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"Sich das Erwachsenwerden nicht schwieriger als nötig machen"

Ein Interview mit Benjamin Quabeck

14.11.2001 | Cristina Moles Kaupp | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Fluter: Glückwunsch zu deinem tollen Film. Mit "Nichts bereuen" hast du nicht nur dein Regiestudium an der Filmakademie in Baden-Württemberg beendet, sondern auch den mit 80.000 Mark dotierten Regieförderpreis der HypoVereinsbank gewonnen. Damit stehst du in einer Reihe mit vorherigen Gewinnern wie Sönke Wortmann, Oskar Roehler oder Hans-Christian Schmid. Wie fühlst du dich jetzt? Zehn Meter groß?

Benjamin Quabeck: Ein bisschen schon. Auch wenn die Feier in München ziemlich seltsam war, und Filme über das Erwachsenwerden jetzt gerade inflationär ins Kino kommen. Doch darüber wollte ich schon immer einen Film drehen. Das muss man tun, solange man selber jung ist. Leider hat sich die Realisierung über zwei Jahre hingezogen. So hab ich "Nichts bereuen" 1999 als Roman verfasst, um die Geschichte erst einmal für mich umzusetzen. Der Roman erscheint zum Filmstart im Goldmann-Verlag.

Steckt viel von deiner Biografie in dem Film?

Klar steckt da einiges drin. Ich bin in Wuppertal geboren, wenn auch nicht direkt dort aufgewachsen, sondern in Ennepetal. Und ich habe auch meinen Zivildienst in der Diakonie geleistet. Trotzdem habe ich nicht meine Jugend abgefilmt, sondern wollte zeigen, dass man sich das Erwachsenwerden nicht schwieriger als nötig machen muss. Letztlich ist "Nichts bereuen" sehr fiktiv, das Drehbuch hat den Roman frei adaptiert.

Du hast dabei mit den unterschiedlichsten filmischen Mitteln herumexperimentiert. Unter anderem auch eine Bildsprache benutzt, die längst fast jeder Werbe- und Musikclip benutzt. Hast Du keine Angst, dass sich diese Ästhetik langsam ablutscht?

Eigentlich nicht. Die jüngeren Zuschauer finden das spannend. Und die Bilder müssen ja auch zu Daniel (der 19-jährigen Hauptfigur) passen. Der ist anfangs noch ziemlich seiner Fantasiewelt verhaftet. Passend dazu ist das Tempo des Films am Anfang noch träumerisch verspielt. Um dann immer schneller zu werden. Wir haben fast nur mit Handkamera gedreht. Erst zum Schluss, in der Gerichtsszene kam das Stativ zum Einsatz.
Anfangs war "Nichts bereuen" als Fernsehfilm geplant. Doch die Sender waren nicht auf Anhieb von der Idee zu begeistern. Dann wurde eine WDR-Kino-Koproduktion daraus und der Kinoaspekt setzte wiederum andere Maßstäbe. Wir haben probiert, was geht. Tonüberlappungen, Ton aus dem Off dann wieder gar kein Ton, dafür gab's dann Untertitel. Daniel hält auch immer wieder mal inne, unterbricht seine Geschichte, um dem Zuschauer direkt seine Version des Geschehens zu vermitteln. Und von manchen Erinnerungen mag er sich gar nicht lösen, also werden sie mehrmals herangezoomt. Ja, und die Musik war auch nicht unwichtig. Die hat Lee Buddah zusammengestellt, mit Songs von den Lemonbabies, Die Sterne ...

Um noch einmal auf deinen ausgetüftelten Erzählstil zurückzukommen, welche Vorbilder haben dich geprägt?

"Breaking the Waves" von Lars von Trier hat mich gekickt. Auch die Dogma-95-Bewegung. Ich finde das hyperspannend. Mit der Handkamera erreichst du eine andere physische Aufmerksamkeit. Ansonsten zählt "Blue Velvet" von David Lynch zu meinen Lieblingsfilmen. Da steckt so eine kindliche Welt drin, zugleich ist alles so obskur, unheimlich und düster.

Stehst Du auf Gruselfilme?

Und wie! Als Kind hab ich Geisterbahnen geliebt und im Keller auch selbst welche gebaut. Anfangs wollte ich ja auch nur Horror- und Splatter-Streifen machen. Schließlich hab ich mit 17, 19 nur Metal und Crossover gehört.

Und wie kamst du überhaupt auf die Idee Regisseur zu werden?

Mit 12 hat mir mein Vater eine Videokamera geschenkt. Und in der Schule spielte ich Theater. Doch damals wollte ich noch Schauspieler werden, ich hatte Deutsch als Hauptfach, aber auch Physik. Mit 13, 14 drehte ich mit meinen Kumpels die ersten kleinen Geschichten. Ich hab gefilmt und die anderen durch den Garten gescheucht. Hab ganz schön rumgebrüllt damals ...

Und wie ging es weiter?

Dann wollte ich Kameramann werden und landete 1996 an der Filmakademie in Ludwigsburg. Dort entstanden einige Kurzfilme, darunter der Animationsfilm "Höhlenangst" (1998), der auf dem Filmfest in Dresden den Nachwuchsförderpreis und Publikumspreis gewann. Da hatte ich Kamera, Regie und Animation übernommen. Aufgrund der Filme qualifiziert man sich während des Studiums für die weitere Richtung. Es kann ja nicht jeder Regie lernen, die Kapazitäten sind reglementiert. Doch das Schwierigste war immer, sich locker zu machen. Und dabei folgendes zu überlegen: Was will ich erzählen? Und wie will ich es erzählen, dass es andere interessiert. Natürlich wissen die anderen immer alles besser. Denen sollte man am besten nichts glauben. Das Schlimmste sind die Ängste. Doch eines habe ich inzwischen gelernt: Eigentlich tappen wir alle im Dunkeln. Und das ist zugleich das Gute am Filmemachen - die ewige Suche.

Und das steckt ja auch in "Nichts bereuen".

Ja, Daniel traut sich nie genug. Er muss lernen, sich nicht nur vorzustellen, was vielleicht einmal passieren wird, ob mit Luca oder mit seinem Zivi-Job. Er muss ein Gefühl für das richtige Maß bekommen, soll das Leben an sich spüren. Das könnte er von den Alten lernen, wenn er nicht zu vernagelt wäre. Daniels Gejammer hört erst auf, als er mehr Verantwortungsgefühl entdeckt. Er folgt seiner Lust, auch wenn er Leute verletzt und einiges schief läuft. Die Angst vor dem Leben darf nicht dazu führen, dass man gar nichts mehr versucht. Es gibt nichts zu bereuen.

Foto: Ottfilm



www.nichtsbereuen.de
Offizielle Website
www.wdr.de
Infos zum Film im Produktionsspiegel des Westdeutschen Rundfunks
www.filmakademie.de
Filmakademie Baden-Württemberg
www.imdb.de
Mehr über den Film in der Internet Movie Database
www.movieline.de
Mehr über den Film bei MovieLine




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