Hamburger Lektionen

Aufforderung zum selbstständigen Denken

Kinostart: 20.9.2007 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken

2.974 Opfer, 24 Vermisste, 19 tote Entführer und viele Tausende Verletzte, ungezählte Milliarden Dollar Schaden, ein Krieg der Kulturen und mindestens zwei ganz reale Kriege, ein Internierungslager ohne Rechtsgrundlage, eine ins Chaos gestürzte Region, ramponierte Volkswirtschaften, ein Berg Verschwörungstheorien und eine Supermacht, die dabei ist, die eigenen rechtstaatlichen Prinzipien aufzugeben.

Die Liste der Schäden des 11. September 2001 wird immer länger, die Fronten immer verhärteter. Die Ursachen des Konflikts, die Motivationen der Kombattanten, die Beweggründe der Attentäter rücken immer mehr in den Hintergrund, drohen zu verschwinden hinter Ideologie und Vorurteilen, Stereotypen und den immergleichen Bildern, die von den Medien ohne Unterlass rekapituliert werden.

Ideologisches Rüstzeug

All dem will Romuald Karmakar mit "Hamburger Lektionen" etwas entgegensetzen. Ein Text, eine Stimme, ein Gesicht: ein Minimum an Emotionen, ein Maximum an filmsprachlicher Strenge: Der Schauspieler Manfred Zapatka liest die Übersetzung zweier religiöser und moralischer Fragestunden, die Mohammed Fazazi, der Imam der Al-Quds-Moschee in Hamburg, zum Ende des Ramadan im Januar 2000 abhielt.
In der Al-Quds-Moschee verkehrten auch Mitglieder der so genannten Hamburger Gruppe von Al Kaida, muslimische Studenten, aus denen sich die zentralen Protagonisten der Attentate vom 11.September 2001 rekrutierten. Drei der vier Todespiloten, darunter der mutmaßliche Anführer der Gruppe, Mohammed Atta al Sayed, hatten engen Kontakt zu Fazazi, bevor sie zu ihrer tödlichen Mission aufbrachen. Man kann davon ausgehen, dass Fazazi, der vor seiner religiösen Erweckung als Popsänger gescheitert war, zumindest einem entscheidenden Teil der Attentäter ihr ideologisches Rüstzeug und ihre moralischen Rechtfertigungen lieferte.

Konzentration auf den Text

Einige der öffentlichen Fragestunden, die Imam Fazazi abhielt, wurden von einem Unbekannten auf Video festgehalten, kopiert und im Buchladen der Moschee verkauft. Auf dieses Video-Band stützt sich Karmakars Film. Die Auslassungen Fazazis wurden für den Film sorgsam übersetzt, sind mit erklärenden Ergänzungen – vor allem der vielen islamischen Fachbegriffe wie "Scharia" – versehen und vom Schriftsteller Sten Nadolny lektoriert.

Die filmische Umsetzung, die Karmakar gewählt hat, ist so spartanisch wie möglich. Die Ausstattung ist kaum vorhanden: Zapatka sitzt auf einem Stuhl, ein Hocker links und rechts von ihm, auf denen die Karten mit den Eingaben der Fragesteller abgelegt werden. Es gibt kaum Schnitte und exakt drei Kameraeinstellungen: Man sieht Zapatka im Profil von links vom Knie ab aufwärts, man sieht ihn von vorne, mal nur seinen Kopf, mal seinen gesamten Oberkörper. Er trägt einen schwarzen Anzug, ein dunkles Hemd, die Lesebrille auf der Nasenspitze.

Auch die Schauspielerei ist aufs Allernötigste reduziert: Zapatka nimmt die Karten auf, blickt in sein Manuskript und dann in die Kamera. Er verzieht keine Miene, hebt kaum die Stimme, liest den Text nicht sonor, aber möglichst emotionslos. Das Licht ist dezent und bleibt unverändert, die Reaktionen des Publikums in der Moschee werden als Untertitel eingeblendet, einen Soundtrack gibt es nicht. Einziges Störgeräusch ist das trockene Rascheln der Manuskriptblätter. Möglich nichts soll ablenken vom Wort. Karmakar will, so gut es eben geht, den Blick frei machen auf den bloßen Text. Keine Konnotationen, keine Assoziationen, keine Interpretationen soll die Inszenierung zulassen.

