Drei Freunde in der Provinz. Die Freundin treibt ab. Die Arbeitsagentur sperrt die Hartz-IV-Kohle. Die Lehrer nerven. Die Eltern auch. Der Chef sowieso. Die Kumpels stellen keine blöden Fragen. Die Parties sind das Einzige, was Spaß macht. Die Drogen sind leicht zu haben. Die Gewalt ist Teil des Alltags. Das Hobby ist Kickboxen. Die kleinen Fluchten sind selten. Die Perspektiven sind mau.
Leben zwischen Schule und Beruf
"Preußisch Gangstar" ist kein Dokumentarfilm. Und doch eine realistische Studie, ein sehr exakter Blick auf das Leben von Jugendlichen zwischen Schule und Beruf, zwischen Arbeitslosigkeit und Hoffnung auf eine Zukunft, zwischen Kindheit und Erwachsensein: Der stille Tino bastelt an seinem Hauptschulabschluss und brettert am liebsten mit dem Motocross-Motorrad durch den Wald. Oli jobbt in der örtlichen Dorfdisco und träumt davon, einen eigenen Club zu eröffnen. Nico ist arbeitslos und hofft auf einen Karriere als Rapper. Es ist sein HipHop-Pseudonym Preußisch Gangstar, das dem Film den Namen gibt.
Das wahre Leben
Wer aber glaubt, "Preußisch Gangstar" sei ein simpler, schnell runtergekurbelter Billigstreifen, hat nur insofern recht, dass er mit einem quasi nicht vorhandenen Budget gedreht wurde. Aber nicht nur wurde das Drehbuch zusammen mit den Hauptdarstellern über Monate hinweg erarbeitet, auch die visuelle Gestaltung und der dramatische Aufbau sind lange nicht so zufällig, wie sie bisweilen wirken: Die Kamera rückt ganz bewusst ab von den Figuren, versteckt sich immer wieder hinter Mauervorsprüngen und Ästen, blickt durch Fenster und Türrahmen aufs Geschehen, erschwert den Zuschauern/innen dadurch systematisch die Identifizierung und degradiert sie zu Voyeuren/innen, um einen gefühligen Zugang zu erschweren. Ein ähnliches Verfahren, wenn auch auf ungleich stilisierterem Niveau, benutzte Rainer Werner Fassbinder für seine Verfilmung von "Effie Briest" (1974), um die Entfremdung der Charaktere darzustellen und die Betrachtenden zu zwingen, die eigene Position zu hinterfragen.
Auch die Dramaturgie folgt zwar keiner herkömmlichen Erzählstruktur, aber trotzdem ist das Drehbuch fein konstruiert: Die drei Protagonisten verkörpern mit ihren verschiedenen Charakterzügen und Problemen exemplarisch drei Seiten eines prototypischen Jugendlichen, der an seiner Umwelt, seinen Möglichkeiten und nicht zuletzt an sich selbst zu scheitern droht. Die Situationen, die Stelmach und Werner am Beispiel von TinoOliNico durchspielen, kennt jeder Heranwachsende: die Konflikte mit Autoritäten, die Angst vor den gesellschaftlichen Erwartungshaltungen, erste Liebe und erste Enttäuschung, vor allem aber die zermürbende Sprachlosigkeit, die mal völlig fehlende, mal scheiternde Kommunikation mit der Umwelt. Die drei Helden flüchten sich in die ritualisierten Verhaltensformen und Codes der HipHop-Kultur, die das Verhältnis untereinander regeln. "Preußisch Gangstar" folgt ihnen auf ihrem Weg, zeigt ausdrücklich ihr widersprüchliches Verhalten, ihr ganzes Elend, ohne sie zu denunzieren.
Eins aber ist "Preußisch Gangstar" ganz gewiss nicht, auch wenn dieses Mantra den Film bei seinen vielen Einsätzen bei Festivals stets begleitet hat: eine Bestandsaufnahme der ostdeutschen Provinz. Nichts läge Stelmach und Werner ferner, auch wenn sie beide selbst aus Polen stammen. Buckow ist nur eine Hintergrundfolie, ihr Film ist ein Film über Jugendliche überall in Deutschland. Zudem ist "die Perle der Märkischen Schweiz", wie das östlich von Berlin gelegene Städtchen für sich selbst wirbt, mitnichten eine jener von Frauen verlassenen, von Neonazis dominierten und ohne Zukunft dahindämmernden ostdeutschen Kleinstädte, sondern ein kleines, properes Örtchen im Speckgürtel der Hauptstadt. Das ist in "Preußisch Gangstar" allerdings nicht zu sehen. Dafür aber das wahre Leben.
Preußisch Gangstar, Deutschland 2007, Buch und Regie: Irma-Kinga Stelmach, Bartosz Werner, mit Mario Knofe, Benjamin Succow, Robert Ohde, Aline Staskowiak, Anne Helm, Kristin Kramer, Ulrike Hübschmann, Lutz Blochberger, Kinostart: 4, Oktober 2007 bei defa-spektrum
Fotos: ©Verleih
Thomas Winkler, 42, ist freier Autor und lebt selbst am Rande Berlins.
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