Filmmonstrum: Irreversibel

Gaspar Noé sieht rot

Kinostart: 11.9.2003 | Jörg Buttgereit | Kommentar schreiben | Artikel drucken
Das zweifelhafte Image des "Skandalfilms aus Cannes 2002" eilt dem zweiten Spielfilm des Franzosen Gaspar Noé voraus. Das wird dem Film nicht gut tun, lässt es ihn doch im Vorfeld wie ein spekulatives Werk des Exploitation-Kinos daherkommen.


Mit einer ungeheuren Intensität wird man von Schwindel erregenden, rauschhaften Bildern in die altbekannte Kinogeschichte der Blutrache gesogen. Dustin Hoffman hat sie uns in "Wer Gewalt sät" (1971, Sam Peckinpah) schon mal erzählt. Auch Charles Bronson konnte in "Ein Mann sieht rot" (1974, Michael Winner) nicht mehr an sich halten. "Die Frau mit der 45er Magnum" (1980, Abel Ferrera) nahm die Sache gleich selbst in die Hand. Nur wird diesmal, getreu dem Motto des Films "Zeit zerstört alles", die Geschichte einer Rache von hinten nach vorne erzählt. Aber nicht nur dieser formale Kniff macht aus "Irrevesibel" etwas Besonderes.

Angriff auf unsere Gefühlswelt

In optisch ineinander verwobenen Kamerafahrten (oder besser Kameraflügen) erleben wir einen Tag im Leben von Marcus, seiner Freundin Alex und ihres Ex-Freundes Pierre. Marcus endet bewusstlos auf der Bahre eines Krankenwagens. Pierre wird wegen Mordes verhaftet. Alex liegt im Koma. Pierre lässt einen Feuerlöscher immer wieder auf den Kopf eines am Boden liegenden Mannes sausen. Immer wieder. Marcus und Pierre suchen in dem Schwulen-Nachtclub "Rectum" den Vergewaltiger ihrer Geliebten. Marcus und Pierre hetzen von unbändiger Wut und Verzweiflung getrieben durch die nächtlichen Straßen von Paris. Marcus erblickt seine geliebte Alex blutüberströmt auf der Bahre eines Krankenwagens. Alex wird von einem Mann in einer Unterführung brutal vergewaltigt. Eine Ewigkeit lang. Marcus, Alex und Pierre sind auf einer ausgelassenen Party. Gemeinsam fahren sie mit der Metro zur Party, ihr Beziehungsgeflecht wird nebenbei aufgeklärt. Marcus und Alex erwachen im Bett, haben verspielten Sex, duschen. Alex macht am Morgen beim Pinkeln auf der Toilette einen Schwangerschaftstest ...
Hell und Dunkel wechseln sich zu schnell ab. Dazu das tiefe Brummen auf der Tonspur. Dem Zuschauer wird schlecht. Ende und Anfang von "Irrevesibel", einem Experiment, das der Filmemacher Gaspar Noé ("Seul contre tous/ I Stand Alone", 1998) mit unseren Gefühlen durchgeführt hat. Erlebniskino auf emotionaler Ebene, mal nicht mit der schwammigen Ästhetik der digitalen Dogma-Wackelkamera, sondern in überlebensgroßen Cimemascope-Bildern.

Die Grausamkeit der viel zitierten Vergewaltigungsszene resultiert nicht nur aus dem tatsächlich auf der Leinwand Gezeigten. Es ist viel mehr das überzeugende Schauspiel Monica Belluccis, ihr Schmerz, ihre endgültige Selbstaufgabe, die diese eine, endlose Minuten lang andauernde, statische Einstellung zur Tortur für den Zuschauer macht. Die meisten Mainstream-Regisseure hätten der Versuchung sicher nicht widerstehen können, und diese dramaturgisch essentielle Szene als eine raffiniert ausgeleuchtete Fleischbeschau in Werbeclip-Ästhetik inszeniert. Noé hingegen hält respektvoll Abstand. Das einzige Mal in seinem Filmmonstrum.

Gewaltspirale

Die durch das rückwärts Erzählen umgekehrte Dramaturgie des Films verhindert, dass der Zuschauer die gewalttätige Rache zu Beginn des Films als Erlösung von Marcus und Pierre begreifen kann. Das gängige "Ein Mann sieht rot"-Konzept, mit der Selbstjustiz und die daraus resultierenden Gewalttaten des Helden emotional gerechtfertigt und so positiv besetzt werden können, wird von Noé unterlaufen. In "Irrevesibel" ist Blutrache keine Lösung, stürzt sie die blind vor Emotionen fiebernden Protagonisten doch nur noch weiter in ihr Verderben. Bei Noé gibt es keine Helden oder Gewinner. Nur Verlierer und Opfer.

Noé schien es wichtig, das Liebespaar Alex und Marcus von einem echten Schauspielerpaar darstellen zu lassen. Sein Konzept geht mit Monica Bellucci und Vincent Cassel auf. Ihre Kuschelszenen zu Beginn der Geschichte (also zum Ende des Films) strahlen eine authentische, angenehme Intimität aus. So gehen Liebende miteinander um. Diese Szenen sind es auch, die den Zuschauer für diese Tortur versöhnen, etwas Hoffnung aufflammen lassen. Denn eigentlich muss man dankbar dafür sein, dass Noé uns am Anfang der Geschichte, als die Welt für Alex und Marcus noch in Ordnung ist, aus seinem Film entlässt. Dafür wird man nun aber von der lähmenden Gewissheit geplagt, das die Liebenden das Grauen noch vor sich haben.

Noé geht mit der destruktiven, aber konsequenten Energie eines bockigen Kindes vor. Mit absolut entfesselter Kamera dokumentiert er (scheinbar) ohne Schnitt und Kompromisse die entwaffnende Banalität und Sinnlosigkeit von Gewalt. "Irrevesibel" hat einen zynischen Realitätsanspruch und ist in seiner ungeschönten Gewaltdarstellung erschütternd und nahezu unerträglich anzusehen. Dabei wird Noé weder dem Arthouse- noch dem Exploitation-Kino gerecht, bedient er kein greifbares Zielpublikum. Ein radikaler Experimentalfilm mit hervorragenden, mutigen Schauspielern und von formaler Schönheit, der aber viele Zuschauer wegen seiner schonungslosen Haltung aufwühlen und abstoßen wird.

(Irréversible) Frankreich 2002, Regie und Buch: Gaspar Noé, mit Monica Bellucci, Vincent Cassel, Albert Dupontel, Jo Prestia, Philippe Nahon, Stéphane Drouot, ab 18, Kinostart: 11. September 2003 bei Alamode Film

Foto: Verleih

Jörg Buttgereit, geboren 1963 in Berlin, arbeitet als Autor und Regisseur für Film, Fernsehen und Radio. Außerdem schreibt er regelmäßig Filmkritiken und vergnügt sich nebenbei als Disc Jockey.



www.nord-ouest.fr/site/irreversible
Website zum Film (französisch)

www.irreversiblethemovie.co.uk
Webiste zum Film (englisch)

www.alamodefilm.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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