Abbitte

Die Macht der Lüge

Kinostart: 8.11.2007 | Sascha Rettig | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Bestsellerverfilmungen sind oft zum Scheitern verurteilte Gratwanderungen. Denn auch wenn die filmische Verwertung in Hinsicht auf das Lesepulikum lukrativ erscheint, werden die Regisseure mit der oft hohen Erwartungshaltung und der Schwierigkeit konfrontiert, den literarischen Text angemessen in eine andere Kunstform, den Film, zu übersetzen. Ist die Vorlage dann auch noch derart umfang- und erfolgreich wie Ian McEwans "Abbitte", wird eine solche Adaption zu einem noch schwierigeren Unterfangen.

Dabei beginnt Joe Wrights Leinwandversion durchaus viel versprechend in den 1930er-Jahren in der so trügerischen wie unbeschwerten Sommeridylle eines großzügigen, britischen Landsitzes. Die 13-jährige Briony (Saoirse Ronan) vertreibt sich dort die heißen Tage damit, im kleinen Kreis ihr erstes Theaterstück zur Aufführung zu bringen. Allerdings macht sie auch eine folgenschwere Beobachtung: Sie bekommt mit, wie sich zwischen ihrer Schwester Cecilia (Keira Knightley) und dem Bedienstetensohn Robbie Turner (James McAvoy) eine leidenschaftliche Beziehung anbahnt. Das passt Briony gar nicht, denn sie himmelt den jungen Mann heimlich an. Als auf dem Landsitz ein Mädchen vergewaltigt wird, behauptet die eifersüchtige 13-Jährige daher, dass sie Robbie am Tatort gesehen hat – und zerstört mit dieser Lüge das Glück und die gemeinsame Zukunft der frisch Verliebten.
Wie bereits im Debüt von Regisseur Wright, der frischen Jane-Austen-Adaption "Stolz und Vorurteil" (2005), ist Keira Knightley auch in "Abbitte" ein lebendiger Blickfang. Allerdings wird ihr hier anfangs die Show durch die junge Saoirse Ronan gestohlen, die als Briony auf fast beängstigende Weise zwei Seiten herausspielt: Ist sie einerseits der verliebte, eifersüchtige Teenager, hat sie andererseits auch immer etwas kühl Berechnendes, ja fast Grausames. Bis zu ihrer Anschuldigung hat Wright seinen Film äußerst solide inszeniert und einen genauen Blick auf die Beziehungen und Seelenzustände der Beteiligten geworfen. Es sind gute Voraussetzungen für einen intensiven Fortgang des Dramas um Schuld und Lebenslügen.

Doch auf den gelungenen Start folgt eine katastrophale zweite Hälfte, die vor allem an dem Überinszenierungswahn des Regisseurs scheitert. Während sich der Film zum Jahrzehnte überspannenden Gefühls- und Geschichtsepos aufschwingen will, verschwindet schließlich nicht nur Knightleys Figur, die inzwischen verwundete Soldaten pflegt, irgendwo in den Wirren des Zweiten Weltkrieges. "Abbitte" erstickt auch jedes Interesse und jede echte Emotion mit seinen streng durchkomponierten Oberflächen und visuellen Übereifrigkeiten, mit denen er aus dem Roman visuell betörendes Kino machen will.

Selbst der Kriegshorror von Dünkirchen, durch den Robbie in einer seltsam träumerischen Plansequenz torkelt, wird zum Dekor und hat allenfalls die Kraft gepflegten Kunstgewerbes. Man ahnt, was Wright wohl auch gerade in diesen Szenen für "Abbitte" vorschwebte, doch statt großer Gefühle und Bestürzung bewirkt der Film vor allem, dass man sich satt und ermüdet abwendet: und das noch lange, bevor im Finale die Abbitte der alten, schuldgeplagten Briony (Vanessa Redgrave) auf das Niveau einer Fernsehbeichte abgeflacht wird.
Sascha Rettig

(Atonement) Großbritannien 2007, Regie: Joe Wright, Buch: Christopher Hampton nach den gleichnamigen Roman von Ian McEwan, mit Keira Knightley, James McAvoy, Romola Garai, Vanessa Redgrave, Patrick Kennedy, Benedict Cumberbatch, Juno Temple, Daniel Mays, Kinostart: 8. November 2007 bei Universal

Foto: Verleih


www.atonementthemovie.co.uk
Website zum Film (englisch)
http://movies.universal-pictures-international-germany.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)