Die Bundis im Film

Wie man deutsche Soldaten wirbt

7.3.2007 | Thomas Winkler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
52 Jahre alt wird die Bundeswehr in diesem Jahr. Für viele Arbeitnehmer ein problematisches Alter; sie gelten als "nicht mehr vermittelbar". Auch die Bundeswehr sucht nach neuen Aufgaben: Der Kalte Krieg spielt keine Rolle mehr, Landesverteidigung gegen eine sowjetische Übernahme ist nicht mehr erforderlich, ernst zu nehmende Gegner sind der Armee abhanden gekommen. Die neue Sinnsuche findet vorerst in so genannten Friedensmissionen in Krisengebieten wie dem Balkan oder Afghanistan statt. Hier soll Ruhe einkehren, die Bundeswehr spielt den Aufpasser oder unterstützt den Bau sozialer Einrichtungen. Das gefällt der einheimischen Zivilbevölkerung. Und manchmal hilft sie auch ein wenig bei der Feindaufklärung. Das gefällt dem großen Verbündeten USA.

Wer braucht schon eine Armee, die nichts zu tun hat?

Neue Aufgaben zu definieren ist lebensnotwendig für die Existenzberechtigung der Bundeswehr: internationaler Terror, islamische Bedrohung oder Friedensmissionen. Weil aber immer weniger Wehrpflichtige zur Verfügung stehen und immer mehr junge Männer den Kriegsdienst verweigern, erreichen Wandel und neues Selbstverständnis der Streitkräfte nur schleppend das Bewusstsein der breiten deutschen Öffentlichkeit. Der medialen Selbstdarstellung der Bundeswehr kommt deshalb eine zentrale Bedeutung zu; Kino- und TV-Spots werben um qualifizierten Nachwuchs: Fitte Wehrpflichtige, stilisierte Edelmenschen, schließen sich quasi freiwillig "zu einem Bund zusammen", "um Menschen in Not zu helfen". Die Werbemaßnahmen, die die Truppen gern auf dem High-Tech-Abenteuerspielplatz zeigen, zielen auf potentielle Zeitsoldaten, denen "ein Karriereschub" mittels Kriegsdienst in Aussicht gestellt wird.

Die Hochglanz-Broschüren und Kino-Spots sind offensichtlicher Ausdruck der Bemühungen der Bundeswehr um eine positive Außenwirkung. Doch wie sieht´s tatsächlich aus bei den Propagandaspezialisten der Truppe? In seinem Dokumentarfilm "Gesteuerte Demokratie?" macht sich Steven Hutchings auf die Suche nach den Medienarbeitern in Uniform.

Schon früh in ihrer Geschichte erkannte die Bundeswehr die Macht der Agitation als vielleicht wichtigstes Element des Kalten Krieges. In einem Schlösschen in der Nähe der Bundeshauptstadt Bonn wurde, besonders gefördert von Franz-Josef Strauss, die "Akademie für psychologische Kampfführung" eingerichtet. Erst später lautete der Lehrauftrag der Schule, weniger aggressiv, "psychologische Verteidigung". So flogen in den sechziger Jahren Ballons mit Flugblättern und eigens gedruckten Zeitungen, die ein Loblied auf den kapitalistischen Konkurrenten sangen, in Richtung DDR. Auf das Klima war dabei Verlass: Der Wind blies im wahrsten Sinne des Wortes vorwiegend aus Westen.

Der innere Widerstand

Doch nicht nur der Feind im Osten war Ziel der Aufklärung. Auch nach innen fuhr die Bundeswehr die Fühler aus, betätigte sich als Schnüfflerdienst und beobachtete Gruppierungen, die ihr nicht stramm genug hinter der verfassungsmäßigen Ordnung standen. Wankelmütige Geister wurden agitiert: Angeblich private Studiengesellschaften erhielten Finanzspritzen, um Lobbyarbeit betreiben und scheinbar unabhängige Propagandafilmchen zu produzieren, in denen Soldaten wie nebenbei ganz selbstverständlich zeigen, dass ihre „Existenz den Frieden erhält“. In Aufmachung, Wortwahl und Zielrichtung sind diese Filme oft erstaunlich deckungsgleich mit entsprechenden Produkten von der anderen Seite des Eisernen Vorhangs.
Noch 1989, in der Sowjetunion sorgte Gorbatschow längst für Entspannung zwischen den Blöcken, verkündete der Leiter der Akademie für Psychologische Verteidigung, das Ziel seiner Einrichtung sei es vor allem, "die eigene Bevölkerung davon zu überzeugen, dass die Bundeswehr nur dem Schutz unserer freiheitlich-demokratischen Wertordnung dient". Kurz darauf fiel die Mauer, die Akademie war nicht mehr zeitgemäß und wurde abgeschafft.

