaft kann das nichts anhaben. Was Amir und Hassan eint, ist die Liebe zu amerikanischen Filmen. Den Western "Die glorreichen Sieben" kennen sie auswendig. Hassan findet es großartig, dass Amirs Vater denselben coolen Wagen fährt wie Steve McQueen in "Bullitt". Zum Geburtstag darf er einmal mitfahren. Und einmal im Jahr testen sie mit den anderen Kabuler Kids ihre Fähigkeiten beim traditionellen Drachenfliegen. Das ist immer eine große Sache, bei der sie diesmal sogar gewinnen!
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Um das Ausmaß einer Zerstörung zu verdeutlichen, muss man zu allererst das Zerstörte zeigen. In diesem unbeschwerten, humorvollen ersten Teil hat "Drachenläufer" denn auch seine besten Momente. Der deutsch-schweizerische Regisseur Marc Forster ("Monster's Ball") hat viel Liebe aufgewendet, um dieses längst vergessene Afghanistan einem Weltpublikum näher zu bringen. Millionen haben das in 40 Sprachen übersetzte und überall hoch gelobte gleichnamige Buch von Khaled Hosseini, auf dem Forsters Film basiert, gelesen. Aber wer sonst weiß schon, dass es in diesem Land einmal etwas anderes gab als Bürgerkrieg, zerbombte Städte, Taliban, Terrorismus und Tod? Hier sieht man das pulsierende Leben, rauschende Feste und unverschleierte Frauen. Um diese Epoche möglichst glaubhaft zu rekonstruieren, hat Forster seinen Film mit einheimischen Darstellern/innen und – für einen Hollywoodfilm ein finanzielles Wagnis – komplett in der Landessprache Dari gedreht.
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Die Vergewaltigungsszene hat zu massiven Problemen geführt. Nicht nur Hassan-Darsteller Ahmad Khan Mahmoodzada, der sich dabei doubeln ließ, war sie äußerst unangenehm. Auf vielfachen Rat mit dem Hinweis, Vergewaltigung sei in der afghanischen Kultur "inakzeptabel", wurde die unverzichtbare Szene – symbolisch steht sie für die "Vergewaltigung" eines ganzen Landes – auf ein Minimum gekürzt. Die Frage nach Opfer und Täter spielte bei den Beschwerden keine Rolle. Stattdessen geht es unausgesprochen natürlich um Homosexualität. Die beiden Jungendarsteller wurden aus Angst um ihre Sicherheit ausgeflogen und befinden sich in den Vereinigten Arabischen Emiraten. Die Geschichte wirft ein Schlaglicht auf die Schwierigkeiten eines internationalen Kulturaustauschs auf diesem Niveau in der derzeitigen angespannten Weltlage. Für den Film gilt das allerdings nicht nur politisch, sondern auch künstlerisch.
Ein Produkt aus Hollywood
"Drachenläufer" ist ein Hollywoodprodukt, trotz seiner afghanischen und iranischen Darsteller/innen. Dass eine Verfilmung der Komplexität der Buchvorlage niemals gerecht werden kann, ist nicht das Problem. Vielmehr erkennt man schon an ihrem typischen dramaturgischen Dreisatz Schuld-Scham-Erlösung beziehungsweise Vergebung, für welchen Markt sie geschrieben wurde. Hier braucht sich Forster nur zu bedienen und tut dies leider mit zum Teil recht eindimensionalen Charakteren und einer Riesenportion Sentimentalität. Hinzu kommen ein paar ästhetisch fragwürdige Entscheidungen, vor allem im erschütternden letzten Teil. Dass die Taliban auf der Höhe ihrer Macht Steinigungen in Fußballstadien abhielten, ist bekannt. Aber muss dieser barbarische Akt en detail gezeigt werden? Die Mischung aus Sentimentalität und Schock hinterlässt jedenfalls recht zwiespältige Gefühle.
Es gibt eine Figur, die dem Film ein Zentrum gibt, wenn der große epische Bogen ein ums andere Mal keinen Raum für Details lässt. Das ist Baba, der Vater, Oscar-reif gespielt von Homayoun Ershadi. Die Würde, die er in jeder Szene ausstrahlt – ob als angesehener Weltmann in Kabul oder später als deklassierter Tankstellenwärter in den USA –, um diese Würde geht es doch eigentlich. Dass man sie einem Menschen nicht rauben darf, hat er seinem Sohn immer wieder eingeschärft. Dass man sie auch selbst verlieren kann, erfährt Amir schmerzhaft am eigenen Leib. Um sie wieder herzustellen, lohnt es sich zu kämpfen. Gerade in schlechten Zeiten.
(The Kite Runner) USA 2007, Regie: Marc Forster, Buch: David Benioff nach dem Roman von Khaled Hosseini, mit Khalid Abdalla, Homayoun Ershadi, Zekiria Ebrahimi, Ahmad Khan Mahmoodzada, Shaun Toub, Ali Danesh Bakhtyari, Kinostart: 17. Januar 2008 bei Universal
Fotos: Verleih
Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.
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