Die Welt auf eigene Faust erkunden, nur mit Rucksack und Sandalen – prickelnd aufregend kann das sein, eine schöne Alternative zum Charterurlaub nach Mallorca. Spielfilme wie "The Beach" (2000) und "Hostel" (2005) nutzten den Lonely-Planet-Mythos bisher als Startszenario für eskapistisches Abenteuer- und Horrorkino. Wie "echte" Rucksacktouristen/innen ticken und was sie so durchmachen, das wurde auf der Leinwand bisher so gut wie nie thematisiert. Regisseurin Sonja Heiss, selbst erfahrene Weltenbummlerin, hat sich diesem Thema angenommen.
Indien und Thailand bieten für jeden etwas: Die Briten Josh und Adam sind zum Raven gekommen, aber Zeit dafür haben sie kaum: Ständig geraten sie aneinander. Streiten sich ums Geld, ums Essen, um die Mädchen, um den gegenseitigen Umgangston. Marion dagegen will etwas über sich erfahren: Sie hat eine "Auszeit" von ihrem Freund genommen und macht in einem Meditationszentrum tapfer eine Selbstfindungsaktion nach der nächsten mit. Svenja andererseits möchte nur wieder nach Hause. Sie sitzt auf ihrem Bett im Hotelzimmer und telefoniert. Und Liam, der hoch gewachsene Ire, verirrt sich im Verkehrsgewimmel Indiens – wo er doch eh schon auf der Flucht ist vor dem, was ihn zu Hause erwartet.
Asien als Vergnügungspark
Über vier Monate war das kleine Team um Sonja Heiss unterwegs, kämpfte mit Lebensmittelvergiftungen, der Hitze, dem knappen Budget: "Hotel Very Welcome" ist das Produkt einer Tour de Force. Vielleicht wirkt er deswegen so dicht, so nah dran am schwülen, tropischen Klima, so nah dran an den Charakteren. Obwohl er spannenderweise nur langsam verrät, dass er ein klassischer Ensemblefilm ist: Vor dem dokumentarisch wirkenden Ambiente gelangen die Darsteller/innen zuerst wie beiläufig ins Bild, entgegengesetzt zur erzählerischen Konvention oft nur in der Rückansicht. Stück für Stück kommt der Film seinen Protagonisten/innen näher, indem er sie bei allen Urlaubsleiden und -freuden begleitet. Der Focus liegt auf den kleinen Absurditäten, die eine Reise bei großer Hitze und enormen Sprachbarrieren so mit sich bringt – und die unwiderstehlich komisch sein können.
Zwischen Fiktion und Dokumentation
Was aber nicht bedeutet, sie hätte keine Vision. Man stelle sich vor, Ulrich Seidl ("Import/Export"), der ja mit vergleichbar dokumentaristischen Methoden arbeitet, hätte einen Film über Rucksacktouristen/innen gemacht. Missbrauch und Exzess wären hier die Themen, jede menschliche Begegnung eine Katastrophe. Nicht so bei Heiss. Für die Figuren in "Hotel Very Welcome" liegt gerade im Aufeinandertreffen die Hoffnung: Das ewige Um-sich-selbst-Rotieren kann nur von außen aufgebrochen werden. So erscheint Liam, der alle Einheimischen um zwei Köpfe überragt, in der indischen Welt als vollkommener Alien. Auf einer Wüstentour kommt er mit seinem Fremdenführer ins Gespräch. Der erzählt von seiner Familie und Liam schließlich vom Grund seiner Reise: In Irland wartet eine schwangere Frau auf ihn. Erst hier stellt sich heraus, dass er noch etwas anderes sein kann als ein zugedröhnter, distanzierter Fremder. Er offenbart sich als tragischer Flüchtling. Und "Hotel Very Welcome" ist um eine wunderbar geschilderte Begegnung reicher.
Über ein Jahr hat Sonja Heiss an ihrem ersten Langfilm geschnitten. Das Wichtigste war für sie dabei, die richtige Tonalität zu finden. Ein gutes Beispiel dafür, dass ein Film, der dokumentarisch wirken soll und unter intensiven Bedingungen gedreht worden ist, nicht auch schnell fertig gestellt werden kann. Authentizität will gut verwaltet sein. Aber eines ist klar: Es hat sich sehr gelohnt.
Hotel Very Welcome, Deutschland 2007, Regie, Sonja Heiss, Buch: Sonja Heiss, Nikolai von Graevenitz, mit Chris O'Dowd, Garreth Llewelyn, Richy Champ, Eva Löbau, Svenja Steinfelder, Carsten Strauch, Jinde Khan, Martin Löschmann, Jado Alagad John, OmU, Kinostart: 29. November 2007 bei Kinowelt
Fotos: ©Verleih
Ernst Kramer ist freier Autor in Berlin, spielt Gitarre bei The Up Escalator und komponiert Filmmusik.
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