Sittengemälde: Herr Lehmann

Das große Taumeln

Kinostart: 2.10.2003 | Jenni Zylka
Kann der Film den Charme des Buchs vermitteln?
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Ratzfatz ging das: Vor zwei Jahren schrieb einer eine Geschichte über eine Zeit vor 14 Jahren, über Kreuzberg, die besoffenste Enklave West-Berlins. Eine Geschichte weitgehend ohne Erster-Mai-Tamtam und Mauer-Schauermärchen, dafür aber mit viel Becks, Kneipenkolorit und voller Tagediebe. "Herr Lehmann", der Roman über den lakonischen Thekenmann gleichen Namens, der sich kurz vor seinem 30. Geburtstag (und kurz vor dem Mauerfall) verliebt und darob fast sein Leben ändert, ist ein unprätentiöses Sittengemälde. Die Sitten und Gebräuche der Kreuzberger Bier-Bohème werden darin so gut und zum Kichern wahr beschrieben wie nie zuvor. Und noch bevor der literarische Herr-Lehmann-Siegeszug seinen denkbaren Zenit erreicht hat, läuft schon die Verfilmung in den Kinos an. Das Drehbuch ist vom Buchautor Sven Regener selbst, produziert haben Boje Buck, Regie geführt hat der Theaterregisseur und "Sonnenallee"-Gewinner Leander Haußmann.

Nix faselt außer Lehmann

Was soll man aber nun aus einem solchen Buch machen, dass von trockenem, lakonischem und vor allem monologisiertem Humor nur so pocht? Bei dessen Lektüre man Herrn Lehmann permanent reden, lallen, lachen und faseln hört? Off-Stimme gibt es nicht im Lehmann-Film - ein Glück, das wäre die uneleganteste Lösung gewesen. Stattdessen lässt man Lehmann alias Christian Ulmen zu einem "Best of the Independent Eighties"-Soundtrack durch geradezu gruselig authentische Kneipen, Straßen und Zusammenhänge taumeln und erzählt in einfachen, genauen Bildern die Nicht-Liebesgeschichte mit der schönen Köchin Katrin (Katja Danowski) und das Fast-Drama um den besten Freund Karl (Detlev Buck) und dessen Drogenproblem.

Das geschieht stringenter als im Buch, chronologisch viel eindeutiger, denn das muss sein, um das dramaturgische Netz zu weben: Faseln, Lehmanns Lieblingsbeschäftigung, darf und kann ein Film nicht. Tut er auch nicht. Er beschreibt - oft komisch und immer sehr genau - das zwanglose Leben des alt gewordenen Jungen und seiner Freunde und Saufkumpane, ohne sich auch nur im Geringsten über eine solche Szene zu erheben oder moralinsaure Eltern-Ansprüche zu stellen. Was der Film aber leider ebenfalls nicht macht, ist jenen charmanten Humor zu transportieren, mit dem Sven Regener seine Geschichte zum Laufen kriegt. Auch die banalsten Gedanken, Sätze, inneren Monologe Lehmanns sind es wert, aufgeschrieben zu werden. Denn Regener kann sie so aufschreiben, dass sie als ein Teil des großen Lehmann-Leben-Zusammenhangs zu erkennen sind. Im Buch hängt über allem der sympathische Charakter des Protagonisten, mal blau, mal nüchtern, mal weise, mal stur - jede Menge Identifikationspotenzial für jede Menge verschiedener Menschen. Man muss nur hin und wieder betrunken gewesen sein, um Lehmann zu lieben.

Wort versus Bild

Im Film hat man es dagegen schwerer, den drömmeligen Kneipenwanderer kennen zu lernen. Viele der Dialoge gucken sich banaler, als sie sich lesen. Hin und wieder bleibt man an schwächeren Darstellungen (wie die der Köchin zum Beispiel) hängen, vor allem aber an den eingestreuten Slapstick-Gags, die wie in einer anderen Tonart komponiert klingen: Wieso stellt sich Lehmann, beim Gespräch mit Karl und Katrin im Kino-Foyer, plötzlich alle in Star-Wars-Verkleidung vor? Muss man Herrn Lehmann seine Katrin als weißgewandetes Hochzeitstraumbild halluzinieren lassen, um klar zu machen, was er denkt und wünscht?

Christian Ulmen, bisher öfter Moderator als Schauspieler, ist dennoch ein hervorragender Lehmann. Er trifft in genau der richtigen Geschwindigkeit genau das Timbre, das man zum Lehmann-Verstehen braucht. Und er hat in manchen Momenten sogar etwas von Werner Enkes unbekümmertem und todkomischem Charly in May Spils Kultfilm "Zur Sache, Schätzchen" (1968) - und das ist ja schon fast das Beste, was man über einen Hauptdarsteller sagen kann. Daran liegt's also nicht, dass der Film einen nicht die Bohne so berührt wie das Buch. Es liegt eher am Unterschied Wort und Bild: Das erste ist viel leichter interpretierbar als das zweite, wird darum viel subjektiver wahrgenommen, hangelt sich also näher ans weiche, verwundbare Herz für Spinner.

Und die Nichtkenner des Romans? Lachen hin und wieder, mögen Lehmann auch, finden die Szenerie gut getroffen, kennen solche Nächte. Wie lange sie die Bilder allerdings wohlwollend im Kopf behalten, wäre reine Spekulation.

Herr Lehmann, Deutschland 2003, Regie: Leander Haussmann, Buch: Sven Regener, mit Christian Ulmen, Katja Danowski, Detlev Buck, Janek Rieke, Uwe-Dag Berlin, Martin Olbertz, Hartmut Lange, Karsten Speck, Tim Fischer, Kinostart: 2. Oktober 2003 bei Delphi Filmverleih

Foto: Verleih

Jenni Zylka ist im besten Alter, freie Autorin für verschiedene Zeitungen und im Haupthobby Geheimagentin und Marketenderin in Berlin.


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www.herr-lehmann.de
Website zum Film (deutsch)

http://german.imdb.com/title/tt0322545/
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de/film_2003/herr_lehmann/index.htm
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