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Reifeprüfung: Liegen lernen

... und auf der Stelle treten

 sterne

Peter Zemla | Kinostart: 4.9.2003


Die erste Liebe kann einen fertig machen. Weil man in dieses erste Mal mehr investiert, als ratsam ist. Bekommt man nicht mit gleicher Währung zurückgezahlt, fühlt man sich über den Tisch gezogen. Vielleicht wird man misstrauisch, was in Liebesdingen bestimmt nicht das Wahre ist. Oder man jagt einem Phantom hinterher, was einem auch nicht gerade besser bekommt.

Helmut ergeht es so. Vor drei Jahren hat der Kabarettist Frank Goosen den unfreiwilligen Helden mit seinem Romandebüt "Liegen lernen" zum Leben erweckt. Die an Nick Hornby geschulte 1980er-Jahre-Hommage kam beim Publikum äußerst gut an. Dass sie verfilmt werden würde, war nur eine Frage der Zeit. Und dass sich mit Hendrik Handloegten einer der talentiertesten unter den jüngeren deutschen Regisseuren des Stoffes angenommen hat, stellt sich nun als Glücksfall heraus.

Mehr als nur Retro-Chic

Dabei war der 35-jährige Berliner, der auch als Drehbuchautor ein gefragter Mann ist - unter anderem war er an "Good Bye, Lenin!" und Achim von Borries' neuem Film "Die Liebe in Gedanken" beteiligt -, zunächst eher misstrauisch, was "Liegen lernen" anbelangte. "Diese Skepsis hing mit den behandelten 80er-Jahren zusammen. Die glaubte ich mit meinem gerade hinter mir liegenden Film 'Paul is dead' für mich eigentlich abgehakt zu haben."

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Handloegtens Konsequenz: Bloß keinen Film drehen, der mit einer der zahlreichen 80er-Shows im Fernsehen verwechselt werden könnte. "Mir war wichtig, die 80er-Jahre nicht besonders auszustellen. Die Menschen bestanden damals ja nicht nur aus hochgekrempelten Jacketts, Zauberwürfeln und asymmetrischen Frisuren." Wenn Helmut sich denn für Sonnenenergie und gegen den NATO-Doppelbeschluss einsetzt, dann in erster Linie, um seiner Schulliebe und Traumfrau Britta nahe zu sein.

Erste Liebe und ihre Folgen

Von dieser Britta ist Helmut fasziniert, hypnotisiert, paralysiert. Als sie ihn tatsächlich erhört, glaubt Helmut sich im siebten Himmel und mithin am Ziel aller Möglichkeiten. Als sie ihn fallen lässt, ins Ausland verschwindet und nichts mehr von sich hören lässt, ist der Absturz in die Hölle nur zwangsläufig. Helmut schlittert in den nächsten Jahren von einer Beziehung in die andere, ohne dass er dabei emotional oder geistig reifen würde. Im Kopf hat Helmut Britta. Im Kopf ist er der ewige 18-Jährige.

Erst als er Tina trifft, sich bei ihr einrichtet, wie er sich bei den anderen eingerichtet hat, und sie ihm die Pistole auf die Brust setzt - Kind oder Trennung! - macht es bei Helmut klick. Will er mit dieser Frau seine Zukunft verbringen? Wäre es nicht an der Zeit, erwachsen zu werden? Sollte er nicht endlich von der Chimäre Britta Abschied nehmen? Ja, ja, ja! Helmut fährt nach Berlin, wo Britta aufgetaucht sein soll. Er, der große Phlegmatiker, rafft sich auf, sich selbst zu finden ...

Zeitgeschichten

Handloegtens klug und mit Bedacht geraffte Filmversion von "Liegen lernen" ist ein in jeder Hinsicht äußerst sorgfältig entfaltetes Porträt eines emotionalen Spätzünders geworden. Dass wir Zuschauer in diesen hineinschauen können, dass uns die Innenansicht eines extrem gefühlsgehemmten und bindungsunfähigen Typen gestattet wird, ist in erster Linie Fabian Busch zu danken. Als Freund von Hauptdarsteller August Diehl in Hans-Christian Schmids Paranoia-Drama "23" ist Busch einst einem größeren Publikum bekannt geworden. Mit seinem Helmut - einer reifen Leistung zwischen gebändigtem Klamauk und stiller Tragik - beweist der inzwischen 27-Jährige nun, dass es neben Daniel Brühl noch andere junge deutsche Schauspieler gibt, die in der Lage sind, einen Film auf ihren Schultern zu tragen.

Erfreulich ist auch, dass "Liegen lernen" den deutschen Trend fortsetzt, Geschichten nicht mehr im luftleeren Raum, also ohne politischen oder gesellschaftlichen Bezug, spielen zu lassen. Dass dies nicht gleich so ausgeprägt geschieht wie etwa in "Good Bye, Lenin!" sollte man "Liegen lernen" nicht vorwerfen. Helmuts Geschichte hat ihren eigenen Atem, ihre eigene Komik und ihre eigenen Untiefen. Wie auch Regisseur Handloegten betont: "'Good Bye, Lenin!' ist eine Kategorie für sich. Da irgendwie hinzukommen, mit so etwas will ich mich gar nicht belasten."

Liegen lernen, Deutschland 2003, Regie: Hendrik Handloegten, Buch: Hendrik Handloegten nach dem Roman von Frank Goosen, mit Fabian Busch, Susanne Bormann, Fritzi Haberlandt, Sophie Rois, Anka Lea Sarstedt, Birgit Minichmayr, Florian Lukas, Tino Mewes, Sebastian Münster, Beate Abraham, Wilfried Dziallas, Kinostart: 4. September 2003 bei X-Verleih

Foto: Verleih

Peter Zemla lebt als freier Film- und Literatur-Journalist in München.

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www.liegenlernen.de
Website zum Film (deutsch)

www.x-verleih.de
Mehr über den Film auf der Website des deutschen Verleihs

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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