Arbeiten in der Filmbranche

Ein Universum von Einzelkämpfern/innen?

12.12.2007 | Ernst Kramer | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Ein Job in der Filmbranche? Für viele ein großer Traum. Was dabei jedoch gerne übersehen wird: Die Arbeit beim Film kann sehr anstrengend und von Unsicherheiten geprägt sein. Und von einer solidarischen Organisation der Filmschaffenden in Deutschland hört man wenig. In den USA dagegen geht der Streik der Drehbuchautoren/innen für höhere Tantiemen an den Erlösen aus DVDs und Internet in die sechste Woche. Die Auswirkungen spürt in den USA so manche/r TV-Zuschauer/in, weil viele Serien wie etwa der Kultliebling "Pushing Daisies" nicht weitergeführt werden können. Ein Ärgernis für die Produzenten und Sender, eine gut konzertierte Aktion der Drehbuchautoren/innen.

Von Projekt zu Projekt


Welche Art von Arbeitskampf und solidarischer Organisation beherrscht jedoch das deutsche Filmwesen? Haben jemals deutsche Film- und Fernsehschaffende gestreikt? Jörg Keunecke-Lotte von connexx.av, einem Projekt der Vereinten Dienstleistungsgewerkschaft ver.di, hat noch nicht davon gehört und hält es in der stark aufgesplitterten deutschen Filmbranche für wenig wahrscheinlich. Der Grad gewerkschaftlicher Organisation sei dafür zu niedrig. Insgesamt herrsche in der Branche jedoch "noch keine schwere Not", so Keunecke-Lotte. Die einzelnen Gagen und Arbeitsbedingungen variierten aber enorm und oftmals komme man in eine gute individuelle Verhandlungsposition nur hinein, wenn man über jahrelange Erfahrung verfügt. Diese Erfahrung wird sich oftmals durch schlechte Gagen erkauft. Ein sich selbst erhaltendes System, dem entgegengesteuert werden muss, damit die Branche nicht ausblute: "Viele Filmschaffende überlegen aufgrund der sich immer weiter verschlechternden Lage der Branche, diese ganz zu verlassen oder sich ein zweites Standbein aufzubauen."

Probleme bereite auch die typische Projektarbeitsweise beim Film: "Oftmals wird bei Dreharbeiten bis zur erlaubten Grenze und darüber hinaus gearbeitet, oft sieben Tage die Woche und weit mehr als zwölf Stunden. Danach kommen wieder ein paar Tage oder Wochen der Unsicherheit – bis zum nächsten Projekt. Diese Arbeitsweise hat der Gesetzgeber, was den Anspruch auf Arbeitslosengeld I angeht, noch nicht genug berücksichtigt. Selbst für einen gut Beschäftigten ist es schwer, innerhalb von zwei Jahren auf die 360 sozialversicherungspflichtigen Tage zu kommen!", erläutert Keunecke-Lotte. Denn gerade im Winter herrsche in der oft aufs Tageslicht angewiesenen Branche Flaute. Der im Jahr 2005 revisionierte Tarifvertrag versuche mit dem Konzept des "Arbeitszeitkontos" dagegen anzugehen, aber es herrsche trotzdem noch Regelungsbedarf, denn eine solche Nachbesserung alleine reiche nicht aus. "Für einen Filmschaffenden muss es, genau wie für andere Berufsgruppen auch, Planungssicherheit bezüglich Rente, Arbeitslosengeld und Familienplanung geben."

Idealismus muss sein

Tom Sperling, 39, Oberbeleuchter und Beleuchter, ist seit mehr als einem Jahrzehnt im Geschäft. Er weiß von keiner Gehaltsverhandlung zu berichten, in denen von einer Seite das Wort "Tarif" in den Mund genommen wurde. Zum einen käme von Seiten der Beschäftigen oft eine individuelle Gehaltsvorstellung, in die die jahrelange Erfahrung mit den verschiedenen Sparten wie Werbung, TV, Film, Clip, Kurzfilm, etc. schon eingeflossen ist. Zum anderen machten die Produzenten je nach Art des Projekts sehr unterschiedliche Angebote: "Gut verdienen kann man bei einer Werbung, Spielfilme bringen regelmäßiger und über einen längeren Zeitraum Geld, während man die immer schlechter bezahlten Kurzfilme im Grunde nur macht, wenn man das Projekt interessant findet", berichtet Sperling. Aber auch hierfür fänden sich immer genug Beschäftigte: "Das macht man meistens, weil das Projekt neue Erfahrungen verspricht. Bei einem solchen Projekt ist man dann mit Idealismus bei der Sache. Ohne Idealismus geht es in der Filmbranche oft nicht."
Solidarität gäbe es freilich, wenn es um die gesetzliche Mindestruhezeit von elf Stunden geht: Sperling tritt, wenn er als Oberbeleuchter ein Team hinter sich hat, als dessen Vertreter auf und setzt die entsprechenden Ruhezeiten durch – gerade bei Projekten mit mehrtägiger Drehzeit ist dies sehr wichtig.

