
Schon der Anfang ist legendär: Ein alter Mann liegt auf dem Sterbebett. Mit seinem letzten Atemzug gleitet eine Schneekugel aus seinen Händen und zerplatzt in tausend Stücke – ein Kinderspielzeug, offenbar das Einzige, an dem der einst übermächtige Medientycoon Charles Foster Kane am Schluss noch festhalten wollte. Er stirbt im Jahre 1941, umgeben von sagenhaftem Reichtum und doch mutterseelenallein, auf seinem monströsen Schloss Xanadu. Ein Reporter wird beauftragt, die Bedeutung seines rätselhaften letzten Wortes zu erforschen: "Rosebud". Alle befragt er, die Kane kannten, vom Aufstieg des jungen Millionenerben zum wichtigsten Zeitungsherausgeber seines Landes – über Hochzeiten und Liebesaffären bis zum einsamen Tod in einer Fantasiewelt. Nur das Kinopublikum erfährt die "ganze Wahrheit": "Rosebud" ist der Name seines Schlittens, gewissermaßen der Inhalt der Schneekugel: ein Symbol für den Verlust kindlicher Unschuld, das mit dem gesamten, wertlos gewordenen Inventar von Xanadu ins Feuer wandert.
Bilderzauber in Schwarz-Weiß
Wie das Wort "Rosebud" liefern auch die Zeitzeugenberichte nur Facetten; eine "objektive" Wahrheit gibt es nicht. Mit dem Jonglieren der Ebenen läutete der erst 25-jährige Regisseur Orson Welles ein neues Filmzeitalter ein. Berühmt wurde der Film auch für nie zuvor gesehene Schnitte, bizarre Kamerawinkel und verblüffende Tiefenschärfen. Nichts davon hatte der Autodidakt Welles selbst erfunden. Doch er schuf ein Kunstwerk, das bis heute fasziniert.
Geschichte wird gemacht
Die Liebe gerade der Kritiker für diesen Film hat einen besonderen Grund: "Citzen Kane" ist ein Film über ihr eigenes Fach, den Journalismus. Erzählt wird weniger eine Geschichte als das Entstehen dieser Geschichten, wie Geschichten "gemacht" werden. Charles Foster Kane startet seine Medienkarriere als sozial engagierter Vertreter des "kleinen Mannes". Sein Motto: Der Wahrheitsgehalt einer Nachricht steigt mit der Größe der Schlagzeile. Je mehr er auf diese Weise an Macht gewinnt, desto mehr ist er bereit, sie zu missbrauchen. Er zettelt sogar Kriege an, um darüber schreiben zu können. Als er es nicht schafft, seine Geliebte zum Opernstar zu machen, baut er ihr ein eigenes Opernhaus. Schließlich nutzt er sein Medienimperium für eine politische Karriere – ein früher Berlusconi, der selbst "Geschichte schreibt".
Allerdings ist "Citizen Kane" mindestens ebenso ein Film über seinen Schöpfer wie über seinen Gegenstand. Als Orson Welles nach Hollywood kam, galt er bereits als Wunderkind. Sein Radiohörspiel "Krieg der Welten" – die angebliche Live-Reportage über eine Attacke von Außerirdischen versetzte halb Amerika in Angst und Schrecken – hatte ihn über Nacht berühmt gemacht. Die RKO-Filmstudios gewährten ihm völlige künstlerische Freiheit. Welles führte nicht nur Regie, er schrieb gemeinsam mit Herman J. Mankiewicz das Drehbuch und besetzte die Hauptrolle mit sich selbst. Auf der Leinwand verschmelzen das Genie Orson Welles und der junge, vor Tatendrang sprühende Charles Foster Kane geradezu zu einer Person. Der alte Mann auf dem Sterbebett hingegen wirkt wie eine Vision des späteren Welles. Nie mehr durfte er so eigenmächtig Regie führen, seine Filme wurden von den Studios ohne Nachfrage zerhackstückt, in seinen Schauspielerrollen trat er auf als Parodie seiner selbst. Der unwiederholbare künstlerische Erfolg von "Citizen Kane" wurde zu seinem Fluch.
Und doch: die Liebe
Als tatsächliches Vorbild für Charles Foster Kane gilt der reiche Medienmagnat William Randolph Hearst (1863-1951). Hearst war ein egozentrischer Unternehmer uramerikanischer Prägung, ähnlich wie Howard Hughes, dem Martin Scorsese zuletzt mit "Aviator" – nach dem Vorbild von "Citizen Kane" – ein Denkmal setzte. Wie seine Leinwandadaption Kane hatte er Ambitionen auf die US-Präsidentschaft. Auch er versuchte seine Geliebte zum Star zu machen und erstand zu diesem Zweck ein ganzes Filmstudio. Als Hearst von den Dreharbeiten erfuhr, nutzte er seine Macht, um das Riesenprojekt zu torpedieren. Anzeigen für "Citizen Kane" und andere RKO-Produktionen durften in seinen Zeitungen nicht erscheinen – mit ein Grund für den kommerziellen Misserfolg des Films, der erst auf dem Umweg über Europa seine Kosten einspielte. Dass "Rosebud" ein besonders intimer Kosename für Hearsts Geliebte Marion Davies war, ist Teil der Legende um diesen Film, der selbst zur Legende wurde.
Philipp Bühler schreibt leidenschaftlich gern über Filme.
Foto: Verleih
www.orsonwelles.co.uk
Englische Website zu Orson Welles
http://de.wikipedia.org
Biografie von William Randolph Hearst
www.khm.de
Website der Kunsthochschule für Medien in Köln
www.hdm-stuttgart.de
Website der Hochschule der Medien Stuttgart
www.journalistenschule.de
Website der Hamburger Journalistenschule
www.djs-online.de
Website der DJS Deutsche Journalistenschule
www.rtl-journalistenschule.de
Website der RTL Journalistenschule für TV und Multimedia
www.berliner-journalisten-schule.de
Website der Berliner Journalisten-Schule (BJS)
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