Keynotes für Krieger

"In der ganzen DDR war Strausberg ein absolutes Reizwort", so ein Ehemaliger der Nationalen Volksarmee NVA aus dem "Ministerium der Nationalen Verteidigung", MfNV, die am 1. März 1956 gegründet und von hier, dem unscheinbaren Städtchen im Norden Berlins aus, befehligt wurde. Strausberg stand für Befehl und Stechschritt in steingrauen Uniformen. Hier übernahm 1990 die "Akademie für Information und Kommunikation der Bundeswehr“. Der aktuelle Leiter, Oberst Rainer Senger, meint heute, es habe ein "Paradigmenwechsel“ im Vergleich zur Vorgänger-Institution statt gefunden, muss aber zugeben, dass zumindest ein gewisser Teil des Personals übernommen wurde. Ausgebildet werden Kameraleute und Tontechniker, gelehrt werden Psychologie und Öffentlichkeitsarbeit. Künftige Presseoffiziere lernen erfolgreich zu vermitteln, wie sich die Truppe selbst sieht. Gepflegt wird vor allem, so formuliert es einer der von Hutchings interviewten Offiziere, das "kulturelle Miteinander von uns mit Journalisten".

Aber auch die gute alte Agitation hat nicht ausgedient: In den Einsatzgebieten der Bundeswehr im krisengeplagten Ausland agiert die "Truppe für Operative Information", OpInfo. Mit Druckerzeugnissen und Lautsprecherwagen, Radio und Fernsehen soll die Zivilbevölkerung von den guten Absichten der deutschen Soldaten überzeugt werden. Und die in St.Augustin in Rheinland-Pfalz beheimatete "Informations- und Medienzentrale der Bundeswehr" wirkt nach innen. Produziert wird hier "Bundeswehr TV", ein codiertes und damit nur für Soldaten und ihre Angehörigen empfängliches Programm, auf Sendung seit April 2002. Der Chef der Medienzentrale, Oberst Thomas Beier, definiert als "primäre Zielgruppe" die eigene Truppe, aber "einige Maßnahmen" haben durchaus "die Zielrichtung Öffentlichkeit". So genannte "Einsatz-Kameratrupps" der Bundeswehr liefern nicht nur Bilder und Beiträge für Bundeswehr TV, sondern auch für öffentlich-rechtliche oder private Fernsehsender, die aus Kostengründen oder aufgrund der Sicherheitslage kein eigenes Team vor Ort schicken können. So kontrolliert die Bundeswehr zumindest teilweise die Berichterstattung über sich. Wie weit ist es da noch zum oft kritisierten "embedded journalism", den die US-Armee praktiziert?

Die Goebbels-Schnauze

Welche besondere Verantwortung mit Propaganda, Feindaufklärung und Agitation trägt die Bundesrepublik als Rechtsnachfolger eines deutschen Staates, der wie kein anderer die Medien systematisch als Waffe begriff und dazu auch ein eigenes Ministerium schuf? Was bedeutet Propaganda nach Goebbels, der während des zweiten Weltkriegs dafür einen eigenen Truppenteil einrichtete, in dem so renommierte Journalisten wie Henri Nannen und Peter von Zahn dienten?

Vom Club Med zur Bundeswehr


Dem Reichsminister für Propaganda und Aufklärung standen die Massenmedien mit Radio und Kinofilm zur Verfügung. Heute aktiviert vor allem das Fernsehen die Öffentlichkeit. So zog im Januar 2006 Sonja Zietlow für die Bundeswehr an die Propagandafront. Die Nachmittags-Talkerin ließ sich vier Folgen lang ausbilden, segelte für RTL auf der Gorch Fock, sprang mit dem Fallschirm ab und fühlte sich "stark auf die Probe gestellt". Schließlich flog die ausgebildete Passagierflugzeugpilotin sogar einen Kampfjet, die Streitkräfte waren endlich angekommen in der Boulevard-Berichterstattung und das Heer selbst freute sich auf seiner Website, dass "dem Zuschauer die Bundeswehr auf eine neue, bisher unbekannte Art des Infotainments" näher gebracht werden konnte.

Thomas Winkler, 41, flüchtete in den achtziger Jahren vor der Bundeswehr nach Westberlin und verweigerte nach dem Fall der Mauer erfolgreich den Kriegsdienst.

Foto, oben: "Afghanistan - Tawa Tash" / ©PIZ Kundus / Bildstelle Bundeswehr
Fotos, unten: "Bundeswehr TV" / ©Bildstelle Bundeswehr / Sandra Elbern


www.bundeswehr.de
Die Website der Bundeswehr
www.bmvg.de
Die Website des Ministeriums für Verteidigung
www.nva-derfilm.de/
Offizielle Website zum Film NVA
www.dhm.de
Die offizielle Gründung der Nationalen Volksarmee (NVA) erfolgt am 18. Januar 1956. Aufgrund der geheimen Vorbereitungen seit 1950 stehen schon im selben Jahr 120.000 Mann unter Waffen.
Die Soldaten der NVA rekrutieren sich zunächst aus Freiwilligen. Mit großem Propagandaaufwand bemüht sich das SED-Regime, die Jugend für den Waffendienst zu begeistern. Mehr auf den Seiten des Deutschen Historischen Museums.





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