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Alpha Dog

Chronik einer Katastrophe

 sterne

Ernst Kramer | Kinostart: 22.3.2007


Johnny Truelove und seine Gang, alle kaum älter als zwanzig, beliefern halb Los Angeles mit Marihuana. Als der glücklose Dealer Jake Mazursky seine Schulden nicht an Truelove zurückzahlen kann, entführt die Bande dessen jüngeren Bruder Zack. Sie erklären Zack in aller Ruhe, dass sie mit ihm als Geisel Jacks Schulden zurückerpressen wollen. Zack vertraut ihnen, und dann wird ganz normal weiter Party gefeiert und auf den Eingang der Kohle gewartet – gemeinsam mit der Geisel, die sich schnell mit der Gang anfreundet. Eine Großfahndung nach dem Jungen läuft an. Der Anwalt seines Vaters klärt Johnny über die strafrechtlichen Konsequenzen einer Entführung auf. Johnny, bis dahin smarter und unangefochtener Leitwolf der Clique, bekommt es mit der Angst zu tun. Ein Verhängnis bahnt sich an ...

Angst und Aggression


Eine der häufigsten Fragen, die im Vorfeld zu "Alpha Dog" gestellt wurden, war die nach dem Grund für die Teilnahme des Ex-N'Sync-Sängers Justin Timberlake. Die Antwort ist ganz einfach: Er spielt ein Gangmitglied. Und er macht es phantastisch. Als Frankie, der rechten Hand des "Alpha Dogs"Johnny, nimmt man ihm jede Bewegung, jedes Schimpfwort, jede aufgepinselte Tätowierung ab. Eine Karriere als Kinderschlagerstar kann in Zukunft wohl jedem Schauspieler zur Berufsvorbereitung empfohlen werden. Aber auch Ben Foster wird vielen im Gedächtnis bleiben als unberechenbarer und kindischer Underdog Jake, dessen Gequältheit irgendwann in ätzende und Furcht einflößende Aggression umschlägt.

Hier hat sich ein Regisseur ohne Frage sehr um Besetzung und Charakterzeichnung bemüht. Nicht zu fassen, dass es sich um Nick Cassavetes handelt. Denn der hatte zuletzt mit dem drögen Altersmelodram "Wie ein einziger Tag" (2004) einen bösen Schnitzer abgeliefert, der zudem – gar nicht so unpraktisch – eine Verwechslung mit seinem Vater John Cassavetes, dem legendären Schauspieler ("Rosemaries Baby", 1968) und Independent-Filmemacher ("Die Ermordung eines chinesischen Buchmachers", 1975), unmöglich machte.

Das Bezwingen der Langeweile


Mit "Alpha Dog" bleibt die künstlerische Distanz zwischen Vater und Sohn bestehen, aber in einem sehr positiven Sinne: Während John Cassavetes das Anarchische und Improvisierte am Filmemachen liebte, stürzt sich Nick in ein Mammutprojekt mit exaktem Konzept, etlichen Schauspielern/innen und penibler Recherche. Denn "Alpha Dog" beruht auf einer wahren Geschichte: Johnny Truelove ist das Pseudonym für Jesse James Hollywood, dem jüngsten Menschen, der jemals auf einer Fahndungsliste des FBI stand. Johnnys behütete soziale Stellung schließt die üblichen Gründe für eine kriminelle Karriere aus, weswegen auch für das deutsche Publikum eine unbequeme Relevanz entsteht. "Alpha Dog" erzählt von der Sattheit und der Ereignislosigkeit einer Jugend, in der es nur um das Bezwingen der Langeweile geht. Herumhängen am Pool, Videospiele, sich Acid, Hasch und Speed auf immer neue Arten verabreichen – das sind hier die Grundbeschäftigungen. Zieht man den Pool ab, dürfte zumindest einigen Jugendlichen in Deutschland alles ziemlich bekannt vorkommen.

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Nick Cassavetes lässt sich Zeit mit der Beschreibung familiärer Verhältnisse und zeigt viele Wege auf, wie Eltern im Umgang mit ihren übermütigen Kindern versagen können: Da gibt es Wut, Hilflosigkeit und Desinteresse, aber auch bestätigende Haltungen: Johnnys Vater Sonny (Bruce Willis) ist mächtig stolz auf seinen Sohn. Das Gefährliche daran, den fast noch minderjährigen Jungen in der Rolle des Leitwolfs zu fördern, ignoriert er bis zum bitteren Ende, hält die Familienehre hoch gegen jede universelle Moral: Eine vermeintlich starke und gleichzeitig fatale Haltung, von Willis mit unnahbarer Macho-Aura treffend umgesetzt.

Good Fellas in L.A.

Das rückt den Film in die Nähe von Mafiadramen, in denen die eigene Familie über alles gestellt wird. "Alpha Dog" ist eine Art "Good Fellas" für Los Angeles, auch weil er mit ähnlich faszinierender Wirkung erzählt ist. Dabei bleibt Cassavetes jedoch deutlich weniger nostalgisch und kühl. Er konzentriert sich auf die Schilderung der inneren Konflikte der Jugendlichen, deren Herzen doch offenbar am rechten Fleck schlagen, nur leider zu leise, zu schwach und zu jämmerlich, um dem Sog der Ereignisse etwas entgegenzusetzen. So entsteht eine Erzählhaltung, die Mitgefühl erzeugt, ohne die begangenen Verbrechen herunterzuspielen oder zu rechtfertigen.

