Harry Potter und der Orden des Phönix
Teenager mit Angst
Ernst Kramer | Kinostart: 12.7.2007
Es ist ein prächtiger Anblick, wenn die Gemeinschaft der guten Zauberer, der Orden des Phoenix, nachts über die Themse fliegt, vorbei an den
Houses Of Parliament. Deutlicher kann eine kulturelle Verankerung kaum vorgenommen werden. Die Potterwelt ist britisch, britischer geht es fast nicht mehr. Aber es steckt freilich einiges mehr in den Geschichten vom Zauberschüler als eine Volkskunde der Manieren, des Schulsystems oder der Klatschpresse. Waren es in den ersten beiden Bänden noch muntere Schnitzeljagden, die die Leserschaft weltweit ansprachen, treten mit Band fünf jetzt immer stärker die Verhandlung charakterlicher Werte wie Glaube, Vertrauen und Standhaftigkeit in den Vordergrund.
Weil Zaubereiminister Cornelius Fudge die Konkurrenz von Altmagier und Zauberschulleiter Albus Dumbledore fürchtet, vertuscht er mit allen Mitteln die vom Hogwarts-Boss und dessen Protegé Harry Potter angemahnte Gefahr des zurückkehrenden Hexenmeisters Voldemort. Zu diesem Zwecke installiert er im magischen Ausbildungshort seine perfide Komplizin Dolores Umbridge, die aus den Schülern/innen ahnungs- und meinungslose Lämmer machen soll. Da ihnen nun Zaubern verboten ist, gründet Harry heimlich mit seinen Mitschülern/innen die mobile Einsatztruppe
Dumbledores Armee. Denn schon von Beginn des Schuljahres an plagen Harry fürchterliche Visionen, eine Art Teilhabe am bösen Tun Voldemorts. Als sein geliebter Pate Sirius Black in Gefahr zu sein scheint, stürmen er und die Freunde zu seiner Rettung los. Eine Falle?
Eine gesundgeschrumpfte FilmversionWollte man den fünften Harry-Potter-Band im selben Verhältnis wie den ersten verfilmen, käme man auf eine Lauflänge von knapp siebeneinhalb Stunden und hätte dann wohl nur noch das Arthouse-Kinopublikum auf seiner Seite – sofern es unvermittelt seine inhaltlichen Ansprüche ändert. Erstaunlicherweise ist Harrys neuestes Filmabenteuer mit einer Lauflänge von 138 Minuten jedoch die bisher kürzeste aller Potter-Verfilmungen. Der Brite David Yates, nach Chris Columbus, Alfonso Cuarón und Mike Newell der vierte Regisseur im Dienste der Serie, hat den Stoff der Vorlage kräftig ausgeklopft.
So erspart er dem Publikum die Krankenhausbesuche beim schwer verwundeten Arthur Weasley, in denen unendlich lange Theorien über Voldemort, das schlecht geführte Zauberministerium und sonstige Langweiligkeiten breitgekaut werden. Die Episode mit dem schwachsinnigen Riesen Grawp wurde knackig zusammengestrichen und auch die so gebetsmühlenartig wiederholte wie einförmige Beschreibung des aufgewühlten Gemütszustands von Harry. Ja, manchmal können Kürzungen auch eine Wohltat sein. Nur in zwei Aspekten wird es zu knapp: Die junge Hexe Nymphadora Tonks taucht auf, bezaubert jeden mit ihrem alternativen Girlie-Charme und wird dann den ganzen Film über so gut wie nicht mehr gesehen. Und Ron, Harrys ewig als Depp dastehender Sidekick, von allen geliebt und doch von J.K. Rowling meist immer nur als Nichtskönner porträtiert, hat im Buch endlich sein Coming-out, als Quidditch-Teamleader. Quidditch, eine Art Rugby für Zauberer, wird im Film niemand vermissen, wohl aber Rons kleinen Triumph.
Im Gegensatz zum Vorgänger-Film lässt Yates nur wenig Humor zu. Erwachsenwerden bedeutet für Harry und seine Freunde jetzt zuallererst: fürchten, zusammenhalten, der Blick in höllische Abgründe. Oder, gerade noch erlaubt: Harrys verkorkste kurze Romanze mit der hübschen Cho. Die Freuden des Jungseins, im "Feuerkelch" (2005) von Mike Newell mit leichter Hand und im Detail erstaunlicherweise oft ohne Rückgriff auf das Buch zelebriert, werden heruntergekocht auf ein absolutes Minimum. So hauchen Yates und sein Drehbuchautor Michael Goldenberg auch den Streichespielern Fred und George Weasley eher halbherzig ihren anarchischen Charakter ein.
