Pans Labyrinth

Ofelia rettet ihre Seele

Kinostart: 22.2.2007 | David Siems | Kommentar schreiben | Artikel drucken

Nachdem die Augen der Filmwelt in diesem Februar für zehn Tage auf die Berlinale gerichtet waren und vielerorts darüber spekuliert wurde, welche Länder gegenwärtig die innovativsten und spannendsten Filme produzieren, dürfte sich die träge Gewissheit einstellen, dass die Frage doch zu mühselig scheint, um eine passende Antwort zu finden. Eines ist da schon sicherer: Nach einem Festival, wenn die Filmwelt wieder zur Tagesordnung übergeht, geht der globale Fokus weg vom Kunstkino und schwenkt wieder auf die neuen Werke der Traumfabrik – massenkompatible Werke aus Hollywood. Umso beruhigender ist es, dass es momentan drei Regisseuren aus Mexiko gelingt, die Grenzen zwischen anspruchsvollen Arthaus- und konsensfähigen Blockbusterfilmen zu verwischen: Neben seinen Landsmännern Alejandro González Iñárritu ("Babel", 2006) und Alfonso Cuarón ("Children of Men", 2006) gehört vor allem Guillermo del Toro zu den mexikanischen Filmemachern, die Hollywood in den letzten Jahren gehörig aufgemischt haben. Mit dem zweiten Teil der "Blade"-Trilogie (2002) gelang ihm ein Achtungserfolg, doch spätestens seit der "Hellboy"-Verfilmung (2004) ist er in erster Linie bei Fantasy-Kreisen in aller Munde, die auch "Pans Labyrinth" mit größter Freude entgegengefiebert haben, denn dies ist ein Film über das Träumen und das Fantasieren.

Träume als Zuflucht

Spanien, 1944. Das kleine Mädchen Ofelia (Ivana Baquero) reist mit seiner schwangeren Mutter auf den geheimen Landsitz von General Francos faschistischen Schergen, die auch noch sechs Jahre nach dem offiziellen Ende des spanischen Bürgerkriegs in den Bergen Nordspaniens republikanische Rebellen jagen. Ausgerechnet der kaltblütige Capitán Vidal (Sergi López) ist dazu auserkoren, Ofelias neuer Stiefvater zu sein. Mit ungezügelter Brutalität und ohne Gnade lässt er all jene töten, die in seine Fänge geraten, selbst wenn diese nicht als Rebellen entlarvt wurden. Lediglich die Sorge um das Wohl des ungeborenen Sohnes scheinen die menschlichen Züge eines herzlosen Sadisten zu offenbaren. Doch selbst der Wunsch nach Vaterschaft bleibt nicht mehr als eine egoistische Antriebsfeder seines Handelns.
Erschrocken von der Kälte und Brutalität ihres Stiefvaters, flüchtet sich Ofelia in ihre Träume, die schon bald erstaunliche Gestalt annehmen. Im Garten entdeckt sie ein Labyrinth und den Zugang zu einer geheimen Fantasiewelt, die von schaurigen und wundersamen Fabelwesen bevölkert wird. Ein Faun mit geschwungenen Hörnern berichtet ihr, sie sei die verschollene Prinzessin des unterirdischen Königreiches und solle nun in ihre einstige Heimat zurückkehren. Nicht jedoch ohne zuvor drei Prüfungen abzulegen, die ihre wahre Identität untermauern sollen. Ofelia nimmt die Herausforderung an und trotzt dadurch den realen Ängsten ihres Lebens und dem Schrecken des Faschismus', der sie umgibt.

Faschismus als ultimativer Horror

"Pans Labyrinth" ist ein berauschender Märchenfilm für Erwachsene, der aufgrund so manch expliziter Gewaltszenen aber nicht für Kinderaugen gemacht ist. Del Toros wunderbar-unheimliche Fantasiewelt kontrastiert knallhart die faschistischen Gräueltaten: "Für mich repräsentiert der Faschismus den ultimativen Horror; aus diesem Grund ist er das ideale Thema, um ein Märchen für Erwachsene zu erzählen. Denn Faschismus ist vor allem eine Perversion der Unschuld, und daher auch der Kindheit. Für mich repräsentiert er so etwas wie den Tod der Seele, denn er zwingt dazu, qualvolle Entscheidungen zu treffen, die unauslöschliche Narben tief im Innersten derer zurücklassen, die ihn durchlebt haben. Daher ist das wirkliche 'Monster' in diesem Film Capitán Vidal – ein sehr reales Monster, verglichen mit denen, die im Labyrinth lauern. Faschismus verzehrt einen, Zentimeter für Zentimeter; nicht unbedingt physisch, aber ganz sicher auf geistiger Ebene."

Del Toros Film sollte man als Plädoyer für die Fantasie und den kindlichen Glauben an das Übersinnliche verstehen, dem sich die Kinozuschauer/innen wahrhaft nur schwer entziehen können. Ein Gothic-haftes Schauermärchen voller Schwermut und gleichzeitiger Hoffnung, ein düsteres Meisterwerk jenseits konventioneller Fantasy-Erzählungen. Sergi López als Capitán Vidal dürfte zweifelsohne zu den fiesesten Filmschurken des Jahres gehören. Selten hatte man solche Angst vor einem Faschisten im Kino. Besonders schaurig ist die Szene, als er sich nach einem Messerkampf die zerschnittene linke Gesichtshälfte wieder zusammennäht, natürlich ohne mit der Wimper zu zucken und ohne Betäubung. Der anschließend gestürzte Whiskey bahnt sich dennoch seinen Weg aus dem Inneren der Backe durch die Hautnaht nach draußen.

Guillermo del Toro wird der Spagat zwischen Kunst- und Konsenskino mit Sicherheit auch in Zukunft gelingen: Momentan steckt er in den Vorbereitungen zur "Hellboy"-Fortsetzung, doch im Anschluss kehrt er ein weiteres Mal zum spanischen Bürgerkrieg zurück. In "3993" geht es darum, Spanien am Ende des 20. Jahrhunderts mit Vorgängen zu verknüpfen, die 1939 stattfanden. Wir schließen die Augen und träumen bis dahin noch ein wenig weiter.

(El Laberinto del Fauno) Mexiko, Spanien, USA 2006, Buch und Regie: Guillermo del Toro, mit Ivana Baquero, Doug Jones, Sergi López, Ariadna Gil, Maribel Verdú, Álex Angulo, Roger Casamajor, Sebastián Haro, ab 16, Kinostart: 22. Februar 2007 bei Senator

Fotos: © Senator


David Siems lebt in Hamburg und ist Redaktionsleiter des Stadtmagazins hamburg:pur.


http://wwws.la.warnerbros.com/panslabyrinth
Website zum Film (spanisch)

www.panslabyrinth-film.de
Website zum Film (deutsch)

www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database

www.filmz.de
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