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Unheimliche Bartträger und bis auf einen Sehschlitz verhüllte Frauen, kaputte Städte und ein atomwaffengeiler Präsident: Die Bilder, die aus dem Iran nach Deutschland schwappen, sind heutzutage vor allem durch die Fernsehnachrichten auf solche visuellen Schlagworte reduziert. Ganz anders und bei allem politischen Horror auch noch verdammt komisch ist dagegen Marjane Satrapis wundervolles Zeichentrickkunstwerk "Persepolis", mit dem die seit 1994 in ihrer Wahlheimat Paris lebende Zeichnerin nicht nur ihre eigene höchst erfolgreiche Graphic Novel verfilmt hat. Satrapi, 1969 in Teheran geboren, hat ihre Vergangenheit zum animierten Bio-Pic gemacht, in dem die Erinnerung an ihre eigene Jugend und die Familie im Iran steckt.
Punk unterm Tschador
Mit dem Bild unterdrückter, junger Iranerinnen lässt sich das allerdings nicht vereinbaren. Die junge Heldin Marjane (mit der deutschen Stimme von Jasmin Tabatabai), also Satrapi selbst, ist ein Mädchen, das sich auch unter dem strengen Regime der Mullahs die Rebellion und den Punk unterm Tschador nicht nehmen lässt. Sie lässt sich nichts vorschreiben, reagiert auf Bevormundungen und die öffentliche Überwachung mit Trotz und greift dabei immer wieder zu ihrem wirksamsten Mittel: ihrem subversiven Humor, der sich auch durch den ganzen Film zieht. Der iranischen Mullah-Regierung war er offenbar immerhin so unheimlich, dass sie verhindern wollte, dass der Film im Wettbewerb der diesjährigen Filmfestspiele von Cannes gezeigt wird. "Persepolis", dessen Titel "Stadt der Perser" bedeutet und sich auf den Namen der antiken Hauptstadt Persiens bezieht, lief natürlich trotzdem – und gewann en passant auch noch den "Preis der Jury".
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Der gleichermaßen feine und brüllende, subtile und respektlose Humor von "Persepolis" ist dabei anfangs noch durch die Perspektive des frechen achtjährigen Mädchens bestimmt. Doch der Humor verändert sich mit dem wechselnden Blick der pubertierenden Marjane und den emotionalen Turbulenzen beim Erwachsenwerden. Für eine Jugend in einer Kultur, die oftmals als sehr fremd und mit Argwohn betrachtet wird, wirkt das alles allerdings gar nicht fremd, sondern sehr vertraut. Den stereotypen Blick, der aus dem Westen gern auf die Länder des Nahen und Mittleren Ostens geworfen wird, wirft Satrapi sogar auf köstliche Weise zurück: Für die Episode, in der Marjane ins Internat nach Wien geschickt wird, bedient sie sich überspitzter Sachertortenklischees.
Landesgeschichte im Schnelldurchlauf
Zwischen all den komischen Momenten verfinstern sich manchmal die ohnehin schon kontraststarken Schwarzweißbilder noch einmal, die Satrapi und ihr Co-Regisseur Vincent Paronnaud von den Comics auch für die Kinoadaption übernommen haben. Mal handelt es sich dann nur um das Schwarz der Tschadore, wenn etwa die Köpfe und Hälse zweier Frauen wie Schlangen um Marjane kreisen, nachdem sie mit Michael Jacksons "Thriller"-LP erwischt wird. Mal ist es aber auch die nächtliche Dunkelheit, in der sich das Regime der politischen Gegner entledigt oder die Bomben auf Teheran fallen.
Schließlich spiegeln Satrapis Geschichten auch immer die Geschichte des Irans von den späten 1970ern bis zum Anfang der 1990er-Jahre. "Persepolis" setzt ein, als bei der iranischen Revolution der Schah gestürzt wird und die Hoffnung auf eine Demokratie entsteht. Die zerschlägt sich allerdings schnell, denn auf die brutale Herrschaft des Schahs folgt das noch brutalere Regime der Mullahs: mit Unterdrückung, willkürlichen Verhaftungen, öffentlicher Kontrolle, Abschaffung freiheitlicher Grundrechte und dem jahrelangen Krieg mit dem Irak.
Die vielen Erinnerungsfetzen und Alltagsbeobachtungen, die kurzen Traumsequenzen und Fantasien, in denen Marjane auch schon mal dem lieben Gott und Karl Marx die Meinung geigt – all das läuft in "Persepolis" zusammen in einem eleganten Bildfluss, aus dem trotz aller Abstraktion und Reduzierung auf klare Striche ein sehr lebendiges Bild einer Jugend im Iran entsteht, das die unterschiedlichsten Emotionen heftig durcheinander wirbelt. Nur wenige Szenen sind dabei in Farbe. Es sind die Augenblicke, wenn Marjane am Pariser Flughafen den Flugzeugen Richtung Teheran hinterher blickt, sehnsüchtig nach ihrer Familie und einer Heimat, die ihr verloren gegangen ist.
Persepolis, Animationsfilm, Frankreich 2007, Buch und Regie: Marjane Satrapi und Vincent Paronnaud, Kinostart: 22. November 2007 bei Prokino
Fotos: Verleih
Sascha Rettig lebt als Filmjournalist in Berlin.
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