Mit derselben Idee ging Karmakar schon einmal an einen anderen Text heran: Für "Das Himmler-Projekt" (2000) las ebenfalls Manfred Zapatka eine Geheimrede, die der Reichsführer SS Heinrich Himmler im Schloss von Posen am 4. Oktober 1943 vor SS-Generälen hielt und in der ganz offen die Untermenschen-Ideologie des Dritten Reichs und die systematische Vernichtung der europäischen Juden erklärt und gerechtfertigt wurde.

Wie Gehirnwäsche funktioniert

Was beim "Himmler-Projekt" schon hervorragend funktionierte, ist bei den "Hamburger Lektionen" fast noch eindrücklicher. Es beginnt mit Ausführungen von Fazazi zu religiösen Fragen, wann man das Fasten brechen soll, mit viel "Gott, gepriesen sei er", mit erbaulichen Ratschlägen: "Mit guten Taten kommt man Gott näher, auch mit Gehorsam." Langsam nur steigert sich die Intensität des Vortrags, werden die Aussagen eindeutiger und kontroverser: "Die islamische Religion mischt sich ausnahmslos in alle Bereiche des Lebens ein." Nun schält sich heraus, dass man sich inmitten einer Gehirnwäsche befindet, die durch beständige Wiederholungen derselben Formeln unterstützt wird: "Der Prophet, Gott segne ihn und schenke ihm Heil."

Schließlich lässt Fazazi endgültig die Maske fallen und rechtfertigt die Unterdrückung der Frauen, die Zensur und anti-demokratischen Strukturen in islamischen Staaten und schließlich auch den Mord an Andersgläubigen: "Einer, der sich am Krieg gegen den Islam durch Meinungsäußerung oder geistige Anstrengung oder durch ein Lied oder durch eine Fernsehserie beteiligt, die die Muslime beleidigt oder sie verzerrt darstellt, der ist ein Krieger und ist zu töten, selbst wenn es eine Frau oder ein Kind ist." In aller Ausführlichkeit entwirft er ein auf den Lehren des Koran fußendes Argument, an dessen Ende die gesamte westliche Welt zum Feind des Islam und die Gewalt des Terrorkrieges zum göttlichen Willen erklärt wird. Ziel ist dabei nichts weniger als "die Wiederkehr des islamischen Kalifats auf der ganzen Welt". So, auch das macht die Inszenierung der "Lektionen" klar, funktioniert aber nicht nur der Fanatismus der Islamisten, sondern jede krude und bigotte Logik des Totalitären, egal welcher radikalen Religion oder Ideologie.

Filmische Lesung

Es dauert seine Zeit, bis man das radikal veränderte Sehen akzeptiert, bis die eingefahrenen Sehgewohnheiten ausgehebelt sind, bis man vergisst, dass man nicht in erster Linie sehen soll, sondern hören, verstehen, nachdenken. Das war beim "Himmler-Projekt" so, das ist bei "Hamburger Lektionen" nicht anders. Denn schlussendlich stellt Karmarkar mit beiden Filmen nicht nur intolerante, Menschen verachtende Ideologien bloß, arbeitet nicht nur die Grundlagen des Terrors heraus, sondern erzählt auch vom Kino, von den modernen Medien, von der Macht der Bildern. Seine konsequente Suche nach einer anti-filmischen Bildsprache demaskiert die manipulatorische Medienmaschinerie und macht in letzter Konsequenz den Kopf der Zusehenden frei. "Hamburger Lektionen" ist vor allem deshalb ein großer Film, ein Film, der erfolgreich den Islamismus und andere aggressive Ideologien kritisiert, weil er einen Weg eröffnet zum selbstständigen Denken.

Hamburger Lektionen, Dokumentarfilm, Deutschland 2006, Buch und Regie: Romuald Karmakar, mit Manfred Zapatka, Kinostart: 20. september 2007 bei farbfilm

Fotos: © farbfilm

Thomas Winkler, 42, lebt und arbeitet am Rande Berlins.


www.hamburger-lektionen.de
Website zum Film (deutsch)

www.filmportal.de
Infos zum Film auf filmportal.de

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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