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"Frag mal, ob sein Großvater auch schon hier gearbeitet hat." Kichern der drei alten Männer. Sven versteht kein Polnisch. Aber er ahnt, dass sie über ihn lachen. Der Zivi in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte Oświęcim war vorher schon leicht angenervt; jetzt fährt er zurück in den Ort und lässt den Mitte-80-Jährigen Krzeminski mit seinen beiden Freunden in der Kneipe sitzen.
Als Sven am nächsten Tag eine Standpauke vom Leiter der IJBS bekommt, "die Situation ist sensibel", wird ihm klar: Seine Arbeit hat das Potenzial, Krisen auszulösen. Oder Krisen zu verhindern. Denn Oświęcim ist der Ort des ehemaligen nationalsozialistischen Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz. Und Stanislaw Krzeminski ist ein ehemaliger Häftling, ein Überlebender dieses schrecklichen Ortes, der heute noch dort wohnt, um die Erinnerung wach zu halten. Svens Aufgabe ist es, sich um ihn zu kümmern.
Zivildienst in Auschwitz
Wie soll man mit der Geschichte umgehen? Wie kann man das Interesse aufrecht erhalten für die Geschichte, von der alle in der Schule gehört haben – manche sagen sogar zu viel – und von der dann doch so viele nichts wissen? Wie nehmen junge Menschen heute Auschwitz und den Holocaust wahr – die, die dort leben, und die, die dorthin kommen? Und darüber einen Spielfilm drehen? Regisseur Robert Thalheimer war selbst 1996/97 Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in der IJBS Oświęcim/Auschwitz. Zehn Jahre später, nach einem Regiestudium an der HFF Potsdam und mit seinem Abschlussfilm "Netto" (2004) schon bekannt geworden, kehrte er für die Dreharbeiten seines Films zurück.
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Auch mit dem eigenbrötlerischen Krzeminski (Ryszard Ronczewski) läuft es von Anfang an nicht gut. Als der Zeitzeuge eingeladen ist, für die Auszubildenden einer deutschen Chemiefirma über die Geschichte des Ortes zu sprechen, werden Unterschiede in der Auseinandersetzung mit der Vergangenheit deutlich. Bei den jungen Deutschen mischen sich Schuldgefühle, Interesse und Abwehr. Eben erst wurden die schon vom KZ Auschwitz aufgebauten Chemiewerke in Oświęcim von der (fiktiven) Rhon Chemie AG übernommen. Das ist gut, denn das bringt Arbeitsplätze. Vom "Erinnerungsbetrieb" allein kann der Ort ja nicht ewig leben. Auch Anias Bruder arbeitet in der deutschen Firma.
Nun soll auch ein Gedenkstein aufgestellt werden. Der Bürgermeister ist da, ein Vorstand, "extra aus Deutschland angereist", wie die von Lena Stolze umwerfend kalt dargestellte Geschäftsführerin betont. Krzeminski soll von seiner Zeit im KZ erzählen, vorsichtig fängt er an zu sprechen, dann wird er etwas deutlicher in seinen schweren Erinnerungen. Frau Schneider unterbricht ihn. Sie findet wohl, es reicht. Schließlich regnet es und irgendwann muss vielleicht auch mal genug sein mit dem Erinnern. Wie Krzeminski sich dann dem gemeinsamen Foto verweigert, trotzig und verletzt zugleich, ist mit nur kleinen Gesten eine der stärksten Szenen. Der Konflikt ist damit ausreichend beschrieben. Zu lösen ist er noch lange nicht.
Am Ende: bleiben
Der Film entwirft kein geschöntes Bild von den Einrichtungen des Erinnerns. Die Erinnerungskultur scheint nicht nur komplett ritualisiert, sie verändert sich auch, weg von der Idee, dass Zeitzeugen am besten vermitteln können, was war. Auch kein Werbefilm für die IJBS ist es geworden. Der Leiter der Begegnungsstätte wirkt einen Tick zu souverän, zu professionell, als dass er besonders sympathisch wäre.
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Offen bleibt dann auch, was der Auslöser ist für Svens Entscheidung, den Zivildienst abzubrechen und seine Sachen für die Rückreise nach Deutschland zu packen. Ist es, dass Ania, in die er sich verliebt hat, in wenigen Wochen nach Brüssel gehen wird? Oder ist es, dass er erwischt wurde, wie er für Krzeminski heimlich Koffer aus der Restaurierungsabteilung geholt hat? Krzeminski, der einst den neu angekommenen Häftlingen versprochen hatte, sich um ihre Koffer zu kümmern, repariert diese zerfallenden Koffer heute mit Papier und Kleber. Doch der Nachschub war ihm nun verweigert worden.
Als am Ende eine Schulklasse am Bahnhof ankommt, macht es Sven sich zur Aufgabe, ihnen den Weg zur Gedenkstätte zu zeigen. Ein kleiner Schritt, dass dieser Ort auch für die nächste Generation zur Aussöhnung im belasteten deutsch-polnischen Verhältnis beitragen kann. Für Sven, der den Zivildienst als Chance sieht, sich ein Jahr lang zu orientieren und herauszufinden, was er im Leben machen möchte, ein großer Schritt.
Am Ende kommen Touristen, Deutschland 2007, Buch und Regie: Robert Thalheim, mit Alexander Fehling, Ryszard Ronczewski, Barbara Wysocka, Piotr Rogucki, Rainer Sellien, Lena Stolze, Lutz Blochberger, Kinostart: 16. August 2007 bei X Verleih
Fotos: Verleih
Ingrid Arnold arbeitet als freie Redakteurin in Berlin.
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