"Love Will Tear Us Apart" steht auf der bescheidenen Grabplatte auf dem Friedhof von Macclesfield. In der südlich von Manchester gelegenen Kleinstadt ist Ian Curtis geboren und aufgewachsen. Und hier hat er sich 1980, mit 23 Jahren, in seiner Wohnung erhängt. Hier beginnt auch die Geschichte, die "Control" erzählt, 1972, mit Bildern einer eintönigen Hochhaussiedlung, einer engen Wohnung und eines weiten Himmels, der Ausbruch verheißt. Bevor Punk in England hochkochte und vor den harten Jahren der wirtschaftlichen Konsolidierung unter der "Eisernen Lady", Premierministerin Margaret Thatcher, war Glam Rock der Soundtrack der Zeit: Zu David Bowie und Roxy Music träumt sich der junge Ian in der Kunstfelljacke der kleinen Schwester und mit Kajal um die Augen aus seinem Jugendzimmer weg.
Von der Einfachheit der elterlichen Wohnung, der früh gefundenen "großen Liebe" mit Deborah, der konventionellen Hochzeit und dem Brotjob Curtis' in der örtlichen Arbeitsvermittlung erzählt der Film ohne Nostalgie und vermittelt ein vielleicht überraschendes Bild vom Leben eines Popstars. Er vermeidet es so aber auch, am Mythos Ian Curtis weiterzubauen. Es ist auch kein Film über Joy Division, deren Independent-Karriere schon nach zwei Studioalben und kurz vor dem großen Sprung, der ersten US-Tournee, beendet war – durch den Suizid ihres Sängers. Die verbliebenen Mitglieder nannten sich danach in New Order um ... aber das wäre wieder ein anderer Film.
Mehr als nur ein Musikfilm
Regisseur Anton Corbijn bezeichnet "Control" vor allem als eine persönliche Arbeit, die mit seiner eigenen Biografie zu tun habe, und nicht als Musikfilm. Es sei ihm darum gegangen, die Zeit Ende der 1970er-Jahre einzufangen, als er selbst jung war, frisch aus Holland nach England gekommen war, um Bands wie Joy Division zu fotografieren, kein Geld hatte und jede neue Platte eine wichtige Rolle im Leben spielte. Der vermeintlich einfache Konflikt Curtis', den der Film entwickelt, ist der eines Mannes zwischen zwei Frauen, dem dieser Spagat, die Familie und vielleicht auch der beginnende Erfolg über den Kopf wuchsen. Auf Psychologisierungen verzichtet der Film dabei ganz. Nur ein wenig suggestiv wird es, wenn in Schlüsselszenen wie dem epileptischen Anfall einer Klientin die eigene Krankheit von Ian Curtis vorweggenommen wird, und vor allem später, beim wiederholten Blick auf die Wäschespinne und die Seile, die sie an der Decke halten.
Wenig zur Mythenbildung trägt auch bei, dass die frühe Ehe von Ian Curtis eine so gewichtige Rolle spielt. Das Drehbuch basiert lose auf der Autobiografie der Curtis-Witwe Deborah, die den Film auch mitproduziert hat. Aus Eitelkeit kann sie diesen Film aber nicht gemacht haben, denn sie kommt als leicht hysterische Übermutter nicht besonders gut weg – auch und gerade weil sie von der wie immer überwältigend intensiven Samantha Morton ("Code 46") gespielt wird. Dennoch tragen diese Ehe, die gemeinsame Tochter und in der Folge das Schuldgefühl von Ian Curtis über sein späteres Verhältnis mit einer belgischen Journalistin als Motiv die Erzählung nicht ausreichend: Sie taugen weder als nachvollziehbare Inspiration für seine düster-moderne Musik noch als Auslöser für seinen Suizid. So bleibt die Bedeutung von Curtis' doch recht normal wirkenden Liebeswirren für sein Leben und dessen Ende vor allem eine starke Behauptung des Films.
Fotografischer Stil
Große Bilder für vermeintlich Normales zu finden, ist zugleich die große Stärke des Films. Er leistet es sich wohl deshalb auch, das Werden des Musikers gar nicht zu zeigen. Die Genialität Curtis' als Songschreiber und Interpret hat scheinbar keinen Ursprung, wird weder aus der familiären Situation oder dem Freundeskreis begründet. Man kennt den Kontext der Zeit und die musikalischen Vorbilder von Ian Curtis, aber er ist zunächst ein ganz normaler Junge, der ein bisschen mit Betäubungsmitteln experimentiert, einen Job hat und ansonsten gern auf Konzerte geht. Auch die musikalische Entwicklung von Joy Division fällt irgendwie vom Himmel; die anderen Bandmitglieder bleiben Nebenfiguren, für die sich der Film nicht wirklich interessiert. Die explizite Hinleitung zu Curtis' Epilepsie-Erkrankung spart sich der Film ebenso – und gönnt sich stattdessen einen Besuch in der Sprechstunde von Herbert Grönemeyer in der Rolle des Arztes. So stark der Film mit Auslassungen arbeitet, das Band- und Familienleben nur in kurzen Begegnungen stattfinden lässt, widmet er sich dann leider umso ausgiebiger dem Auftauchen "unserer" Alexandra Maria Lara ("Der Untergang") als Geliebter, der es trotz viel Kajal leider nicht gelingt, Tiefe zu bekommen.
In den Liveszenen ist der Film dann ganz bei sich, hier zeigt sich das Können von Anton Corbijn. Als etablierter Porträtfotograf hat er viele bekannte Bilder vor allem von U2 und R.E.M. gemacht, das ikonische "Liar"-Brüllfoto von Henry Rollins und viele Depeche-Mode- und Herbert-Grönemeyer-Cover gestaltet, als Filmemacher bislang aber nur Musikvideos gedreht. "Control" ist sein erster Kinofilm. Und der profitiert ganz klar von der Musikerfahrung seines Regisseurs. Alles wirkt authentisch, ohne bei den Bilden auf eine größtmögliche Schönheit zu verzichten. Visuell schon durch das Schwarz-Weiß reduziert, kann sich die fast weggetretene Intensität von Curtis-Darsteller Sam Riley in den wenig bewegten, fotografischen Bildern fast ungebrochen übertragen. Im Halbdunkel verqualmter Clubs ist dann alles da, was diese Musik ausmacht. Dass bei Joy Division schnell alle substanziellen Songs gespielt sind und ein "Greatest Hits"-Eindruck entstehen mag, kann man dem Film kaum vorwerfen. Der Kunstgriff, den Film in Schwarz-Weiß zu drehen, ist ebenfalls nur vermeintlich einfach. Denn tatsächlich wurden die meisten Bilder, die man von Joy Division kennt, schwarz-weiß fotografiert – so auch Corbijns berühmtes "Tunnelfoto" der Band vom 1979 – oder so entfärbt wie das Dachboden-Video von "Love will tear us apart".
Ingrid Arnold arbeitet als freie Redakteurin in Berlin. Ihre liebste Cover-Version von "Love will tear us apart" stammt tatsächlich von The Cure.
Control, Großbritannien, USA, Australien, Japan 2007, Regie: Anton Corbijn, Buch: Matt Greenhalgh nach dem Buch "Aus der Ferne" von Deborah Curtis, mit Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Joe Anderson, Toby Kebbell, Craig Parkinson, James Anthony Pearson, Harry Treadaway, Andrew Sheridan, Robert Shelly, Matthew McNulty, Ben Naylor, Herbert Grönemeyer, Kinostart: 10. Januar 2008 bei Capelight Pictures
Fotos: ©Capelight Pictures / Dean Rogers
Kommentare
Dein Kommentar