Finstere Jahre

Eine Geschichte aus Rumänien

22.11.2007 | Philipp Bühler
Cristian Mungiu zeigt in seinem Film "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" die persönlichen und gesellschaftlichen Folgen der Unterdrückung durch das Ceauşescu-Regime.
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Ausgerechnet Rumänien! Es ist schon paradox, dass mit "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage" ein Film aus einem Land ohne nennenswerte Filmtradition derart radikal mit der Aufarbeitung der sozialistischen Vergangenheit begonnen hat. In den 1960ern, in vielen Staaten des ehemaligen Ostblocks eine Tauwetterperiode, hatte fast jedes Land seine eigene kleine Nouvelle Vague. Mutige, freche Filme aus der Tschechoslowakei, Polen oder Jugoslawien wurden im Westen mit Interesse wahrgenommen. Regisseure wie Roman Polanski, Milos Forman, später auch Krzysztof Kieslowski wurden zu Stars. Die Tschechoslowaken Jan Kadar und Jirí Menzel errangen sogar jeweils den begehrten Auslandsoscar. Rumänien hingegen: Fehlanzeige. Ein Land ohne Bilder. Nun aber ist dem rumänischen Regisseur Cristian Mungiu dieses Jahr ein echtes Kunststück gelungen: der Gewinn der Goldenen Palme in Cannes für einen osteuropäischen Film. Ein erschütternder Film aus dem abgeschotteten Rumänien der 1980er-Jahre, in dem zwei Freundinnen für eine illegale Abtreibung durchs Feuer gehen. Wie ihn noch keiner gewagt hat, auch nicht im Westen.

Sozialer Realismus

Der Vergleich mit der Nouvelle Vague drängt sich auf, weil sich Mungiu ganz ähnlicher Mittel bedient: In sperrigen Bildern, von langen Plansequenzen zur Ruhe gebracht, zeigt er Skizzen des grauen Alltags ohne jeden Versuch der Beschönigung – nicht sozialistischer, sondern sozialer Realismus. Als Teil eines Projekts mit dem Titel "Erinnerungen aus dem Goldenen Zeitalter" hat der Regisseur sarkastisch seinen Film bezeichnet. Er wirkt wirklich wie ein Film "von gestern", aus der Zeit vor dem Fall des Eisernen Vorhangs. Und wie in dieser Zeit muss man die Bilder richtig lesen, um die Kritik herausfiltern zu können. Denn Mungiu, das macht seinen Film so besonders, zeigt keineswegs das System der Unterdrückung. Er zeigt dessen unmittelbare Folgen für den einzelnen, den Kampf ums Überleben, das Ringen um Konsumgüter am Schwarzmarkt, die Heimlichkeit, das Schweigen, die Furcht vor einer möglichen, nicht unbedingt sichtbaren Macht. Was einen in diesem beklemmenden Dokument in Atem hält, ist die Atmosphäre der Angst.

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Nirgendwo war sie so spürbar wie in Rumänien. Das Land hat unter den Ostblockstaaten immer eine Sonderstellung eingenommen. Und nach ein paar Informationen wundert man sich gar nicht mehr so sehr, dass sich Mungiu mit dem Abtreibungsthema gleich an den größtmöglichen Tabubruch heranwagt.

Spuren einer Schreckensherschaft

Die internationale Abschottung war das Lebenswerk des langjährigen Diktators Nicolae Ceauşescu, der sich seit seiner Ernennung zum Präsidenten 1974 bis zu seinem Sturz und der darauf folgenden Erschießung 1989 an der Macht hielt. Faktisch hatte er sie schon seit Mitte der 60er. Seine Lieblingsprojekte waren nationale Unabhängigkeit und wirtschaftliche Autarkie. Dazu errichtete er ein stalinistisches Regime ohne die Sowjetunion, unter tatkräftiger Mithilfe einer willfährigen Nomenklatura sowie seiner lieben Frau Elena. Kennzeichnend für seine Schreckensherrschaft waren die bittere Armut der Bevölkerung durch eine katastrophale Wirtschaftspolitik, ein grotesker Personenkult – und eine noch bizarrere Familienpolitik.

"Genosse Ceauşescu ist der Vater aller Kinder, und Genossin Elena Ceauşescu ist die Mutter aller Kinder." Diesen Satz lernten Jungen und Mädchen im Kindergarten. Und er war keine Übertreibung. Nicht nur die Industrie, auch die Bevölkerung sollte stetig wachsen. Verhütung und Abtreibung wurden verboten und mit Freiheitsstrafen geahndet. Seit einer Verschärfung der Gesetze im Jahr 1972 war Frauen eine Abtreibung erst mit 45 Jahren oder nach der Geburt von fünf Kindern erlaubt. Mehr noch: In regelmäßigen Abständen wurde die Gebärmutter aller Frauen in medizinischen, demütigenden Untersuchungen überprüft. In den Krankenhäusern arbeiteten als "Ärzte" getarnte Verhörspezialisten des auch sonst allgegenwärtigen Geheimdienstes. Hatte sich eine Frau ihrer Pflicht als Gebärmaschine entzogen, wurde sie bestraft – als Mörderin.

