Auf Anfang [:reprise]

Die Dinge des Lebens

Kinostart: 2.8.2007 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Das erste Treffen nach dem Kollaps. Sie hat ihn damals verlassen, als ihm der schriftstellerische Erfolg zu Kopf stieg. Er landete in der Psychiatrie. Das Leben ist ja selten so dramatisch, aber jeder kennt die Situation. Ihre Scham, ihn allein gelassen zu haben, bloß weil es sein musste. Seine Versuche, in ihren Augen diesen Rest von Liebe zu entdecken. Aus Eitelkeit oder Verzweiflung, wer weiß. Vielleicht liebt er sie gar nicht so sehr. Und das alles in einer schmucklosen Uni-Cafeteria, weil man einen neutralen Ort brauchte und keinen besseren fand.

Ein unverschämt gut aussehender Film

Man kann solche Szenen so filmen und platzieren, dass sie schon in der Gegenwart aussehen wie eine böse Erinnerung. Das ist die Kunst, die Joachim Trier beherrscht. Mit "Auf Anfang [:reprise]" hat der norwegische Debütant einen Film gemacht, der nicht nur die Zeitebenen wild durcheinander würfelt, sondern auch Realität und Fiktion, Wunsch und Wirklichkeit, Leiden und Lust permanent verschwimmen lässt. Einen Schriftstellerfilm eben. Aber einen, der in seiner originären Machart stets als Film wirkt und nie als Literatur. So viel erst mal zum Formalen. Denn nebenbei geht es ja auch um ganz konkrete Dinge: Jungs und Mädchen, den Traum vom Erfolg, das Ringen mit der überschüssigen Kreativität und die bange Frage, ob man sich das alles nur einbildet. Ach ja, und Oslo. Dort leben Phillip (Anders Danielsen Lie) und Kari (Viktoria Winge), die aus der Cafeteria, sowie ein ganzer Haufen anderer junger Norweger, die auch dazu beitragen, dass dieses verzwickte Experiment von Film so unverschämt gut aussieht.
Erzählt wird die Geschichte von Erik (Espen Klouman Høiner), Phillips Freund und Leidensgefährte. Beide wollen Schriftsteller werden, wollen sich einreihen irgendwo zwischen Camus und Sten Egil Dahl, ihrem großen norwegischen Vorbild. Nur einer hat wirklich Talent. Dafür wird Erik wenigstens nicht wahnsinnig. Und er hat Fantasie. Sie erschöpft sich bisher in megalomanen Träumen von der brillanten Karriere, aber immerhin. Wenn er groß rauskommt, will er seine Freundin verlassen. Dann wird durchgebrannt mit der Tochter des weltberühmten Verlegers, die sich seinetwegen umbringt. So hat er endlich ein Thema statt nur ein paar präpotente Männerfantasien. Bis dahin beobachtet er Phillip und Kari, die so viel interessanter sind als er. Phillip, der weltabgewandte Dandy im Smiths-T-Shirt, ist sein Freund. Aber eben auch ein Konkurrent. Das macht die Sache spannend.

Beschreibung eines Lebensgefühls

Eine Handlung zu rekapitulieren, wäre vergebens. Die Geschichte beginnt am Briefkasten, wo beide Jungautoren hoffnungsvoll ihre Manuskripte einwerfen. Sie endet ungewiss, denn Eriks Erzählerstimme ist nicht zu trauen. Permanent wechselt die Voice-over ihre Funktionen. Stimmt das alles? Oder schreibt er schon wieder an einem Roman? Es wäre kein schlechter. Eine ziemlich üble Jungsclique käme darin vor, die ihre Komplexe abarbeitet mit Alkohol, Partycrashing und Lampen auskicken im Park. Es gäbe Frauen wie Kari, die es leid sind, ständig als schöne Fantasie herhalten zu müssen. Vielleicht eher durchschnittliche Zutaten, die aber in ihrer subtilen Zusammenstellung etwas Besonderes ergeben. Man nimmt Joachim Trier ab, dass er hier ein Lebensgefühl beschreibt. Das Lebensgefühl der norwegischen Jugend, die mit der eigenen Coolness so ihre Probleme hat. Oder jeder anderen Jugend in einem reichen Land, denn Unterschiede gibt es nicht mehr im globalen Dorf. Man hat schicke Klamotten (H&M, G-Star etc.) und den richtigen Musikgeschmack ("New Dawn Fades" von Joy Division). War's das?

Die coole Oberfläche hat also durchaus ihre eigene Ehrlichkeit. In seinen besten Momenten wirkt dieser mehrfach preisgekrönte Film wie ein norwegisches "Trainspotting" reloaded, mit Büchern statt Drogen. Beides kann einen wahnsinnig machen. Man könnte Trier vorwerfen, dass er mit seinen Rückblenden, Schwarzweißschnipseln und stylischem Schnitt von etwas ablenkt. Aber was könnte das sein? Es ist jene tiefe Wahrheit, nach der ein guter Schriftsteller sein Leben lang vergeblich sucht. So wie Erik, der natürlich mehr drauf hat als das eigene Leiden zu ästhetisieren und Selbstzweifel als Sensibilität auszugeben. Zugegeben, manchmal ist Trier fast zu clever. Eriks erster Roman wird verrissen als "Sprachspiele ohne Zusammenhang". Da liefert der Regisseur die Kritik zum Film gleich mit.

Auf Anfang: Joachim Trier hat einen wunderbar anzuschauenden, zeitgemäßen Film gemacht über fast alle wichtigen Dinge des Lebens und die Liebe zur Literatur. Er ist so gut, dass man sich wünscht, er wäre perfekt. Was er, aufgrund einiger Ermüdungserscheinungen im Mittelteil, definitiv nicht ist. Wenn der supersouveräne Regisseur mal doch den Halt verliert, retten ihn seine begnadeten Schauspieler/innen. Allen voran Anders Danielsen Lie und Viktoria Winge, denen man ewig zuschauen möchte. Ehrlich wahr.

(Reprise) Norwegen 2006, Regie: Joachim Trier, Buch: Joachim Trier, Eskil Vogt, mit Espen Klouman Høiner, Anders Danielsen Lie, Christian Rubeck, Pål Stokka, Odd-Magnus Williamson, Viktoria Winge, Rebekka Karijord, Silje Hagen, OmU, Kinostart: 2. August 2007 bei MFA+

Fotos: Verleih

Philipp Bühler ist Filmjournalist in Berlin.


www.reprisefilm.no
Website zum Film (norwegisch)

www.mfa-film.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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