Verkaufsschlager oder Provokation Porno?
Die Filme von Bruno Dumont
Andreas Busche | 12.4.2007
Bruno Dumont gilt im europäischen Autorenkino derzeit als kontroversester Regisseur. Seine beiden ersten Filme "Das Leben Jesu" (1997), "Humanität" (1999) können für sich in Anspruch nehmen, eine ganze Generation von Filmemachern beeinflusst zu haben. Nicht zuletzt die Vertreter der "Berliner Schule", zu der unter anderem Henner Winckler (Lucy), Christoph Hochhäusler (Falscher Bekenner) und Ulrich Köhler (Am Montag kommen die Fenster) gezählt werden, zitieren Dumont als wichtigen Einfluss. Und wer einen Sündenbock für die derzeitige Marotte im Kunstkino, permanent authentisches Gevögel und Geschlechtsteile in Großaufnahme zeigen zu müssen, sucht, wird ebenfalls früher oder später bei Dumont landen. Etwas Perversion, Obszönität, Erniedrigung, Asoziales,
Gewalt gefällig … you name it: Die Filme Bruno Dumonts halten für jeden etwas parat. Der Bad Boy des französischen Kinos hat in weniger als zehn Jahre mehr Tabus gebrochen als Pasolini in seiner gesamten Karriere.
Frisierte Mofas sind auch nicht viel schneller
Dumonts Filme verfügen jedoch auch über eine spezielle Qualität, die man in Kino lange vermisst hat. Zeit wird in seinen Filmen fast physisch spürbar. Ob seine Hauptfiguren einfach nur auf Mofas durch die Felder brettern oder am Küchentisch sitzen – immer hält die Kamera drauf, oft bewegungslos und ohne Schnitt, als befürchte Dumont, er könne etwas Wichtiges verpassen. Der Witz ist: Es gibt in Dumonts Filmen nichts zu verpassen. Aber gerade diese Langeweile interessiert ihn; erst im Banalen kann er Wahrhaftigkeit finden. Kritiker/innen nennen seine Arbeitsweise deswegen gerne "unfilmisch", als wäre ihre Aufmerksamkeitsspanne bereits dermaßen regrediert, dass jede Einstellung über zwanzig Sekunden den Tatbestand von Kino nicht mehr erfüllt. Dabei ist Dumonts dokumentarische Beobachtungsgabe gar nicht einmal besonders genau. Seine Bilder sind weder sonderlich psychologisch noch sorgfältig komponiert. Die Zuschauer/innen sollen einfach nur gucken und versuchen, diese sperrigen, oft unförmigen und manchmal nicht einmal allzu sympathischen Menschen für sich zu erschließen. Für Dumont ist Kino keine Wissenschaft oder Lehre, sondern Erleben.
Weg von der Theorie?
Zum Film ist Dumont über Umwege gekommen. Eigentlich mag er Kino nicht einmal; in einem frühen Interview hatte er es mal als etwas Totes bezeichnet. Diese Hassliebe ist in allen seinen Filmen spürbar, in der Art, wie er alle klassischen filmischen Formen negiert. Dumont hat viele Jahre als Philosoph gelehrt, bis er das Interesse an den Diskursen und Theorien verlor. Bewegte Bilder, sagt er, sind viel lebensnaher als jede philosophische Abhandlung. Seitdem philosophiert er mit den Mitteln des Kinos. Vorher hat er aber noch einige Jahre als Werbe- und Industriefilmer gearbeitet. Dort hat er gelernt, uninteressante Dinge interessant zu gestalten. Sein erster Auftrag war ein Überwachungsfilme für eine Bank. Heute macht Dumont im Grunde immer noch Überwachungsfilme, nur etwas andere.
Die Filme Dumonts spielen in der Provinz.
Diese Abgeschiedenheit hat etwas Erschreckendes; von der Behaglichkeit einer kleinen Dorfgemeinschaft ist bei ihm nichts zu spüren. Eher schon erzeugt sie ein Gefühl von Enge. "Humanität" erzählt von einem etwas tumben Dorfpolizisten, der den Sexualmord an einem Mädchen aufklären muss. Aber lange Zeit geht es im Film gar nicht um den Mord, eher um eine Art Resozialisation. Irgendetwas ist mit dem Polizisten Pharaon, der wieder bei seiner Mutter lebt, passiert, das sich weder in Worten noch in Bildern darstellen lässt. Diese Ohnmacht führt immer wieder zum totalen Stillstand. Dumonts Filme machen depressiv, weil sie keine Auswege aus dem emotionalen Schlamassel anbieten.
"
Twenty-Nine Palms", Dumonts dritter Film, der diese Woche mit fast vierjähriger Verspätung in die deutschen Kinos kommt, bietet den Fans des Regisseurs mehr vom Gleichen; dieses Mal aus einem leicht veränderten Blickwinkel. Der Film wurde in Amerika gedreht und erinnert streckenweise an ein Remake von Antonionis "Zabriskie Point". Von einer etwa europäisch geprägten politischen Gegenkultur ist weit und breit nichts zu spüren. Stattdessen durchdringt das Gegrunze und Stöhnen von Hauptdarstellerin und Hauptdarsteller, die sich über zwei Stunden lang durch den Film vögeln, permanent die Stille der kalifornischen Wüste. Mit freier Liebe hat das allerdings herzlich wenig zu tun; Dumont hat das Gefühl von
Freiheit auf animalische Triebe reduziert. Nackte Triebe, nackte Angst.
Ödnis auf amerikanisch
Das Wüstenkaff Twenty-Nine Palms in der Nähe des Joshua Tree Nationalparks ist wieder eine Art von Provinz, nicht weniger bedrohlich als Dumonts französische Bauerndörfer. Bei Überqueren der Straße werden sie von einem Redneck bedroht, vorbeifahrende Wagen werden intuitiv als Gefahr wahrgenommen. Doch man spürt, dass sich Dumont auf diesem fremden Terrain nicht sicher fühlt; er wahrt Abstand wie ein Tourist. Die ungelenken Stellungskämpfe der beiden wiederholen sich, dem orgiastischen Geschrei des Mannes will man die gespielte Lust weniger abkaufen denn etwa einem professionellen Pornodarsteller. Die Stumpfheit von Dumonts Figuren lässt kein Mitfühlen aufkommen.
Dumonts Filme sind Angriffe auf die Zuschauer/innen: eine Konfrontation von Sehgewohnheiten und Weltbildern. Extreme Zeiten erfordern extreme Filme? Dumont lässt den Zuschauern/innen keine andere Wahl, als sich mit seinen Bildern auseinander zu setzen. Das stempelt ihn letztlich zum Moralisten ab, auch wenn er das wohl nicht auf sich sitzen lassen würde. Genauso wenig wie den Vorwurf, dass seine Filme auf vordergründige Effekte setzen, sehr gegenläufige, wohl gemerkt, wie abstrakte Leere oder konkrete Pornografie. Das Pornografische ist sicher der billigste Trick von allen, denn der Sex bei Dumont dient bloß wieder als abgegriffene Metapher für die Entfremdung seiner Figuren. Das hat man aber auch schon in den männlich-frustrierten Phantasien von Michel Houellebecq nachlesen können.
Andreas Busche ist eigentlich Dumont-Fan und wartet, dass sein nächster Film, "L'Homme de Flandres", in die Kinos kommt.
Fotos: Verleih
www.imdb.com
Mehr über den Regisseur Bruno Dumont auf den Seiten der Internet Movie Database
www.zorrofilm.de/dl/ldl/196_62.pdf
Das Presseheft zu "Twentynine Palms" auf den Seiten der Verleihfirma