Princesas
Die geteilten Mädchen
Jenni Zylka | Kinostart: 4.1.2007
Julia Roberts spielte eine in "Pretty Woman" (1990). Jane Fonda spielte eine in "Klute" (1971). Gudrun Landgrebe in "Die flambierte Frau" (1983), Catherine Deneuve in "Belle de Jour" (1967), Miho Nikaido in "Tokio Dekadenz" (1992) und Greta Garbo in "Anna Christie" (1931). Filme über Prostituierte thematisieren üblicherweise die schwierige Grenze, die die im Milieu arbeitenden Frauen zwischen ihrem Berufs- und dem wahren Leben setzen müssen, und das, was bei einer Überschreitung dieser Grenze passieren kann: In Hollywoods Kitschwelt gibt es ein Happy End zwischen Hure und edlem Lieblingsfreier ("Pretty Woman"), im aufklärerisch-realistischen Kino der 1970er-Jahre das Zugeständnis, dennoch beschützt und respektiert werden zu wollen ("Klute"). Und bei einem Surrealisten wie Luis Buñuel wird die Fassade des Bürgerlichen erst eingerissen, dann lässt eine Tragödie die Wunsch-Servilität der Protagonistin wahr werden ("Belle de Jour").
Auf den Straßen von MadridDer junge spanische Regisseur Fernando León de Aranoa ("
Montags in der Sonne", 2002) erzählt die Geschichte der Prostituierten Caye als ein bittersüßes Märchen von Freundschaft, Sex und Geldnot. Sie seien sensibel wie Prinzessinnen, sagen die Mädchen, und folgerichtig verzweifeln die nach außen hin stark und selbstbewusst scheinende Caye und ihre Freundin Zulema an den Umständen: Caye lässt die Grenze zwischen Beruf und Privatleben brüchig werden und geht ihrer Arbeit sogar während des ersten richtigen Dates mit ihrem Schwarm Manuel nach: Sie lässt sich von einem ehemaligen Kunden zu einem Blowjob auf dem Klo überreden, während Manuel nichtsahnend im Restaurant auf sie wartet. Zulema, die illegal eingewanderte Schönheit aus der Dominikanischen Republik, hält ein Leben ohne ihren in der alten Heimat zurückgelassenen kleinen Sohn kaum aus und weint sich durch die seltenen Telefongespräche mit ihm.
Sinnlich und knallig inszeniert de Arona das tägliche Leben der spanischen Kokotten, das auf den ersten Blick bunt und sonnig wirkt, voller Witze, Vorurteile und Erfahrungen, die die Frauen, Freundinnen und Konkurrentinnen in ihrem Stamm-Friseursalon austauschen. In den Nächten stehen die Huren schön wie Elfen im Glitzerbikini auf dem Straßenstrich von Madrid, im Dunkeln leuchten ihre Körper sternengleich. Doch weil man Caye und ihr Leben kennen gelernt hat, weiß man, wie viel Ekel und Versteckspiel – vor ihrer Familie – sie auf sich nimmt, wie sehr sie sich ein Leben wünscht, in dem ein Märchenprinz sie von der "sauberen" Arbeit abholt und nicht für Sex bezahlt. Und man weiß von Zulemas Problemen mit der Aufenthaltsgenehmigung, für die sie sich sogar von einem Freier schlagen lässt mit der wackeligen Hoffnung, durch seine Hilfe bald endlich legal in Spanien leben zu können.
Träume von einem anderem Leben
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Vielleicht lässt sich Regisseur und Autor Fernando León de Aranoa manchmal etwas zu stark von seinem Prinzessinnen-Gedanken leiten: Oft erscheinen die Frauen zu gefangen, zu unmündig, zu sehr Opfer. Wieso muss Caye beim regelmäßigen Familienbesuch das stetig klingelnde und von ihr ignorierte Handy anlassen, das sie und die Zuschauer/innen immer wieder an die Realität ihres Lebens erinnern soll? Muss unbedingt ein zufälliger Vorstoß von Manuels Freunden dafür sorgen, dass sie ihre Profession nicht mehr vor ihm verheimlichen kann und ihr damit filmreif das mögliche Königreich zerstört wird? Und sind wirklich alle Frauen auf der Welt von Natur aus romantisch?
Wunderbar beiläufig ist dagegen die wachsende Freundschaft zwischen der – genau wie ihre Kolleginnen – latent fremdenfeindlichen Caye und der illegalen Immigrantin Zulema erklärt. Sie sind glücklich, sich gefunden zu haben, und sehen in der anderen einen Spiegel und eine poesiealbumartige Kumpanin für ihre Sehnsüchte und Wünsche: Zulema, die ihre Wohnung nur tagsüber nutzt und sie sich mit einer "illegalen" Familie teilt, die dort nächtigt, und die Fake-Fotos vom angeblichen Kneipenjob nach Hause zu Eltern und Sohn schickt. Caye, die regelmäßig ihre Mutter besucht, sie belügt und deren Tics, sich selbst Blumen zu schicken, belächelt.
Oft filmt de Arona seine Protagonistinnen nur aus der Ferne, lässt sie zwischen anderen Menschen herumlaufen, zeigt so ihre Verbundenheit und Isolation und gibt dem Film etwas Dokumentarisches: Im Gegensatz zu Julia Roberts als Prostituierte Vivian oder Gudrun Landgrebe als Hure Eva kommen Caye und Zulema direkt aus dem Leben. Trotzdem geht "Princesas" in einer Sache mit sämtlichen anderen Filmen über käuflichen Sex konform: Keine Frau, und vor allem keine Frauenseele, scheint einen solchen, in einigen Ländern (auch Deutschland) immerhin endlich legalisierten Beruf unbeschadet überstehen zu können ... Ob das stimmt?
Princesas, Spanien, Frankreich 2005, Buch und Regie: Fernando León de Aranoa, mit Candela Peña, Micaela Nevárez, Mariana Cordero, Llum Barrera, Violeta Pérez, Mónica Van Campen, Flora Álvarez, María Ballesteros, Alejandra Lorente, Kinostart: 4. Januar 2006 bei Piffl
Foto: Verleih
Jenni Zylka ist Geheimagentin und Buchautorin.
www.princesaslapelicula.com
Website zum Film (spanisch)
www.princesas-der-film.de
Website zum Film (deutsch)
www.imdb.de
Infos zum Film in der Internet Movie Database
www.filmz.de
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