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Flüchtlingsdrama: In This World

Odyssee ins Ungewisse

Kinostart: 18.9.2003 | Philipp Bühler | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Peshawar liegt, das wissen wir aus den Nachrichten, in Pakistan. Pakistan liegt, und auch das wissen die meisten wahrscheinlich erst seit dem Krieg gegen die Taliban, gleich neben Afghanistan. Durch die Anschläge vom 11. September 2001 rückte diese Region schlagartig ins Blickfeld einer Weltöffentlichkeit, die sich nun hinlänglich informiert fühlt.

Doch inmitten der Kriegswirren hat der britische Regisseur Michael Winterbottom in Pakistan einen Film gedreht, der von der Aktualität eingeholt wurde und auf fatale Weise noch immer aktuell ist - während der Krieg, die Taliban und das Elend der dort lebenden Menschen schon fast wieder vergessen sind. Es geht um die 14,5 Millionen Flüchtlinge dieses Planeten. Eine Million leben allein in den Flüchtlingslagern von Peshawar. Zwei davon sind Jamal und Enayatullah aus Afghanistan. Als Laienschauspieler sind die Cousins für Winterbottom durch die halbe Welt gereist, entlang der Flüchtlingsrouten in den Westen, der vor ihrem Schicksal und dem der anderen Migranten nur zu gern die Augen verschließt.

Hoffnung auf ein besseres Leben

Auf der Landkarte wird der Weg vorgezeichnet: über die Grenze in den Iran, nach Teheran, über die Berge Kurdistans in die Türkei, wo sie ein Schiff nach Italien bringen soll. Ziel der Reise ist London, wo Jamal und Enayatullah zu ihren Verwandten stoßen wollen. Hier erhoffen sie sich ein besseres Leben, Arbeit und Geld für die Daheimgebliebenen. Vor allem aber ist es eine Fahrt ins Ungewisse. Von "Wirtschaftsflüchtlingen" wird nach den Strapazen der Reise, ständiger Gefahr und Todesangst niemand mehr sprechen wollen.
Jamal, der jüngere und aufgewecktere der beiden, und Enayatullah, dessen sanften Blick man so schnell nicht vergessen wird, meistern Straßensperren, werden von Schleppern ausgenommen, verkleiden sich, um nicht als Afghanen aufzufallen. Einen Grenzoffizier besticht Jamal mit seinem Walkman. Er spricht ein wenig Englisch und kann es gut gebrauchen. Denn mit der westlichen Vorstellung von einer einheitlichen arabischen Welt ist es schon an der Grenze vorbei. Hier spricht niemand die Sprache des anderen. Und wer klug ist, wittert hinter jeder Hilfsbereitschaft Betrug.

Die Erosion menschlicher Beziehungen durch Armut ist ein Thema des Films, das andere ist die Hoffnung, die zumindest für Enayatullah auch der Islam bereithält. Hier beschränkt sich Winterbottom auf kleine Szenen. Es gibt keine Diskussionen, oft bleiben die Cousins minutenlang stumm. So wird jeder bemerken, dass Enayatullah es mit den Gebetszeiten sehr genau nimmt, während der pragmatische Jamal lieber das weitere Fortkommen organisiert. Und vielleicht jene Szene übersehen, in der Enayatullah, der Ärmste unter den Armen, einem Bettler ein Almosen zusteckt. Auf dem Schiff nach Italien, als blinde Passagiere tagelang in einem stickigen Lastwagen eingesperrt, hilft ohnehin nur noch Beten. Die tragische Geschichte der 58 chinesischen Immigranten, die im Sommer 2000 in einem solchen LKW qualvoll erstickten, gab den Anlass für "In This World".

Ein dokumentierender Blick

Beim Drehen wurde vieles improvisiert. Doch Winterbottom hat dieses aufwändige Projekt lange geplant, um die fiktive Story so authentisch wie möglich zu gestalten. Mit Drehbuchautor Tony Grisoni las er hunderte von Immigrantenberichten, machte sich in Pakistan auf die Suche nach Drehorten und verarbeitete auch eigene Erfahrungen mit Straßensperren und Flüchtlingslagern im Film. Und wie in seinem Bürgerkriegsfilm "Welcome to Sarajevo" (1997) arbeitet der Brite auch diesmal mit beweglicher Digitalkamera. Die ist seit dem Dogma-Manifest als Stilmittel reichlich überstrapaziert worden, hier hat sie ihre volle Berechtigung. Einerseits wird so eine dokumentarische Unmittelbarkeit hergestellt: Was hier passiert, passiert wirklich, jeden Tag "in dieser Welt". Andererseits verstärkt die ungeschliffene Inszenierung, im Gegensatz zum glatten Cinemascopebild, den Werkcharakter des Films: Es handelt sich um eine künstlerische Annäherung durch den Regisseur, die Realität menschlicher Schicksale lässt sich von keiner Kamera einfangen.

Dass dieser Realismus auch "unterhalten" kann, ist eine der vielen unbequemen Wahrheiten dieses Films. Wer geht schon ins Kino, um etwas zu lernen? Aber die Reise von Jamal und Enayatullah ist eben auch spannend. Ein großes Abenteuer, so grausam das klingen mag. Für Jamal war dieses Abenteuer nach Ende der Dreharbeiten nicht vorbei. Mit den britischen Behörden war die sofortige Rückkehr nach Pakistan vereinbart. Monate später war er wieder in London und lebt dort seitdem als illegaler Flüchtling. Dass einer diese Reise zweimal macht, ist eigentlich unvorstellbar.

(In This World) Großbritannien 2002, Regie: Michael Winterbottom, Buch: Tony Grisoni, mit Jamal Udin Torabi, Enayatullah Jumadin, Imran Paracha, Hiddayatullah, Hossain Baghaeian, Yaaghoob Nosraj Poor, Ghodrat Poor, Jamau, Nabil Elouahabi, OmU, Kinostart: 18. September 2003 bei Arsenal

Foto: Verleih

Philipp Bühler lebt und schreibt als freier Autor in Berlin.



www.arsenalfilm.de/inthisworld
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.in-this-world.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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