Arbeiten am Rande der Legalität

Auch Peter Maasz, 41, Aufnahmeleiter, Produzent, Fotograf ist wie die meisten seiner Kollegen/innen nicht gewerkschaftlich organisiert. Für ihn läuft es in der Branche dafür viel zu unterschiedlich. Produktionsleitung bei Musikclips ist für ihn ein spannender Job, wenn auch im Allgemeinen schlecht bezahlt. Dass eine Clipproduktion sich freiwillig verpflichtet, jeden nach Tarif zu bezahlen, würde jedoch nun einmal bei den Budgets, die hier aufgerufen werden, überhaupt nicht funktionieren, so seine Einschätzung.

Maasz kennt die Probleme der Firmen, die gezwungen sind, tarifliche Vereinbarungen zu ignorieren, und so auch oftmals das Arbeitszeitgesetz unterlaufen. Bei vielen Projekten bewegen sich die Arbeitszeiten schon jenseits der Legalität: "Als vor Jahren ein Ausstatter nach über 20 Stunden Dreh einen schweren Autounfall verursachte, musste die Firma haften, für die er angestellt war", erzählt er. "Natürlich kann jeder angefragte Beschäftigte im Prinzip selber darauf pochen, unter Tarif-Bedingungen zu arbeiten. Aber es gibt genug andere, die seinen Job liebend gerne auch
machen würden. In den Firmen sitzen dabei allerdings keine Raubtierkapitalisten, sondern oft filmbegeisterte Produzenten, die nur geringe Fördermitteln zur Verfügung haben und trotzdem etwas auf die Beine stellen wollen." Das wiederum führe jedoch zu dem sehr anstrengenden Zustand, dass man für ambitionierte Projekte mit wenig Budget oft nur Leute bekommt, die noch am Anfang ihrer Berufserfahrung stehen.

Maasz war auch als Motivaufnahmeleiter für Florian Henckel von Donnersmarcks "Das Leben der Anderen" tätig. Seine dafür erhaltene Gage zeigt, wie unsicher es in der Filmbranche nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für die Produktionsfirmen zugeht: Für genau die Hälfte des Tariflohns arbeiteten er und viele andere Leiter der Abteilungen wie Kamera oder Beleuchtung. Dass der vom Bayerischen Rundfunk und Arte co-finanzierte Film ein so großer Erfolg werden würde, konnte niemand ahnen, auch die Produktionsfirmen Creado und Wiedemann und Berg nicht.

Wo gilt der Tarif?

Natürlich gibt es auch für die Filmbranche einen Tarifvertrag. Die Frage ist nur: Wer muss sich daran halten? Auf der einen Seite stehen als Vertragspartner die durch die Gewerkschaften vertretenen Filmschaffenden. Auf der anderen Seite die Produzentenverbände. Ist eine Filmproduktion nicht Mitglied in einem der großen drei Produzentenverbände, dann muss sie sich auch nicht an den Tarif halten. Eingehalten werden die Verträge hauptsächlich bei den öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern. Sobald einer dieser Sender Produktionen nach außen vergibt, ist es schon wieder Glückssache, ob nach Tarif bezahlt wird. Und selbst Studio Hamburg, eine NDR-Tochter, tut sich schwer, für seine Festangestellten die tariflichen Mindestanforderungen einzuhalten. Natürlich wehren sich die Verbände der Filmschaffenden dagegen. Erst kürzlich hat die Bundesvereinigung der Filmschaffenden-Verbände in einem offenen Brief gefordert, dass die öffentlich-rechtlichen Sender auch bei ihren Auftragsproduktionen Tarif halten. Das geschieht im Schulterschluss mit der ver.di/connexx: Die startete zum selben Thema die Unterschriftenaktion "5 statt 12".

