Eigentlich ist er wie die meisten seiner Zuschauer: Ein junger Mann aus durchschnittlicher (was heute meist heißt: dysfunktionaler) Familie, der seiner Mittelstandsjugend entwachsen ist und nun verzweifelt gegen das Leben anrennt. Das wird dann zwar manchmal ganz schön extrem, aber seine Figuren sind es nicht. Die besitzen so eine "jetzt"-mäßige Hipster-Coolness: hören die richtige Musik, tragen die richtigen Klamotten, treiben den richtigen Sport. Und sind fast schon ein wenig zu adrett. Doch trotz - oder eben gerade wegen - seiner in der bundesdeutschen Normalität verankerten Figuren besitzt er unwiderstehlichen Star-Appeal: Daniel Brühl, 23 Jahre, geboren in Köln.
2001 war definitiv sein Jahr
Max-Ophüls-Preis als bester deutscher Nachwuchsschauspieler, Hauptrollen in gleich zwei der aufregendsten deutschen Filme seit langem ("Nichts bereuen", "Das weiße Rauschen" - startet am 31. Januar 2002), hymnische Kritiken, begeisterte Fans quer durch alle Altersgruppen und Geschlechter. Dabei ist er schon lange im Geschäft, spielte schon als Kind unter der Regie seines Vaters, er synchronisiert seit er neun ist, hat Theater gespielt. Das große Kinopublikum bemerkte ihn erstmals in "Schule" - auch so ein authentischer, obwohl vergleichsweise konventioneller Film.
Brühls Partnerin in "Nichts bereuen" - sowie Verlobte im richtige Leben - stand da schon viel länger im Rampenlicht: Jessica Schwarz wurde mit 16 Bravo-Girl, modelte vier Jahre lang, wurde Viva-VJ, moderierte Fernsehgalas und die Online-Wette von "Wetten dass". Groß und schwarzhaarig, mit einer verführerischen Stimme so rau wie drei doppelte Whiskeys, verkörpert sie gleichzeitig Glamour und Bodenständigkeit. Kein Wunder, dass sich in "Nichts Bereuen" Daniel (Brühl) in Luca (Schwarz) verliebt hat, als er sie das erste Mal sah. In ihren Armen will er seine Unschuld verlieren - und das nun schon seit vier Jahren. In seiner Fantasie hat er diesen Moment schon tausend Mal durchlebt, und als er nach dem Abi aus dem Surfurlaub mit seinen Kumpels kommt, soll es nun endlich wirklich dazu kommen. Doch Luca geht erst mal weg, nach Amerika. Und vor ihrer Abreise erklärt sie ihm, sie habe die vor Jahren geäußerte Verheißung doch gar nicht so ernst gemeint ...
Daniel ist einer dieser typischen Daniel-Brühl-Helden: Nach außen unauffällig, doch im Innern tobt der Aufruhr der Gefühle. Erst tritt er zwar widerwillig aber folgsam die Zivi-Stelle in der Kirchengemeinde seines Vaters an, um dann zu randalieren und in die Altenpflege zu wechseln. Später wird er nackt durch die Stadt rennen und sich kreuzigen, nachdem er fast mit einer Anderen geschlafen hätte. Er wird eine Tankstelle überfallen, um mit einem seiner alten Patienten die Nacht durchzusaufen, und der schüchterne Novize wird seine Chefin im Pflegedienst (gespielt von der wunderbaren "Winterschläferin" Marie-Lou Sellem) heimlich in der Wuppertaler Schwebebahn während einer Fahrscheinkontrolle befummeln. Am Ende hat er viel gelernt: dass man sein Leben selbst leben muss, aber auch und vor allem loszulassen.
Wuchtig wie eine Explosion, melancholisch wie ein "Massive Attack"-Song, schmerzerfüllt wie die erste ganz große Liebe nun mal ist und dabei doch nie ausgestellt und von falschem Pathos aufgebläht: Mit "Nichts bereuen", seinem Abschlussfilm an der Filmakademie Ludwigsburg, ist dem 25-jährigen Regisseur Benjamin Quabeck eine großartige Inneneinsicht in das Gefühlsleben seines Helden gelungen. Fast so etwas wie ein "Fänger im Roggen" fürs neue Jahrtausend. Am Gelingen mag auch Anteil gehabt haben, dass Quabeck, der selbst aus Wuppertal stammt und der natürlich Autobiografisches - aber, wie er betont, nicht seine eigene Biografie - verfilmt hat, den Stoff zunächst zu einem Roman verarbeitete, den er dann mit einem versierten Drehbuchautoren zum Filmscript umschrieb. So entstand ein bestechend mitreißender Film, in dem sowohl die Charaktere wie die Dialoge ihren Feinschliff an der Realität erhielten. Hier kommen nicht die üblichen Teenager-wollen-Sex-Klischees zum Tragen, sondern feinfühlige und genau beobachte Details aus dem echten Leben. Nicht düster deutsch, sondern dynamisch, vital und voller Energie. Tragikomische Momentaufnahmen eines sympathischen Losers und ganz normal Verrückten.
Nichts bereuen, Deutschland 2001, Regie: Benjamin Quabeck, Drehbuch: Hendrik Hölzemann nach dem Roman von Benjamin Quabeck, mit Daniel Brühl, Jessica Schwarz, Denis Moschitto, Josef Heynert, Marie-Lou Sellem, ab 12, Kinostart: 15.11.01 bei Ottfilm
Foto: Verleih
Annette Kilzer studierte in Köln, später in Berlin und arbeitet heute als Filmkritikerin und Restauranttesterin. Sie schreibt für verschiedene Zeitungen und Magazine (u. a. taz, tip, lodown, Splatting Image) und hat Bücher über die Filme von Joel und Ethan Coen, Bruce Willis und Til Schweiger geschrieben.
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