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Man nennt ihn den "Baron des Blutes", denn kaum jemand inszeniert so intelligent-grausame Filme wie der 64-jährige Kanadier David Cronenberg. Seine Filme sind eher für ein anspruchsvolles Publikum gemacht und nicht für die Mainstream-Horror-Fangemeinde. Zu seinen bekanntesten Werken gehören "Videodrome" (1983), "Die Fliege" (1986), "Naked Lunch" (1991), "eXistenZ" (1999) und "A History Of Violence" (2005), die sich mit den dunklen Seiten der menschlichen Psychologie und den Deformationen des Körpers befassen. Sein neuester Film "Tödliche Versprechen" führt in die Unterwelt von London. David Siems sprach für fluter.de mit dem Regisseur.
fluter.de: Herr Cronenberg, was hat Sie daran gereizt, einen Film über die russische Mafia-Gang Vory v Zakone zu drehen? Sie ist immerhin real existierend und operiert in London. War das nicht gefährlich?
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David Cronenberg: Nein, glücklicherweise nicht. Während der Dreharbeiten hatten wir keine Probleme und danach auch nicht. Es hat mich fasziniert, wie die Mafia in England organisiert ist, denn sie ähnelt in ihrer Struktur sehr den politischen Hierarchien vor der Sowjet-Ära. Wenn Sie sich ebenso das heutige Russland anschauen, werden Sie feststellen, dass auch dort alles wieder so wird wie in den 1.000 Jahren vor der Sowjetunion. Diese Form der Diktatur wird momentan durch viele neureiche Oligarchen geprägt, die für meinen Geschmack eine sehr raue und primitive Form des Kapitalismus praktizieren. Glauben Sie mir, die Reichen von heute sind Kriminelle aus den frühen Neunzigern. Daran kann man leider sehen, wie dicht Kapitalismus und Kriminalität beieinander liegen.
Haben Sie denn ein Feedback der Mitglieder von Vory v Zakone für Ihren Film bekommen?
Nein. Allerdings hat mir ein russischer Freund erzählt, dass er in zahlreichen Chatrooms mit russischen Kriminellen gesprochen hat, denen der Film und die Darstellung der Mafia sehr gefallen haben. Am besten fanden sie, dass Viggo Mortensen, der wirklich Russisch kann, im Film originalen Gangster-Slang benutzt und die gleichen Tattoos trägt wie Leute, die für den Rest ihres Lebens im Gefängnis sitzen.
Angst vor Viggo Mortensen
Stimmt das Gerücht, dass er russischen Jugendlichen eines Abends nach Drehschluss in London gehörig Angst eingejagt hat?
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Ja, das war wirklich so. Viggo war eines späten Abends alleine in Soho unterwegs. Wir hatten einen sehr langen und anstrengenden Drehtag hinter uns und Viggo wollte unbedingt auf ein paar Drinks ausgehen und landete in dieser russischen Bar. Wer kann es ihm verübeln? Ein Schauspieler bleibt ja auch nach Feierabend noch ein wenig in der Rolle drin, die er spielt. Naja, und wie er an der Bar steht – noch in Originalkostüm und den aufgemalten Tattoos –, fingen die jungen Leute um ihn herum an zu murmeln. Viele haben schleunigst ihre Sachen genommen und haben die Bar verlassen. (lacht) Ist es nicht schön für einen Star, wenn einmal genau das Gegenteil eintritt? Ich wette mit Ihnen, wenn Viggo in seinem Aragorn-Kostüm aus "Herr der Ringe" aufgetaucht wäre, dann hätten sie ihn belagert und um Autogramme gebeten. In seinem Gangster-Look hat ihn aber tatsächlich niemand erkannt. Ich glaube, er hat das sehr genossen.
Woher wussten Sie, wie diese Tattoos aussehen?
Viggo ist nach Moskau und nach St. Petersburg gereist, um sich mit ehemaligen Kriminellen zu treffen. Mir brachte er eine TV-Dokumentation über ein russisches Hochsicherheitsgefängnis mit, in der Häftlinge erzählen, dass Tätowierungen ursprünglich einmal den Status oder den Rang in der Mafia-Hierarchie zeigten. Ich erinnere mich an diesen 75-jährigen Mann, der die meiste Zeit seines Lebens in seiner Zelle verbracht hat und sagte: "Ich verstehe die neuen, jungen Häftlinge nicht mehr. Sie haben keinen Respekt vor uns Alten, tragen irgendwelche Tattoos aus Modegründen und denken einzig und allein an Geld."
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Na also. Viel mehr interessiert mich die menschliche Psyche, vor allem der Aspekt, warum Individuen gegen ihre moralischen Grundsätze verstoßen. Was im Dunkeln verborgen liegt, das will man sehen. Ich glaube, viele Künstler denken so. Manche sind sehr extrovertiert, ständig auf Partys unterwegs, um so etwas über andere Menschen zu lernen. Andere sind lieber bei sich selbst, malen ein Bild und lernen sich so dadurch besser kennen. Aber das Schöne am Kino ist doch, dass alle Besucher die gleiche Neugierde teilen und sich in neue Charaktere hineinversetzen wollen. Die Zuschauer wollen für kurze Zeit erfahren, wie es sich anfühlt, ein böser, russischer Gangster zu sein. Ich finde, Viggo Mortensen hilft ihnen dabei ganz gut. Daher sollten wir nicht aufgeben, uns für die dunkle Seite unserer Seelen zu interessieren.
Was haben Sie als nächstes geplant? Es gibt Gerüchte, dass es eine Oper zu ihrem Film "Die Fliege" geben soll …
Richtig. Als Howard Shore 1986 die Musik zu meinem Film machte, dachten wir beide, dass sie sehr einer kleinen Oper ähneln würde. Sie passte einfach, um die Intensität und um das Drama um den Mann, der sich in eine Fliege verwandelt, noch mehr zu steigern. Vor einiger Zeit kam Howard zu mir und fragte mich, ob wir nicht eine richtige Oper ins Leben rufen wollen. Mir gefiel die Idee. Er schrieb dann die Musik und George Langelaan das Libretto, der damals auch das Drehbuch zum Film verfasst hatte. Nun ja, und ich bin der Regisseur. Stellen Sie sich vor, so was habe ich noch nie gemacht. Ehrlich gesagt, weiß ich auch gar nicht, wie das wirklich geht. Aber es macht mir Mut, dass viele meiner Filmkollegen sich ebenfalls an der Oper versuchen: Woody Allen, Terry Gilliam, William Friedkin. Wissen Sie, was die zu mir meinten? Sich eine Oper anzuschauen, ist wunderbar, eine als Regisseur zu betreuen, der reinste Horror! Nun, ich bin gespannt, was mich erwartet. Im Juli feiern wir die Uraufführung in Paris.
David Siems traf David Cronenberg auf dem Filmfest Hamburg 2007.
Fotos: Tobis
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