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Todeszug nach Yuma

Frischzellenkur für den Western

Kinostart: 13.12.2007 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken


Mit einem Bild der Verzweiflung beginnt der Western "Todeszug nach Yuma" von James Mangold ("Walk the Line"). Durch ein Geräusch aus dem Schlaf aufgeschreckt, stürmt Dan Evans (Christian Bale) humpelnd aus dem Haus. Die Schergen eines lokalen Viehbarons haben seine Scheune in Brand gesetzt, und mit letzter Kraft versucht der Farmer, das Vieh und die Habseligkeiten seiner Familie vor den Flammen zu retten. Dan hat im Bürgerkrieg ein Bein verloren, und seine Hilflosigkeit im Kampf gegen die Flammen ist ein anrührender Anblick, der auch etwas über das Western-Genre an sich verrät. Mangolds Remake des Klassikers "Zähl bis drei und bete" (1957) ist zwar der jüngste Beitrag einer Welle von oft grandiosen Wildwest-Filmen im Kino – zuletzt etwa "Die Ermordung von Jesse James durch den Feigling Robert Ford" oder "Three Burials". Doch überrollt von pubertären Teenagerkomödien und computergenerierten Action-Blockbustern muss der Western im Kino heute ähnlich verloren wirken wie der versehrte Dan angesichts seiner brennenden Scheune. Es ist ein Bild mit Symbolcharakter.

Vom Blockbuster zum Nischenfilm

Während seiner Blütezeit in den 1940er- und 50er-Jahren war der Western selbst noch ein Blockbuster und seine Darsteller gehörten zu den größten Stars Hollywoods: John Wayne, Jimmy Stewart, Gary Cooper, William Holden. Der Western galt als nationale Institution. In den eng gesteckten Grenzen des Genres konnte Hollywood wieder und wieder die US-amerikanischen Gründermythen durchspielen und archetypische Figuren wie den Pionier oder den Yankee-Soldaten, der die Schwarzen aus der Versklavung befreite, in der Populärkultur verewigen. Der Western hatte etwas Festliches, auch in der Art und Weise, wie er die Landschaft des amerikanischen Westens in ihrer rauen Schönheit zelebrierte. Amerikanischer konnte Hollywood gar nicht sein. Doch spätestens mit dem Ausbruch des Vietnamkrieges wurde es auch für die Filmindustrie immer schwieriger, das Glücksversprechen des "American way" aufrecht zu erhalten; der Western war auf den Hund gekommen.

Natürlich ist der Western nie wirklich tot gewesen – doch er war auch nie wieder so gut wie in den 1950er-Jahren, als Regisseure wie Howard Hawks, John Ford, Budd Boetticher oder Anthony Mann einen Klassiker nach dem anderen drehten. Heute ist diese Sorte von Filmen eigentlich gar nicht mehr möglich, außer als Hommage oder historische Rekonstruktion vielleicht. Die USA haben längst ihre Unschuld verloren. In den 1970ern waren es die "jungen Wilden" des New-Hollywood-Kinos, die dem Western seine Mythen endgültig austrieben: Revisionistisch wurden ihre Filme damals genannt, weil sie mit den Archetypen ein für allemal aufräumten. Die USA mussten büßen für ein Jahrhundert gewalttätiger Landnahme, Indianermassaker und Wildwest-Kapitalismus. Gerne erinnert man sich an Filme wie "The Wild Bunch" (1969), "McCabe & Mrs. Miller" (1971), "Pat Garrett jagt Billy the Kid" (1973) oder "Heaven's Gate" (1980), auch wenn sie mit dem klassischen Western kaum etwas zu tun haben.

Gebrochene Helden

Heute ist das Vorurteil verbreitet, dass der Western im Kino immer dann eine Konjunktur erlebt, wenn es Amerika besonders dreckig geht. Unter diesem Gesichtspunkt haben die USA sich das derzeitige Western-Revival durchaus verdient. Die Nation ist aufgewühlt: 9/11, Irak-Krieg, Anti-Amerikanismus, politischer Chauvinismus, soziale Unsicherheit – der Wunsch nach klaren Verhältnissen, traditionellen Werten und einem unversehrten Stück Heimat ist nur zu verständlich. Gegen diese Einsicht spricht allerdings, dass ein Großteil der Western, die in den letzten Jahren in die Kinos gekommen sind, nicht mehr die klassischen Werte des "Old West" beschwören. Ganz im Gegenteil. Die neuen Western-Helden sind gebrochene Männer, wie Brad Pitts Jesse James in "Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford". Ein patriotisches Hurra-Stück wie "The Alamo" (John Lee Hancock, 2004) mit seinem Schwindel erregenden Budget von fast 100 Millionen Dollar ging dagegen an der Kinokasse komplett unter. Zur patriotischen Erbauung gehen Amerikaner/innen immer noch lieber in den neuen Michael-Bay-Film ("Transformers").

