La León

Die Welt zieht vorüber

Kinostart: 15.11.2007 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Santiago Otheguys Film "La León" ist eine Augenweide. Gedreht in Cinemascope und Schwarz-Weiß, mutet er beinah episch an. Doch das Gegenteil ist der Fall. Otheguy hat ein stilles, hochkonzentriertes Drama gedreht, das sich kaum von der Stelle rührt. Aber in dieser Bewegungslosigkeit will man sich gerne verlieren. Boote gleiten durch die Sümpfe, Männer arbeiten im Schilf, die Einsamkeit des Sterbens. "La León" ist nahezu perfektes Kino. Nicht die Kamera dringt in die Welt ein, sondern die Welt zieht an der Kamera vorbei. Dazu schieben sich Naturgeräusche sanft in den Vordergrund. Geredet wird wenig, aber die wenigen Worte sind essentiell.
So distanziert, wie die Kamera sich zu ihrer Umwelt verhält, verhält sich auch der junge Alvaro zu seinen Mitmenschen. Alvaro lebt im Paraná-Delta, das nur dreißig Kilometer von der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt liegt, aber eine andere Welt darstellt. Die Menschen hier sind arm und sie leben verstreut an der Flussmündung von dem Wenigen, was die Sümpfe hergeben. Der Fährer Turu ist der mächtigste Mann in dieser dorfähnlichen Gemeinschaft; ohne ihn geht in dieser unwegsamen Gegend gar nichts. Unbemerkt von den Ansässigen leben auch die "Misioneros", die Fremden und Zugereisten, am Paraná-Delta. Turu beobachtet sie argwöhnisch, und jeden, der mit ihnen verkehrt. Wie Alvaro, der sich mit den Außenseitern/innen identifiziert. Denn Alvaro ist schwul. Als Turu hinter sein Geheimnis kommt, steigt die Spannung innerhalb der Gemeinschaft. Die archaischen Sümpfe, die Urlandschaft par excellence, bieten den idealen Background für einen sich anbahnenden Konflikt.

Auf den ersten Eindruck hin bedient sich Otheguys Film stark beim Neorealismus, aber schon die überaus stilisierte Kamera-Arbeit widerspricht dieser Einschätzung. Das Dokumentarische ist nur Rohmaterial in den Händen Otheguys. Eher einnert "La León" an ein Gedicht – ohne dass der Film je salbungsvoll daherkommen würde. Man guckt nur und staunt. Gemächlich zieht die Welt vorüber, und für einen unendlichen Augenblick vergisst man sogar den Hass und das Leiden in ihr.
Andreas Busche

La León, Argentinien, Frankreich 2007, Buch und Regie: Santiago Otheguy, mit Jorge Román, Daniel Valenzuela, José Muñoz, Daniel Sosa, Ana Maria Montalvo, Hernan Sosa, Alfredo Norberto Rivas, schwarzweiß, OmU, Kinostart: 15. November 2007 bei Salzgeber

Foto: Verleih


www.delicatessen.org
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs
www.imdb.de

Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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