Dem noch bis vor kurzem unter Kitschverdacht stehenden Cassavetes muss es doppelt hoch angerechnet werden, dass er gegen Ende, wenn sich die Geschehnisse zu mörderischer Eigendynamik hochgeschraubt haben, keinerlei Stilmittel wie Musik einsetzt, um sein Publikum zu manipulieren. Seine emotionale Kraft schöpft der Film in diesen Sequenzen allein aus der Darstellung des engagierten Ensembles.

Der Blick des Autors


Inwieweit Cassavetes mit seiner Inszenierung den wahren Vorgängen wirklich nahe kommt, ist eine ganz andere Frage. Vielleicht wären uns der echte Jesse James Hollywood und seine Freunde, hätten wir sie Tag und Nacht mit versteckter Kamera beobachten können, nicht so ans Herz gewachsen. Nicht jede Gang, die großes Unheil über sich und andere bringt, hat ein Mitglied mit dem Charme eines Justin Timberlake.

Aber auch wenn man wahre Geschichten erzählt, muss eine Stilisierung erlaubt sein. Es geht sogar gar nicht anders, will man Wesentliches betonen und Empathie erzeugen. Wer filmt, formt die Realität. Wie unterschiedlich die Wirklichkeit von Jugend inszeniert werden kann, zeigt der Vergleich mit Larry Clark, der 1995 mit "Kids" ein entmenschlichtes Bild von New Yorker Kindern zeichnete und in "Bully" (2001) eine mit "Alpha Dog" vergleichbare Geschichte erzählt: Hier beschließen acht dauerbedröhnte Jugendliche aus Florida, einen unleidlichen Bekannten umzubringen. Clarks Figuren sind leer und abstoßend, sie zeigen bis auf den breit ausgewalzten Sexualtrieb keinerlei positive Regung. Nicht ein einziges Mal kommt die Ahnung auf, dass sie noch zu retten sind. Weil Clark diese Verkommenheit rigoros als Realität deklariert, entfalten seine Filme eine enorme provokative Kraft.

Cassavetes dagegen wählt den klassischen Weg: Er zeigt das Potenzial der Figuren auf, indem er ihre sympathischen Seiten betont. Wie die Lässigkeit des Johnny Truelove in der Auseinandersetzung mit dem vollkommen verrückten Jake Mazursky zu bröckeln beginnt, wie verzweifelt er seinen Ruf als Leitwolf behalten will und in der Logik der Straße auch muss, das alles ist beängstigend und nachvollziehbar zugleich.

Stolpersteine

Leider scheint Cassavetes an anderer Stelle nicht genug Vertrauen in die Kraft seiner eigenen Vision gehabt zu haben, denn er hat einen ziemlich scheußlichen Rettungsanker geworfen: In der Rahmenhandlung stellt ein Reporter bei einigen Beteiligten Fragen zu den Ereignissen, inklusive dusselig hingehaltenem Mikro und Klischee-Fernsehteam. Das weckt leider nur Assoziationen zum unsäglichen "Schulmädchenreport"-Genre und dessen billigem Stempel von Authentizität. Dass seine kunstvolle Erzählung den Anschein des Dokumentarischen gar nicht nötig hat, war ihm leider wohl nicht bewusst.

Gegen Ende kommt Cassavetes zu allem Überfluss noch auf die überspannte Idee, Sharon Stone in eine Fettsüchtige zu verwandeln. Das muss im Grunde nicht verkehrt sein, hat doch Charlize Theron in "Monster" (2003) unter einer aufwändigen Latexmaske eine beeindruckende Darstellung abgeliefert. Nein, was hier nicht stimmt, ist die Qualität des daumdicken Make-ups. Stone, die eigentlich eine trauernde Mutter spielen soll, wirkt nur noch wie eine Witzfigur. Plötzlich hält Monty Pythons "Sinn des Lebens" Einzug. Man wundert sich, dass Stone nicht um ein Pfefferminzblättchen bettelt. Die Szene steht in so sensationell krassem Gegensatz zum Rest des Films, dass sich allein hierfür der Kinobesuch lohnt. Andernfalls ist nicht zu glauben, wie Cassavetes mit aller Macht versucht, seinen eigenen Stil zu demontieren. Aber gottlob bringt selbst er es nicht fertig. "Alpha Dog" ist insgesamt kein Meisterwerk – als dichte Beschreibung einer Katastrophe entfaltet er trotzdem bestürzende Wirkung.

Alpha Dog, USA 2006, Buch und Regie: Nick Cassavetes, mit Emile Hirsch, Justin Timberlake, Bruce Willis, Sharon Stone, Ben Foster, Anton Yelchin, Dominique Swain, Charity Shea, Heather Wahlquist, ab 16, Kinostart: 22. März 2007 bei Concorde

Fotos: ©Verleih


Ernst Kramer ist freier Autor in Berlin, spielt Gitarre bei The Up Escalator und komponiert Filmmusik.

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www.alphadogmovie.com
Website zum Film (englisch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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