"Todeszug nach Yuma" ist viel näher dran an der wahren Faszination des Western als Andrew Dominiks "Die Ermordung des Jesse James" und all den Wiederbelebungsversuchen des Westerns der letzten Jahre wie etwa "The Missing". Der Western ist ein so klassisches Genre, seine Funktionsweisen sind so simpel und archaisch, dass er nie seinen Reiz verloren hat. Es ist wie mit Shakespeare-Verfilmungen: Auch die waren nie in Mode und konnten daher nie aus der Mode kommen. Der Western ist historisch und gleichzeitig zeitlos. Und noch etwas hat sich nicht geändert: Auch ein halbes Jahrhundert nach seiner Hochphase zieht er immer noch die größten Stars an. Christian Bale und Russell Crowe spielen in "Todeszug nach Yuma" die Kontrahenten in dem ungleichen Duell: gutherziger Farmer und Familienvater gegen psychopathischen Killer. Die Vorzeichen sind etwas anders als in dem fünfzig Jahre alten Originalfilm von Delmer Daves, das vom rechtschaffenen Optimismus seiner Entstehungszeit geprägt war: In "Zähl bis drei und bete" ging es noch darum, die vagen, vorbürgerlichen Vorstellungen von Zivilisation gegen das nachdrängende Prinzip des Wilden Westens zu verteidigen.

Psychologie und Action

Mangolds Remake reduziert dieses Sujet auf die grundsätzlichsten Prinzipien des späten Westerns: Psychologie und Action. Crowe spielt den Outlaw Ben Wade, der in einem Western-Kaff von seiner Posse getrennt und mit Hilfe des Farmers Dan Evans, gespielt von Bale, dingfest gemacht wird. Die einzige Chance, den gefährlichen Wade von seiner Bande unbemerkt ins Bezirksgefängnis zu überführen, ist der 3:10-Zug nach Yuma. Also verfrachten der Sheriff und seine Leute Wade in ein Hotel nahe der Bahnstation, wo er von Dan den halben Film lang bewacht wird. Aber die Zeit bis zur Ankunft des Zugs scheint nicht zu vergehen. Währenddessen versammeln sich vor dem Hotel die Kumpanen von Wade.

Filme wie "Zähl bis drei und bete" oder "High Noon" (1952) markierten einen neuen Typus im Western-Genre. Der psychologische Western verankerte seine Konflikte nicht mehr in der Weite des amerikanischen Westens, sondern in den Figuren selbst. Mangold hat das psychologische Duell zwischen den ungleichen Männern als Kerngeschichte übernommen und alles drumherum wie einen modernen Actionfilm inszeniert, ohne dabei mit den Konventionen des Genres zu brechen. Diese Frischzellenkur tut dem Genre gut. Mangold hat die Funktionsweisen des Westerns verstanden und stellt dazu seine dramaturgische Kompetenz unter Beweis. "Todeszug nach Yuma" ist, obwohl eine gute halbe Stunde länger als das Original, ein schnörkelloser, temporeicher Film, der den Western zu keiner Sekunde alt aussehen lässt.

(3:10 to Yuma) USA 2007, Regie:James Mangold, Buch: Halsted Welles, Michael Brandt, Derek Haas, mit Russell Crowe, Christian Bale, Gretchen Mol, Peter Fonda, Ben Foster, Logan Lerman, Dallas Roberts, Vinessa Shaw, Alan Tudyk, Luce Rains, Lennie Loftin, ab 16, Kinostart: 13. Dezember 2007 bei Sony Pictures

Fotos: ©Verleih

Andreas Busche schreibt über und für die Kulturindustrie.



www.310toyumathefilm.com
Website zum Film (englisch)

www.sonypictures.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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