Das Spiel um Schein und Sein
Das macht aber nichts. Denn Yates reüssiert auf ganz anderen Gebieten, etwa der Besetzung und Inszenierung neu hinzugekommener Figuren. Faszinierende Charaktere liefert J.K. Rowlings Roman genug. Und Yates versteht es, mit dieser Steilvorlage gleich mehrere Treffer zu landen. Mehr als 18.000 Mädchen haben sich für die Rolle der Luna Lovegood beworben – und er hat aus diesem Heuhaufen einen wahren Schatz namens Evanna Lynch geborgen. Die leuchtend blasse und zerbrechlich wirkende 15-Jährige spielt Harrys esoterisch denkende Anhängerin. Und überzeugt mit einer mimischen Ausstrahlung, die schon fast als Aura durchgehen kann.
Eine späte Rehabilitierung wird Michael Gambon in der Rolle des Dumbledore zuteil. Von Alfonso Cuarón als Nachfolger des ehrwürdigen Richard Harris engagiert und mit unmöglicher Bommelmütze versehen, erinnerte sein Auftreten bisher eher an eine desorientierte Gartenhummel als an einen Zauberer. Beim Schauprozess zu Beginn des Films kann der Charakterdarsteller ("Gosford Park", 2001) jedoch endlich zeigen, was er kann. Im Close-up zucken die Augenbrauen, brennt das Feuer im Blick, gewinnt seine Haltung jede Sekunde an Schärfe.
Als Beisitzerin sorgt in dieser Szene Dolores Umbridge mit ihrer unverschämt freundlichen und scheinbar unangreifbaren Art das erste Mal für kalte Schauder. Dargestellt von Imelda Staunton ("Vera Drake", 2003) lässt sie mit ihrem stählernen Lächeln das spätere Erscheinen Voldemorts wie eine Erholung erscheinen. J. K. Rowling hat diese Symbolfigur für ungerechte Obrigkeiten angelegt als menschliches Vexierbild: übersüß das Gehabe, verkommen und garstig der Kern, das genaue Gegenteil zu Severus Snape, dem übellaunigen Hogwarts-Lehrer, der Harry im ersten Band so unverhofft aus der Not geholfen hat. Von Figuren wie diesen lebt das Potter-Universum: Ohne das ständige Spiel um Schein und Sein wären die Geschichten weder für Kinder noch Erwachsene interessant.
Die neue Ernsthaftigkeit
Vom bunten Tanzball-Vergnügen des trimagischen Turniers im "Feuerkelch" hin zu schulischer Oppression, Teenage Angst und handfesten Showdowns: David Yates gelingt es, eine adäquat ernsthafte Stimmung zu erzeugen. Seiner Vergangenheit als Regisseur kleiner und feiner TV-Filme ("The Girl In The Café", 2005) ist es dabei zu verdanken, dass er die Dramatik nicht durch Übertreibung hohl werden lässt: Wo J.K. Rowling recht bemüht die prophezeite Sonderrolle Harry Potters gegenüber Voldemort und die daraus resultierende psychische Belastung beschreibt, bemerkt man bei Yates eine weit weniger prätentiöse filmische Umsetzung, was den soliden Harry-Darsteller Daniel Radcliffe erfreulicherweise nicht in die Verlegenheit bringt, chargieren zu müssen.
Dass J.K. Rowling das Finale ihres Buches in Hinblick auf die Verfilmung verfasst hat, drängte sich den aufmerksamen Lesern/innen geradezu auf: Es kommt zu einem großen Kräftemessen, gute gegen böse Zauberer. Eine Begegnung, so schlicht, dass man sie in jedes John-Sinclair-Groschenheft hineinschreiben könnte, ohne dass jemandem stilistische Besonderheiten auffallen würden. Auf der Leinwand sieht das natürlich ganz anders aus. Die Rasanz und visuelle Grandezza, mit denen sich hier das magische Potenzial um die Ohren geschlagen wird, stellen einen visuellen Höhepunkt der Filmserie dar.
David Yates hat mit dem neuesten Teil des Potter-Franchise ein Stück hemmungsloses Abenteuerkino geschaffen, das die mitunter zähe Buchvorlage wunderbar strafft und trotzdem nicht dem Missverständnis unterliegt, große Unterhaltung dürfe nur oberflächlich und effektheischend sein.
(Harry Potter and the Order of the Phoenix) USA, Großbritannien 2007, Regie: David Yates, Buch: Michael Goldenberg nach dem Roman von J.K. Rowling, mit Daniel Radcliffe, Emma Watson, Rupert Grint, Gary Oldman, Helena Bonham Carter, Ralph Fiennes, Alan Rickman, Maggie Smith, Imelda Staunton, Kinostart: 12. Juli 2007 bei Warner Bros.
Foto: © 2007 Warner Bros. Ent., Harry Potter Publishing Rights © J.K.R.
Harry Potter characters, names and related indicia are trademarks of and © Warner Bros. Ent. All Rights Reserved.
Ernst Kramer ist freier Autor in Berlin, spielt Gitarre bei The Up Escalator und komponiert Filmmusik.
www.harrypotterorderofthephoenix.com
Website zum Film (englisch)
http://harrypotter.warnerbros.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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