Bobby - Sie alle hatten einen Traum

Ein dunkles Kapitel

Kinostart: 8.3.2007 | Andreas Busche | Kommentar schreiben | Artikel drucken

1976, zum zweihundertsten Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, machte der Regisseur Robert Altman seinem Land ein besonderes Geburtstagsgeschenk, bei dem manchem Kommentatoren das Lachen im Halse stecken blieb. Sein Film "Nashville" zog so ziemlich alles in den Dreck, was den Amerikanern/innen heilig war: Countrymusik, Familie, Politiker, die Nation an sich. Dreizehn Jahre nach dem Attentat auf JFK und acht nach den Morden an Martin Luther King und Robert Kennedy brachte Altman den Zustand seines Landes, dem die Folgen des Watergate-Skandals noch frisch in den Knochen steckten, mit einer bitterbösen Farce auf den Punkt. "Nashville" war mit Irren und Träumern bevölkert, mit Karrieristen und Idealisten, und er endete erwartungsgemäß im Chaos. Bei einer Wahlveranstaltung fallen Schüsse, aber dieses Mal erwischt es nur eine neurotische Country-Sängerin. Den Politiker, der den ganzen Film über bizarre Wahlkampfparolen übers Megaphon verkündete, bekommen die Zuschauer/innen nicht einmal zu Gesicht.

Das Politikerattentat ist nicht die einzige Parallele zwischen "Nashville" und Emilio Estevez' neuem Film "Bobby", der am 4. Juni 1968 im Ambassador Hotel in Los Angeles spielt, dem Tag, an dem Robert Kennedy die kalifornischen Vorwahlen um die demokratische Präsidentschaftskandidatur gewann – und kurz nach Mitternacht von einem palästinensischen Fanatiker erschossen wurde. Estevez versucht ähnlich wie Altman seine Geschichte wie durch ein Prisma zu erzählen. Die Feierlichkeiten im Ambassador Hotel bringen knapp zwei Dutzend Figuren für einige Stunden an einem Ort zusammen. Bobby Kennedy ist nur der kleinste gemeinsame Nenner zwischen ihnen (ein anderer wichtiger Bezugspunkt des Films ist der Baseball-Pitcher Don Drysdale, der am selben Tag seinen sechsten Home Run in Folge spielte), aber gegen Ende der Nacht wird Kennedys Name für alle unauslöschlich mit einem weiteren düsteren Kapitel in der amerikanischen Geschichte verbunden sein. Erst wenige Monate zuvor war Martin Luther King erschossen worden. Kennedys Rede anlässlich der Ermordung Kings, ein leidenschaftliches Plädoyer für Gewaltverzicht, Toleranz und ein neues Zusammengehörigkeitsgefühl, nimmt eine zentrale Rolle in "Bobby" ein.

Momente der Hoffnung

Estevez' Bezug auf Altman und insbesondere "Nashville" ist alles andere als zufällig, nicht nur weil auch "Nashville" noch von den Attentaten der 1960er-Jahre gezeichnet war. Estevez allerdings versucht das Gegenteil von Altman. Wo der für die amerikanischen Institutionen bloß noch unverhohlene Verachtung übrig hatte – alle sind in "Nashville" irgendwie gaga, die Menschen handeln irrational und unberechenbar –, versucht "Bobby" ein starkes Gemeinschaftsgefühl zu entwickeln. Estevez bringt sein Schauspieler/innen-Ensemble, das hier wie im Katastrophenfilm (und nichts anderes ist "Bobby" letztlich) als schicksalsträchtiger Kollektivkörper fungiert, äußerst geschickt zur Geltung. Wo "Nashville" noch in eine Revue von Cameo-Auftritten zu zerfallen drohte, schafft Estevez eine traumatische Dichte und Geschlossenheit. Ihm geht es weniger darum, wie Altman die Beschädigungen des Traumas bloßzulegen, als einen letzten Moment der Hoffnung zu konservieren. "Bobby" versucht sich sozusagen an der filmischen Nachstellung einer kollektiven Erfahrung, als Handlungsmodell für nachfolgende Generationen. Das kann allerdings nur gelingen, indem Estevez Parallelen zwischen den 60er-Jahren und der Gegenwart in den Vordergrund stellt.
Einigen eher seifenoperhaften Erzählsträngen wie dem um Hotelmanager Paul (William H. Macy) und seiner Frau Miriam (Sharon Stone) oder dem liberalen Mäzen-Ehepaar Jack und Samantha (Martin Sheen und Helen Hunt) stellt er darum Figurenkonstellationen entgegen, die das Bedeutungsgebälk seines Filmes zum Knarzen bringen. Während die wieder mal – man wagt es kaum zu sagen – hinreißende Lindsay Lohan als Diana am Tag von Kennedys Sieg ihren Klassenkameraden William (Elijah Wood) heiratet, um ihn vor einem Einsatz in Vietnam zu bewahren, diskutiert hinter den Kulissen das mexikanische Küchenpersonal mit dem schwarzen Koch (Laurence Fishburne) über die Unterdrückung ethnischer Minderheiten und Selbstermächtigung.

