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Der Ball ist rund
Vokuhila und Adiletten
Philipp Bühler | 15.10.2003
Wenn Sönke Wortmann dieser Tage über sein neuestes Werk Auskunft gibt, beteuert er immer wieder, "
Das Wunder von Bern" sei ausdrücklich kein Fußballfilm. Damit hat er einerseits Recht, denn auf die wenigen Spielszenen muss der Zuschauer bis zum Schluss warten. Es geht ja auch "um mehr als nur Fußball". 1954 steht für das Jahr des beginnenden deutschen Wirtschaftswunders. Nach verlorenem Krieg und Entnazifizierung wertete die Nation den unerwarteten Gewinn der Weltmeisterschaft im schweizerischen Bern als Aufbruchsignal: "Wir sind wieder wer." Andererseits liefert Wortmann eine interessante Begründung nach. Bei dem Wort "Fußballfilm", sagt er, geraten die Produzenten in Panik. Denn dessen Geschichte gleicht für viele noch immer einer Schreckensbilanz. Das Runde, heißt es, passt nicht ins Eckige.
Versuche gab es viele, den spektakulärsten leistete sich Regieveteran John Huston im Jahr 1981. Für "Flucht oder Sieg" verpflichtete er Schauspielstars wie Sylvester Stallone und Michael Caine neben Fußballidolen wie Bobby Moore und Pelé. Als All-Star-Team eines Kriegsgefangenenlagers kämpften sie gegen eine Abordnung Nazideutschlands. Leider konnte Stallone nicht kicken und Pelé nicht schauspielern. Dieses Dilemma zieht sich wie ein Kreuzbandriss durch die Historie des Fußballfilms. Franz Beckenbauer beschäftigte sich angeblich noch Jahre nach "Libero" damit, Kopien des 1973 entstandenen Streifens aufzukaufen. Der Film war einfach zu schlecht.
Weder Oldies noch Goldies
Gerade in Deutschland hat der Fußballfilm eine lange Tradition, wenn auch keine sehr erfolgreiche. 1927 erzählte "Die Elf Teufel" die hausbackene Geschichte eines Berliner Wunderstürmers. Der Liebe wegen bleibt er bei einem Amateurverein, statt sich von einem arroganten Proficlub wegkaufen zu lassen. 1941 inszenierte der Deutsche Fußballbund "Das große Spiel". Zwar plädierte der damalige Reichstrainer und spätere Held von Bern, Sepp Herberger, darin höchstpersönlich für den erstmaligen Einsatz der Hintertorkamera. Doch leider interessierte sich in dieser Zeit niemand für Fußball. Daran änderte sich bis zum Wundersieg der deutschen Kicker 1954 recht wenig, und nur so ist es zu erklären, dass sich der hüftsteife Theo Lingen 1950 durch "Der Theodor im Fußballtor" schlagern durfte.
Über die Gründe der unglücklichen Verbindung zwischen Kino und Fußball wird viel spekuliert. Zum einen sind die Bewegungsabläufe auf dem grünen Rasen komplexer als im Baseball oder im Boxen. Mit Ausnahme des Elfmeters lassen sich hier kaum jene großen Duelle choreographieren, auf die der immens erfolgreiche US-Sportfilm immer wieder zurückgreift. Zum anderen ist die Dramaturgie einer Live-Übertragung von einem inszenierten Film kaum zu überbieten. Nur ins Kino gehen wir aufgrund der schönen Gewissheit, dass das Ergebnis - zugunsten der Guten - von vornherein feststeht. Aber vielleicht sind sich die großen Massenspektakel des 20. Jahrhunderts auch einfach zu ähnlich. Hier wie dort werden Idole und Mythen geschaffen, die sich in der Wirklichkeit bewähren müssen. Der Reiz jeder filmischen Erzählung liegt jedoch in ihrer unüberbrückbaren Distanz zum Erzählten: So wie jede gute Komödie von todernsten Dingen handelt, darf ein Fußballfilm von allem handeln, nur nicht vom Fußball selbst.
Kick it!
Schlägt man den öffnenden Pass über das Spielfeld hinaus, sieht es in der Tat schon besser aus. So gelang der Brit-Komödie "Kick it Like Beckham" (2002) die schwierige Kombination von Fußballbegeisterung und Mädchenemanzipation. Die Verfilmung von Nick Hornbys Fanbibel "Fever Pitch" (1977) gilt als weniger gelungen, doch im Allgemeinen schneiden Fangeschichten bestens ab. Die Entführung eines Starspielers durch frustrierte Schalke 04-Anhänger in "Fußball ist unser Leben" (1999) ist erstens komisch, zweitens wird auch das Proll-Image des Sports als soziales Phänomen ins Blickfeld gerückt. Ken Loachs Tragikomödie "My Name is Joe" (1998), die bewegende Geschichte des schlechtesten Teams in ganz Glasgow, hatte auch über das Mutterland des Fußballs hinaus Erfolg. Damit dürfte es "Das Wunder von Bern" trotz einer gelungenen Umsetzung des nationalen Mythos beim Publikum schwerer haben. Wer will schon die Deutschen gewinnen sehen?
Versprochen - und dann?
Die Internationalisierung des Fußballgeschehens weist ohnehin in eine andere Richtung. Haben die durchschlagend erfolgreichen Werbespots der Firma Nike doch eine neue Ästhetik geprägt, die Filme wie "Shaolin Soccer" (2002) begierig aufgreifen. Der Leder- wird zum Feuerball und der ehrliche Kampf auf dem Rasen zum aufreibenden Martial-Arts-Spektakel. Der Weltverband FIFA dreht gerade eine entsprechende Trilogie und verspricht "den besten Fußballfilm aller Zeiten". Start: noch vor der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland. Bis dahin bleibt die aufregendste Fußballszene im Film natürlich die Tischfußballpartie in "Absolute Giganten" von Sebastian Schipper.
Philipp Bühler schreibt beruflich über Film und spielt privat Fußball. Andersrum wäre auch nicht schlecht.
www.fussball-forum.de
FIFA-Meldung in deutschen Wortlaut sowie ein Leserforum zum Thema
www.11freunde.de
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