Schweigen und Stillhalten

Über die Zahl der illegalen Abtreibungen in dieser Zeit gibt es lediglich Schätzungen und Dunkelziffern. Aber Mungiu musste sich für seinen Film lediglich der zahllosen Geschichten bedienen, die damals im Volk umgingen. Er nennt sie die "persönlichen Erfahrungen, die man normalerweise nicht mit anderen teilt". Unter den Frauen kursierten hochgefährliche Abtreibungsrezepte und die Namen in Frage kommender Ärzte. Lief der Abbruch schief, ließ man den dringend nötigen Gang ins Krankenhaus gerne sein: Eine Behandlung erfolgte erst nach Preisgabe aller an der Abtreibung beteiligten Personen gegenüber dem Geheimdienst. Viele junge Frauen, erklärt Mungiu, sahen den illegalen Abbruch einer Schwangerschaft als Akt jugendlichen Widerstands. Nach Schätzungen bezahlten diesen bis zum Ende des Regimes 500.000 Frauen mit dem Leben.

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Diese entsetzliche Atmosphäre des Schweigens und Stillhaltens hat der Regisseur mit seinem Film glänzend beschrieben. Die Geschichte der beiden Mädchen, die sich in einem anonymen Hotelzimmer einem schmierigen "Engelmacher" ausliefern, bekommt man nicht so schnell aus dem Kopf. Zurecht behauptet Mungiu, die Abtreibung sei nicht sein eigentliches Thema. Er muss auch nicht erläutern, was Ceauşescu mit seiner Gier nach Bevölkerungswachstum bezweckte. Aber weil in einem totalitären Staat alles zusammengehört, fragt man doch nach. Mit dem Katholizismus des Landes hatte diese extreme Form der Biopolitik jedenfalls nichts zu tun. Im ebenfalls katholischen Polen wurden Abtreibung und Verhütung – wie in den meisten sozialistischen Staaten – liberal gehandhabt. In Rumänien hingegen fehlte es nicht nur aufgrund der Misswirtschaft, sondern eben auch angesichts der explodierenden Bevölkerungszahl an Lebensmitteln, Kleidung und allem anderen – wenn die zwei Freundinnen auf dem Schwarzmarkt um westliche Zigaretten feilschen, spricht daraus nichts anderes als die Sehnsucht nach einem normalen Leben.

Filmland Rumänien

Erst nach dem Sturz 1989 übrigens kam ans Licht, wo die vielen Kinder gelandet waren. Jeder Frau stand es frei, den Säugling nach der Geburt in eines der überquellenden Waisenhäuser zu geben. Diese Bilder aus Rumänien kennt man: abgemagerte, im eigenen Dreck vegetierende Elendsgestalten ohne jede Hoffnung auf Leben. Viele von ihnen, stellte sich nun heraus, waren gegen Devisen ins westliche Ausland verkauft worden. Aus den Waisenhäusern rekrutierte sich außerdem der gefürchtete Geheimdienst der Securitate – ein Teufelskreis hatte sich geschlossen.

Was die Abtreibung angeht, darf man sich nichts vormachen: Seit sie 1993 in Polen fast vollständig verboten wurde, wird sie dort wieder verstärkt illegal vorgenommen – oder im Ausland. Im immer noch bettelarmen Rumänien hingegen wird heute jede zweite Schwangerschaft legal abgebrochen, eine ebenso erschreckend hohe Quote. Es ist gut, dass Cristian Mungiu mit seinem Film kein Statement für oder gegen die Abtreibung abgibt. Dieser bleibt neutral, wie der Streit in Frankreich belegt, wo ihn der Kulturminister nach Protesten von Abtreibungsgegnern/innen und einem kurzzeitigen Verbot wieder als Unterrichtsmaterial an Schulen freigeben musste. Was die zwei Mädchen durchmachen müssen, ist vor allem eine starke Metapher für das Leben in einem geschundenen Land. Das Kino, man muss es so sagen, lebt von solchen Extremsituationen. Was sicher ein Grund dafür ist, dass gerade Rumänien im Moment eines der spannendsten Filmländer der Welt abgibt. Vor zwei Jahren gewann Cristi Puiu in Cannes mit "Der Tod des Herrn Lazarescu" über das einsame Sterben eines alten Mannes den Hauptpreis der Sondersektion "Un certain regard". Nun sogar die Goldene Palme für "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage". Die Hoffnung auf ähnlich gelungene, aber fröhlichere Filme aus Rumänien wird man nicht aufgeben. Doch die quälende Vergangenheit wirkt noch immer nach.

Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.


Fotos: Verleih


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