Ausgerechnet Rumänien! Es ist schon paradox, dass mit "4 Monate, 3
Wochen und 2 Tage" ein Film aus einem Land ohne nennenswerte
Filmtradition derart radikal mit der Aufarbeitung der sozialistischen
Vergangenheit begonnen hat. In den 1960ern, in vielen Staaten des
ehemaligen Ostblocks eine Tauwetterperiode, hatte fast jedes Land seine
eigene kleine Nouvelle Vague. Mutige, freche Filme aus der
Tschechoslowakei, Polen oder Jugoslawien wurden im Westen mit Interesse
wahrgenommen. Regisseure wie Roman Polanski, Milos Forman, später auch
Krzysztof Kieslowski wurden zu Stars. Die Tschechoslowaken Jan Kadar
und Jirí Menzel errangen sogar jeweils den begehrten Auslandsoscar.
Rumänien hingegen: Fehlanzeige. Ein Land ohne Bilder. Nun aber ist dem
rumänischen Regisseur Cristian Mungiu dieses Jahr ein echtes Kunststück gelungen:
der Gewinn der Goldenen Palme in Cannes für einen osteuropäischen Film.
Ein erschütternder Film aus dem abgeschotteten Rumänien der
1980er-Jahre, in dem zwei Freundinnen für eine illegale Abtreibung
durchs Feuer gehen. Wie ihn noch keiner gewagt hat, auch nicht im
Westen.
Sozialer Realismus
Der
Vergleich mit der Nouvelle Vague drängt sich auf, weil sich Mungiu ganz
ähnlicher Mittel bedient: In sperrigen Bildern, von langen
Plansequenzen zur Ruhe gebracht, zeigt er Skizzen des grauen Alltags
ohne jeden Versuch der Beschönigung – nicht sozialistischer, sondern
sozialer Realismus. Als Teil eines Projekts mit dem Titel "Erinnerungen
aus dem Goldenen Zeitalter" hat der Regisseur sarkastisch seinen Film
bezeichnet. Er wirkt wirklich wie ein Film "von gestern", aus der Zeit
vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Und wie in dieser Zeit muss man die
Bilder richtig lesen, um die Kritik herausfiltern zu können. Denn
Mungiu, das macht seinen Film so besonders, zeigt keineswegs das System
der Unterdrückung. Er zeigt dessen unmittelbare Folgen für den
einzelnen, den Kampf ums Überleben, das Ringen um Konsumgüter am
Schwarzmarkt, die Heimlichkeit, das Schweigen, die Furcht vor einer
möglichen, nicht unbedingt sichtbaren Macht. Was einen in diesem
beklemmenden Dokument in Atem hält, ist die Atmosphäre der Angst.
Nirgendwo
war sie so spürbar wie in Rumänien. Das Land hat unter den
Ostblockstaaten immer eine Sonderstellung eingenommen. Und nach ein
paar Informationen wundert man sich gar nicht mehr so sehr, dass sich
Mungiu mit dem Abtreibungsthema gleich an den größtmöglichen Tabubruch
heranwagt.
Spuren einer Schreckensherschaft
Die
internationale Abschottung war das Lebenswerk des langjährigen
Diktators Nicolae Ceauşescu, der sich seit seiner Ernennung zum
Präsidenten 1974 bis zu seinem Sturz und der darauf folgenden
Erschießung 1989 an der Macht hielt. Faktisch hatte er sie schon seit
Mitte der 60er. Seine Lieblingsprojekte waren nationale Unabhängigkeit
und wirtschaftliche Autarkie. Dazu errichtete er ein stalinistisches
Regime ohne die Sowjetunion, unter tatkräftiger Mithilfe einer
willfährigen Nomenklatura sowie seiner lieben Frau Elena. Kennzeichnend
für seine Schreckensherrschaft waren die bittere Armut der Bevölkerung
durch eine katastrophale Wirtschaftspolitik, ein grotesker Personenkult
– und eine noch bizarrere Familienpolitik.
Diese entsetzliche Atmosphäre des Schweigens und Stillhaltens hat der Regisseur mit seinem Film glänzend beschrieben. Die Geschichte der beiden Mädchen, die sich in einem anonymen Hotelzimmer einem schmierigen "Engelmacher" ausliefern, bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf. Zurecht behauptet Mungiu, die Abtreibung sei nicht sein eigentliches Thema. Er muss auch nicht erläutern, was Ceauşescu mit seiner Gier nach Bevölkerungswachstum bezweckte. Aber weil in einem totalitären Staat alles zusammengehört, fragt man doch nach. Mit dem Katholizismus des Landes hatte diese extreme Form der Biopolitik jedenfalls nichts zu tun. Im ebenfalls katholischen Polen wurden Abtreibung und Verhütung – wie in den meisten sozialistischen Staaten – liberal gehandhabt. In Rumänien hingegen fehlte es nicht nur aufgrund der Misswirtschaft, sondern eben auch angesichts der explodierenden Bevölkerungszahl an Lebensmitteln, Kleidung und allem anderen – wenn die zwei Freundinnen auf dem Schwarzmarkt um westliche Zigaretten feilschen, spricht daraus nichts anderes als die Sehnsucht nach einem normalen Leben.
Filmland Rumänien
Erst nach dem Sturz 1989 übrigens kam ans Licht, wo die vielen Kinder gelandet waren. Jeder Frau stand es frei, den Säugling nach der Geburt in eines der überquellenden Waisenhäuser zu geben. Diese Bilder aus Rumänien kennt man: abgemagerte, im eigenen Dreck vegetierende Elendsgestalten ohne jede Hoffnung auf Leben. Viele von ihnen, stellte sich nun heraus, waren gegen Devisen ins westliche Ausland verkauft worden. Aus den Waisenhäusern rekrutierte sich außerdem der gefürchtete Geheimdienst der Securitate – ein Teufelskreis hatte sich geschlossen.
Was die Abtreibung angeht, darf man sich nichts vormachen: Seit sie 1993 in Polen fast vollständig verboten wurde, wird sie dort wieder verstärkt illegal vorgenommen – oder im Ausland. Im immer noch bettelarmen Rumänien hingegen wird heute jede zweite Schwangerschaft legal abgebrochen, eine ebenso erschreckend hohe Quote. Es ist gut, dass Cristian Mungiu mit seinem Film kein Statement für oder gegen die Abtreibung abgibt. Dieser bleibt neutral, wie der Streit in Frankreich belegt, wo ihn der Kulturminister nach Protesten von Abtreibungsgegnern/innen und einem kurzzeitigen Verbot wieder als Unterrichtsmaterial an Schulen freigeben musste. Was die zwei Mädchen durchmachen müssen, ist vor allem eine starke Metapher für das Leben in einem geschundenen Land. Das Kino, man muss es so sagen, lebt von solchen Extremsituationen. Was sicher ein Grund dafür ist, dass gerade Rumänien im Moment eines der spannendsten Filmländer der Welt abgibt. Vor zwei Jahren gewann Cristi Puiu in Cannes mit "Der Tod des Herrn Lazarescu" über das einsame Sterben eines alten Mannes den Hauptpreis der Sondersektion "Un certain regard". Nun sogar die Goldene Palme für "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage". Die Hoffnung auf ähnlich gelungene, aber fröhlichere Filme aus Rumänien wird man nicht aufgeben. Doch die quälende Vergangenheit wirkt noch immer nach.
Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.
Fotos: Verleih