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Die Welt der Disney-Filme ist der sicherste Ort der Welt für Kinderaugen und zarte Gemüter. In diesem funktionierenden Wertesystem sind Menschen und Tiere glücklich, und niemandem ist es gestattet, dieses Reich der harmonischen Koexistenz und Glückseligkeit zu stören. Böse Hexen, finstere Drachen und gemeine Stiefmütter fühlen sich ganz ungemütlich in dieser heilen Welt, in der das Gute stets siegt. Zwar versuchen sie immer wieder, sich in ihrer Boshaftigkeit zu übertreffen, doch all ihr Groll und Zorn sind nichts gegen die guten Taten von edlen Rittern, treuen Zwergen, lieben Waldbewohnern/innen und wilden Tieren, die mit den Jahren sogar immer cooler und lockerer wurden. Während im "Dschungelbuch" (1967) der Bär Balou und sein Panther-Freund Baghira für den kleinen Menschenjungen Mogli noch die Attitüde von Pflegeeltern und väterlichen Freunden an den Tag legen, ist es in "König der Löwen" (1994) das schlagfertige Savannen-Duo Timon und Pumbaa, das Kinderaugen zum ersten Mal zeigt, dass man sich Disney-Charaktere auch als beste Kumpels vorstellen kann. Ihre Lebensphilosophie "Hakuna Matata" wurde zum weit verbreiteten Slogan, der einfach nur ausdrücken wollte: Entspannt euch mal alle und genießt das Leben.
Neu bei Disney: Selbstironie
Man könnte fast meinen, dass "Hakuna Matata" auch der geistige Leitspruch für die Macher von "Verwünscht" war, denn zum ersten Mal taucht hier ein Stilmittel auf, das bislang in noch keinem Disney-Film zu sehen war: Selbstironie. Egal ob "Schneewittchen und die sieben Zwerge", "Bambi", "Cinderella", "Dornröschen" oder "Arielle, die Meerjungfrau" – es wird nicht nur reichlich aus der eigenen Filmgeschichte zitiert, sondern sich auch ein wenig darüber lustig gemacht. Disney-Kenner/innen werden ihren Spaß daran haben, all die Figuren aus früheren Filmen wieder zu erkennen.
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Vor allem das erste Drittel ist wie ein Besuch in Disneyland: Die schöne Prinzessin Giselle ist die beste Freundin aller Tiere und trällert ihr Glück in die quitschbunte Welt vom Königreich Andalasia. Ihr Herz hat sie dem edlen Prinzen und Drachentöter Edward versprochen, einem klassischem Helden, der selbstverständlich aussieht wie aus dem Ei gepellt. Dummerweise ist seine Stiefmutter, die böse Königin Narissa, nicht besonders angetan von den Hochzeitsplänen der beiden. Die viel zu liebe und langweilige Schwiegertochter muss umgehend aus dem Weg geräumt werden, doch vergiftete Äpfel sind vorerst Mangelware. Also stößt sie Giselle hinunter in den verwünschten Brunnen, der in die finstere Welt führt, in der es keine Happy-Ends gibt: dem New Yorker Manhattan von heute. Kein geeigneter Ort für eine Märchenprinzessin, doch nach einer Reihe von wunderbaren Missverständnissen und Kulturschock-bedingten Panikattacken läuft Giselle (jetzt gespielt von Amy Adams) in die Arme von Scheidungsanwalt Robert (Patrick Dempsey), der die vermeintlich geistesverwirrte Frau im Prinzessinenkleid vorerst bei sich aufnimmt. Rettung ist im Anmarsch, denn längst ist auch Prinz Edward (James Marsden) in der realen Welt angekommen, der mit Schwert und Gesang gegen Autos und Stadtbusse kämpft und sich auf die Suche nach seiner Geliebten macht.
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Den Bruch mit herkömmlichen Wohlfühlmomenten einheitlich zu vollziehen, war den Disney-Produzenten aber dann wohl doch zu ungewohnt und ungemütlich, denn trotz aller ironischen Selbstreflexion kommt auch "Verwünscht" an den Punkt, an dem jede auch noch so gute Romantic Comedy irgendwann kommt: Wenn es ernst wird mit der Liebe, ist Schluss mit lustig. Und da auch in Hollywood die Theorie gilt, dass Tradition der Fortschritt ist, der sich bewährt hat, wird aus der anfänglichen Märchen-Parodie doch noch ein richtiges Disney-Märchen, in dem die große Susan Sarandon auch noch einen klitzekleinen Auftritt hat. Als Königin Narissa folgt sie schließlich in die reale Welt, um Giselle höchstselbst zur Strecke zu bringen. Ein Unterfangen, das wohl nur einen Drehtag gekostet hat, aber Susan Sarandon als wunderbar zornige Frau zeigt, die optisch erstaunliche Ähnlichkeit mit blass geschminkten Wahrsagerinnen in rumpeligen Kirmes-Holzwohnwägen vor Kristallkugeln hat. Ob man nun Anhänger/in der traditionellen Disney-Filme ist oder lieber Märchenparodien à la "Shrek" goutiert – wer sich gerne ins Reich der Prinzessinnen, Feuer spuckenden Drachen und mutigen Retter hinfortträumt, kommt in "Verwünscht" auf die Kosten. Denn selbst ein Ort wie New York im Herbst kann märchenhaft sein.
(Enchanted) USA 2007, Regie: Kevin Lima, Buch: Bill Kelly, mit Amy Adams, Patrick Dempsey, James Marsden, Timothy Spall, Idina Menzel, Rachel Covey, Susan Sarandon, Michaela Conlin, Paige O'Hara, Kinostart: 20. Dezember 2007 bei Buena Vista
Fotos: Verleih
David Siems ist Journalist und lebt in Hamburg.
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