Mini-Netzwerke statt Gewerkschaft

Das größte Problem dabei ist jedoch, dass die Beschäftigen der Branche zu wenig Druckmittel haben. Jeder möchte gerne zum Film. Und die Filmproduktionsfirmen (die teilweise auch mit sehr geringen Margen arbeiten) locken bei niedrigem Budget mit interessanten und kulturell wertvollen Projekten. So war es auch bei der ersten Regiearbeit von Catharina Deus für den in Zusammenarbeit mit dem "Kleinen Fernsehspiel" entstandenen Spielfilm "Die Boxerin" (2004). Hier arbeiteten viele Beschäftige für untertarifliche Gagen, wobei die Differenz zum Tarif als Rückstellung berechnet wurde. Das bedeutet, dass der fehlende Teil der Gage bei Überschreiten einer bestimmten Gewinnzone ausgezahlt wird. Rückstellungen sind gängiger Bestandteil budgetschwacher Filmproduktionen und kommen sehr selten zur späteren Auszahlung. So bekamen bei Deus' erstem Film auch Schauspieler wie Devid Striesow nur 300 Euro pro Drehtag. Für Darsteller/innen in Big-Budget-Produktionen oder Werbung wird sonst locker das Zehnfache gezahlt.

So ginge es häufig mit den ersten Regiearbeiten, meint Catharina Deus: "Mein aktueller Film, den ich gerade schneide, ist eine Auftragsproduktion für das ZDF, die mir in Folge von 'Die Boxerin' angeboten wurde. Hier werden jetzt alle nach Tarif bezahlt." Auch Deus bekommt nach ZDF-interner Regelung mit 25.000 Euro eine größere Gage gegenüber ihrem Erstling. Für weitere TV-Filme zahlt das ZDF dann mehr, zudem bekommen Regisseure/innen, Drehbuchautoren/innen und Schauspieler/innen bei weiteren Ausstrahlungen Wiederholungsgagen. "Für einen TV-Film hat man je nach eigenem Engagement zwischen sechs und zehn Wochen Vorbereitungszeit, dann vier Wochen Dreh und circa drei Wochen Postproduktion. Es gibt viele Regisseure, die mindestens drei TV-Filme im Jahr machen. Dann kann man gut davon leben. Kinofilme brauchen eine längere Vorbereitungs- und Nachbereitungszeit. Bei einem kleinen Kinofilm mit niedrigem Budget und langer Arbeitsphase ist es dann schwierig, davon zu leben." Als Mutter hofft die 37-jährige Deus in Zukunft beides machen zu können: tariflich bezahlte TV-Filme und ambitionierte Kinoprojekte. Wofür ein langer Atem notwendig sei, denn das bedeute über das finanzielle Risiko hinaus einen erhöhten Kraftaufwand.

Momentan überlegt Deus, Mitglied im Regisseursverband zu werden, wobei sie allerdings noch keine genaue Vorstellung hat, welche Vorteile damit verbunden wären. Denn für Catharina Deus ist, wie bei vielen anderen Regisseuren auch, klar: In der atomisierten Arbeitswelt Film sind für Einzelkämpfer/innen persönliche Kontakte wichtiger als institutionalisierte Interessenvertretungen. Wer sich gut leiden und gut miteinander arbeiten kann, der bildet Mini-Netzwerke: So sammle man als Regisseur/in gerne Kameramänner und -frauen, Beleuchter/innen und andere gleich gesinnte Kreative um sich, die einen bei vielen Projekten begleiten. Eine höhere Gage oder sicherere Arbeitsbedingungen gäbe es dadurch zwar nicht, aber so könne man zumindest ein gutes Arbeitsklima und kreative Unterstützung schaffen.

Ernst Kramer ist freier Autor in Berlin.

Fotos: © privat


www.connexx-av.de
Seit 1999: die bundesweite Interessenvertretung von Medienschaffenden, ein Projekt von ver.di, die u.a. die Unterschriftenintiative "5 statt 12" und die Beratungshotline "filmfon" initiiert hat. Außerdem: eine Pressemeldung von connexx.av zu den Tarifstreitigkeiten mit Studio Hamburg

www.die-filmschaffenden.de
Die Bundesvereinigung der Filmschaffenden und ihr Aufruf zur Neu-Regelung des Arbeitszeitanspruchs für Arbeitslosengeld für Beschäftigte in der Filmbranche

www.gagenrechner.de
Meist nur zur Orientierung: Gagenrechner für Filmschaffende nach Tarifvereinbarung von 2005

www.taz.de
Oskar Negt in der taz über die Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Arbeit beim allgemeinen Trend zur Differenzierung der Arbeitsverhältnisse




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