Beschwörung einer besseren Zeit

Was Estevez hier anstellt, ist nicht gerade subtil, und in manchen Momenten möchte man am liebsten unter den Kinosessel kriechen, um sich vor dem Pathos, das er über seine Figuren ausschüttet, zu schützen. Aber "Bobby" bleibt ein Phänomen. Die sakrale Ernsthaftigkeit, mit der Estevez die Erinnerung an eine bessere Zeit heraufzubeschwören versucht, und die tiefe Sehnsucht nach einer neuen Leitfigur, wie Bobby Kennedy (mehr noch als JFK) sie Ende der 1960er verkörperte, sind so frappierend und auf rührige Art ergreifend, dass man "Bobby" schwerlich als liberale Erweckungsfantasie abstempeln kann. Eine ähnliche Stimmung lässt sich in den USA ja gerade wieder beobachten, wo die Hoffnung vieler – interessanterweise weißer – Liberaler auf dem schwarzen Demokraten Barack Obama ruht. Man muss "Bobby" zunächst einmal zugute halten, dass seine Botschaft immerhin nicht verlogen ist. Hoffnungslos naiv ganz sicher, aber von einer solchen Überzeugungskraft, dass man selbst die weniger lichten Aspekte in Bobby Kennedys Karriere (seine Arbeit für McCarthy oder das Engagement für die Kuba-Politik seines Bruders) für einen Augenblick vergessen kann.

So treten die Schauspieler/innen in "Bobby" (neben den bereits Erwähnten außerdem Anthony Hopkins, Harry Belafonte, Christian Slater, Ashton Kutcher und Demi Moore) geschlossen in den Hintergrund: für eine gute Sache. Die Hauptfigur des Films bleibt nur in Archivaufnahmen sichtbar, aber gerade in diesen Bildern gelingt es Estevez, die Faszination und das Urvertrauen in Kennedy noch einmal nachvollziehbar zu machen. Wenn Kennedy mit Minenarbeitern spricht und die sozialen Missstände seines Landes kritisiert oder er von einem afroamerikanischem Publikum euphorisch empfangen wird, beginnt man die Hoffnung, die viele Amerikaner/innen in Kennedy gesetzt haben, zu verstehen. Das "Bobby" nicht bloß ein Stück Nostalgiekino sein will, zeigt sich eindrucksvoll in der Schlusssequenz von "Bobby", wenn Estevez die tumultartigen Szenen im Ambassador Hotel mit Kennedys historischer "Mindless Menace of Violence"-Rede unterlegt. Seine auf die Ermordung von Martin Luther King bezogenen Worte stellen die Wut und die Trauer der Menschen noch einmal in einen politischen Zusammenhang: "Whenever any American's life is taken by another American unnecessarily – whether it is done in the name of the law or in the defiance of the law, by one man or a gang, in cold blood or in passion, in an attack of violence or in response to violence – whenever we tear at the fabric of the life which another man has painfully and clumsily woven for himself and his children, the whole nation is degraded."

In "Bobby" fungieren die Worte auch als Grabrede auf Kennedy selbst. Von ihrer Aktualität haben sie dennoch nichts verloren.

(Bobby) USA 2006, Buch Regie: Emilio Estevez, mit Anthony Hopkins, Sharon Stone, Elijah Wood, Lindsay Lohan, Demi Moore, Helen Hunt, William H. Macy, Martin Sheen, Laurence Fishburne, Christian Slater, Kinostart: 8. März 2007 bei Kinowelt

Fotos: © Kinowelt

Andreas Busche ist Filmarchivar und schreibt für und über die Kulturindustrie.


www.bobby-the-movie.com
Website zum Film (englisch)

http://bobby.kinowelt.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
Mehr Artikel zum Film




Kommentare

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)

Dein Kommentar

Kommentar schreiben

(Anmerkung der Redaktion: Kommentare werden manuell während der Redaktionszeit freigeschaltet.)