Keuschheitsgelübde, die Zehn Gebote oder Filmcharaktere, die für ihren Glauben ihr Leben geben - Lars von Trier scheut keine religiösen Bilder. Atheistisch erzogen, doch ehrfürchtig vor den Vätern des Kinos, ringt der dänische Regisseur um die Moral. "Schon immer hatte ich den Wunsch, mich Autoritäten zu unterwerfen", gesteht er in einem Interview und begründet damit sein Bedürfnis zu glauben, einer Religion anzugehören und Filme zu diesem Thema zu machen.
Das "Woran" des Glaubens scheint für ihn weniger wichtig zu sein als die Glaubenshaltung schlechthin. Denn stets gibt es Ironie und Widerruf in seinen Filmen. Ohne Bedenken verstößt er hier selbst gegen die von ihm proklamierten Dogma-Gelübde. Und, wie in seiner Biografie zwischen jüdischen und katholischen Bekenntnissen wechselnd, folgen auch die Helden seiner Filme unterschiedlichen ideellen Gesinnungen.
Leidenschaftlich verrückt
So glaubt die tragische Hauptfigur Bess in "Breaking the Waves" an Gott und vor allem an die Liebe. Die Gaga-Simulanten in "Die Idioten" dagegen lassen die Geschlechtsteile hopsen, um mit dem Herauslassen unterdrückter innerer Verrücktheiten jeden Einzelnen seelisch zu befreien. In beiden Filmen setzen Außenseiter den starren Ansprüchen der Gesellschaft ein gutes Maß an überzeugender Leidenschaft entgegen.
In "Die Idioten" ist es Karen, welche die heikelste Stellung in der Gruppe der Gaga-Simulanten besetzt. Durch eine unglückliche Geburt und den Verlust ihres Babys ist sie tatsächlich seelisch verletzt und findet zuerst in der Begegnung mit den Verrückt-Spielern ein wenig Trost und Heimat. Auch wenn Karen den zynischen Anstrich der Simulation kritisiert, fasst sie Vertrauen in das Projekt und bewundert die Stärke und die Herzlichkeit unter den Beteiligten. Als die meisten von ihnen jedoch einsehen, dass ihr Glaube ans Verrücktsein eine Grenze hat, wenn es darum geht, im Alltag den Idioten zu markieren, da entschließt Karen sich zu eben diesem Schritt.
Die ironische Kollision von Spiel und Ernst kennzeichnet Triers dramatische Arbeit: In "Die Idioten" ist es die innere Verletztheit und moralische Überzeugung der Figuren, die deren theatralisches Verrückt-Spiel begründet. Und in "Breaking the Waves" werden religiöse Gebete zu heimlichen Rollenspielen, wenn Bess ihre innersten Wünsche an Gott fispelt, um sich dann drohend mit verstellter Stimme seine Antworten aufzusagen.
Opfertänze
Oder die dritte Variante: In "Dancer in the Dark" konterkarieren leichtfüßige Musical-Szenen den tragischen Verlauf der Handlung. Selma, allein erziehende Mutter und Fabrikarbeiterin, verliert unweigerlich das Augenlicht. Obendrein verfällt sie dem blinden, fast religiösen Eifer ihrer mütterlichen Sorge. Unerbittlich spart Selma jeden Cent für eine medizinische Operation, die ihren Sohn vor der drohenden Erblindung bewahren soll. Zwar zerschellt Selmas kostbar gehütete Sorge an den Eitelkeiten und Missverständnissen ihrer Nachbarschaft. Dennoch besitzt die naive Heldin eine unendliche Kraft zum Glauben an ihre Mission, wenn sie die banalsten und leisesten Töne ihrer Umwelt als Musik interpretiert und sich tanzend daran aufrichtet.
Glaubensfantasien
Es ist nicht so sehr der Zweifel am Glauben, den Trier mit seinen Filmen thematisiert, nicht die protestantische Suche nach einer übergeordneten Macht, welcher der Mensch sich mit Vernunft beugen könnte, und auch nicht die existentialistische Verwerfung: seine Heldinnen glauben an die Macht der Leidenschaft. Hier unterscheidet Trier sich von seinem Vorbild, dem schwedischen Regisseur Ingmar Bergman.
Trier erforscht, unverschämt, das Bedürfnis zu glauben, und er erfindet Poesien als Überlebensmittel, mit denen die Figuren ihrem Leid und Verlust trotzen können. Seine Filme sind Glaubensfantasien, die eher Widerstandskraft stiften. Religion als Opium fürs Volk - nicht bei Lars von Trier.
Dass gerade die Heldinnen seiner Geschichten sich für ihren Glauben opfern, kann als unzeitgemäße Zuspitzung von weiblichem Idealismus und Frömmigkeit kritisiert werden. Gleichwohl löst Lars von Trier beim Publikum trotz der ironischen Brechung und der szenischen Improvisation hohe Emotionen aus. Ein Zeichen, dass auch in Zeiten des Zynismus und des permanenten Widerrufs von Werten - oder gerade deswegen - Grund zum Glauben besteht?
Rainer Bellenbaum
Foto: "Breaking the Waves", Pandora Film
Breaking the Waves, Dänemark 1996, Regie: Lars von Trier, Buch: Lars von Trier, Peter Asmussen, mit Emily Watson, Stellan Skarsgård, Katrin Cartlidge, Jean-Marc Barr, Udo Kier
Idioten Dänemark 1998, Regie und Buch: Lars von Trier, mit Bodil Jørgensen, Jens Albinus, Anne Louise Hassing, ab 16
Dancer in the Dark, Dänemark 2000, Regie und Buch: Lars von Trier, mit Björk, Catherine Deneuve, david Morse, Peter Stormare, Jean-Marc Barr, Vincent Paterson, Udo Kier
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