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Manchmal holt die Realität die Fiktion auf ganz seltsame Weise ein. Auch in Wes Andersons neuer filmischer Wundertüte "Darjeeling Limited" ist das so und der Grund dafür war Owen Wilson. Im Gegensatz zu den anderen beiden Hauptdarstellern konnte er schließlich nicht dabei sein, als der Film im Herbst 2007 seine Premiere in Venedig feierte. Damals erfuhr man, dass er sich von einem Selbstmordversuch erholte – und sofort hatte man seine Figur vor Augen, die er in "Darjeeling Limited" verkörperte. Darin hat Wilson mit einem Motorrad nicht ganz unabsichtlich einen Unfall gebaut, weshalb man ihn während des ganzen Films voller Blessuren und mit einer rundum bandagierten Visage zu sehen bekommt.
Familien mit Knacks
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Wilsons Figur wird so auch zur Verbildlichung der lädierten und aus der Spur geratenen Familien, die Anderson schon seit jeher in seinen Filmen zeigt. In "Die Royal Tenenbaums" etwa entwarf er eine Tragikomödie über einen New Yorker Familienclan und dessen ehemalige Kindergenies und erkundete später in "Die Tiefseetaucher" nicht nur eine bunt erfundene Unterwasserwelt, sondern auch die Vater-Sohn-Beziehung eines Meeresbiologen zu seinem vernachlässigten Spross. Mit "Darjeeling Limited" wirft er jetzt abermals einen wundervoll wundersamen Blick auf erschütterte Familienstrukturen. Er folgt dabei drei Brüdern auf einer überaus komischen Odyssee durch Indien, die sich überwiegend in dem ausgedachten Zug abspielt, nach dem Anderson seinen Film auch benannt hat.
Mit Owen Wilson und Jason Schwartzman werden diese zu zwei Dritteln von Stammgästen im Anderson-Universum verkörpert, während Adrien Brody als schnell assimilierter Neuzugang dazu stößt. Als die drei hier zusammentreffen, sind sie alle in jüngerer Vergangenheit vom Schicksal gezeichnet: Jack (Schwartzman) trauert mit Schnurrbart und tieftraurigem Blick seiner Ex-Freundin hinterher, deren Anrufbeantworter er noch heimlich anhört. Peter (Brody) ist nach Indien gereist, ohne seiner Frau davon zu erzählen, die in wenigen Wochen ein Kind bekommen wird. Und Francis (Wilson) leckt sich die Wunden nach seinem Motorradabsichtsunfall.
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Ganz unverkennbar hat "Darjeeling Limited" dabei den Wes-Anderson-Touch: Schließlich durchzieht auch diesen Film ein ganz trockener, völlig absurder Humor und auch das Spiel der Darsteller ist dementsprechend heruntergedrosselt. Über die Vergangenheit der drei Brüder erfährt man dabei wenig und der Blick in ihre Persönlichkeiten reicht über weite Strecken nicht sehr tief, weshalb es auch hier einige Zeit dauert, bis sie mehr werden als die amüsanten running gags, die Anderson aus ihren Eigenarten entwickelt. Wie den Tenenbaums oder der Mannschaft um den Meeresforscher Steve Zissou kommt man ihnen allerdings nie ganz nah, verlieren sie nie ganz das letzte bisschen Kunstfigur.
Das Gefühl inhaltlicher Leere, das vielleicht aufkommen mag, lässt sich allerdings in jeder Minute gut vertreiben. Man kann schließlich viel entdecken in Andersons Bildern, die wieder einmal bis ins Detail liebevoll arrangiert sind. Auch hier gibt es die überaus schönen Zeitlupen, die mit sorgfältig ausgewählten Songs aus den 60ern und 70ern unterlegt wurden. Dass Indien dabei zu so etwas wie einem vierten Hauptdarsteller wird, muss auch zwangsläufig so sein – so unberechenbar, anders und unfassbar dieses Land doch ist: In Andersons sonst bislang sehr aufgeräumte Tableaus bringt es jedenfalls einen Anflug vom ganz alltäglichen, subkontinentalen Chaos.
Die sozialen Wirklichkeiten des Landes müssen allerdings draußen bleiben. Sie haben in Andersons spinnerten Welten keinen Platz. Die brüderliche Annäherung findet vielmehr in so etwas wie einer Fantasie von Indien statt. Von Anfang an, nachdem Bill Murray bei seinem kurzen Auftritt in einem Mini-Taxi-Tuc-Tuc durch den mörderischen Verkehr manövriert wurde, leuchtet es in intensiven Farben und steuert eine ganze Reihe situationsabsurder Kleinigkeiten bei: ob das der Schuhputzer ist, der ganz dreist einen Schuh klaut, oder der Zug, der sich verfährt. Nach 91 überaus unterhaltsamen Minuten stellt man daher fest, dass der ganz normale Wahnsinn Indiens und Andersons seltsam aus der Wirklichkeit gefallene Familienkonflikte bestens zusammenpassen.
(The Darjeeling Limited) USA 2007, Regie: Wes Anderson, Buch: Wes Anderson, Roman Coppola, Jason Schwartzman, mit Owen Wilson, Adrien Brody, Jason Schwartzman, Anjelica Huston, Amara Karan, Camilla Rutherford, Irrfan Khan, Natalie Portman, Kinostart: 3. Januar 2008 bei 20th Century Fox
Fotos: Verleih
Sascha Rettig ist Filmjournalist in Berlin.
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