
Film spielt mit Illusionen, lässt die Realität mit lautem Knall verschwinden, zaubert Stars aus dem Nichts, gaukelt Magie vor, wo doch das allermeiste technisch gemacht ist – eine einzige Trickkiste. In Christopher Nolans "Prestige" ist das alles nicht anders. Und doch steckt in dieser Geschichte zweier Londoner Magier, die sich gegenseitig die Tricks klauen, eine Menge Wahrheit. Damals, um die vorletzte Jahrhundertwende, waren Zauberer die Stars. Sie klauten sich ihre Tricks. Konkurrenz war das Zauberwort der Epoche, genau wie heute: Ausgerechnet in dieser Kinosaison musste "Prestige" in den USA gegen Neil Burgers "The Illusionist" (2006) antreten. Pure Magie, ein böser Fluch? Zumindest stellt sich die Frage, warum die Zauberei plötzlich Hochkonjunktur hat. Und was es eigentlich auf sich hat mit dem Zusammenhang von Magie und Film ...
Die großen Illusionen
Die große Zeit der Zauberkünstler fällt zusammen mit der Entstehung des Films. Zum Ende des 19. Jahrhunderts stahlen sich die alten und neuen Illusionisten auf den Jahrmärkten von London, Paris oder Wien gegenseitig die Zuschauer/innen, stillten den immer mächtigeren Hunger der Massen nach Sensation. Die wundersamen Lichtapparate der Kinotüftler folgten als die Nachfolger der geheimnisvollen Trickkisten der Gaukler. Wen wundert es, dass der Filmpionier Georges Méliès als Zauberkünstler begonnen hatte? Seine ersten Filmprojektionen hatte er im Théâtre Robert Houdin, benannt nach dem bekanntesten aller französischen Magier. Eigentlich wollte er mit dem neuen Medium nur seine Show aufpeppen. Am Ende blieb von der Zauberei nicht viel übrig. Vergessen die Storys etwa vom Illusionisten John Nevil Maskelyne, der im großen Stil Menschen in Kisten verschwinden ließ; oder vom Entfesslungskünstler Harry Houdini, der Detektive auf Spiritisten und Hellseher ansetzte, um sie als Scharlatane zu entlarven. Der Zauberboom der Zeit war ein Reflex auf das Ende von Romantik und Aufklärung, ein Kind der aufkommenden Naturwissenschaften genauso wie der damals modischen Esoterik, dem Glauben an das Übernatürliche. Der Film hat sie alle beerbt.
Seitdem haben Zauberer im Film kaum eine Rolle gespielt. Harry Potter, Gandalf oder Bibi Blocksberg – das sind Hexer und Hexen; ob sie nun als weise Rauschebärte auftreten oder als neunmalkluge Zauberlehrlinge. Der Unterschied ist fundamental: Zauberkünstler, Illusionisten und Taschenspieler aller Art treiben mit dem Okkulten lediglich ihr ironisches Spiel. Sie besitzen keine übernatürlichen Fähigkeiten – und behaupten das auch nicht. Für den Film sind sie damit uninteressant. Es war oben erwähnter Georges Méliès, der den so genannten Stopptrick erfand: ein Schnitt, und jeder Gegenstand verschwindet wie von Geisterhand. Das funktioniert nur live vor Publikum, mit Abrakadabra und rotem Tuch; auf der Leinwand ist der Verblüffungseffekt, nach ein paar Wiederholungen, doch eher mäßig.
Müde der miesen Tricks?
Viel lieber hat sich der Film einen Spaß daraus gemacht, die Bühnenmagier mit ihren beschränkten Fähigkeiten bloßzustellen, ihre Tricks – wie gemein, wie billig! – zu verraten. Woody Allen ist in "
Scoop" (2006) wohl einer der schlechtesten Zauberer aller Zeiten. In "Der Schein-Heilige" von 1993 spielte Steve Martin einen Wunderheiler und Gedankenleser, der sein Publikum mit versteckten Mikrophonen aushorcht. Selbst der mächtige "Zauberer von Oz" aus dem Jahr 1939 entpuppte sich schließlich als greises Männlein, das hinter dem Vorhang ein paar Hebel bedient. Und fast zwangsläufig baut auch die gesamte Dramaturgie von "Prestige" darauf, die Tricks der beiden Widersacher am Ende haarklein zu erklären – einer der vielen Schwachpunkte des Films.
Faszination ohne EndeZauberei und Film sind gewissermaßen Konkurrenzmedien, noch heute. Von Zeit zu Zeit müssen sie beim anderen spionieren, Erfolgsgeheimnisse erkunden und kopieren. Wer heute nach "Filmzauberern" sucht, stößt bald unweigerlich auf Steven Spielberg oder George Lucas mit seiner Effekte-Firma ILM,
Industrial Light & Magic. Hollywood ist eine kalte, elektronische, hoch technisierte Zauberindustrie, der nichts mehr unmöglich scheint. Harry Potters Zauberspektakel lassen sich überhaupt nur durch sie verwirklichen. Doch der Verblüffungseffekt ist mittlerweile gleich null. Wenn sich Spiderman durch Manhattan schwingt, weiß kein Mensch mehr: Ist das echt? Ein waghalsiger Stunt? Oder doch nur Computer? Und eigentlich ist es egal. Illusion und Wirklichkeit sind längst verschwommen. Da lobt man sich doch den Zauberer.
Alles auf Risiko!Denn die Zauberer sind die besseren Stuntmen. Sie befreien sich aus verschlossenen Wassertanks und zersägen Jungfrauen. Sie verblüffen mit Tricks, aber die Tricks sind echt. Das Auge will betrogen sein – es will aber auch wissen, dass es betrogen wird. Es will den Zeitpunkt erfassen, an dem die Wirklichkeit endet und die Illusion beginnt. Das ist der magische Moment, den es zu durchschauen gilt, was aber nie gelingt. Würde es gelingen, wäre der Zauberer spektakulär gescheitert. Diese Möglichkeit des Scheiterns hat er dem Film voraus. Seine Show gleicht dem Theater, das von seiner Unmittelbarkeit lebt, der schönsten Illusion von allen. Es ehrt den Film, dass er sich für diese elementaren Mechanismen wieder interessiert, ohne sie jemals wirklich verwenden zu können. Wenn man aus Filmen wie "Prestige" etwas lernen will, dann das: Um zu seiner alten Zauberkraft zu finden, müsste das Kino zumindest einen Teil seiner "übernatürlichen" Fähigkeiten abgeben, sich in die Karten gucken lassen, den Trick sichtbar machen, freilich ohne ihn zu erklären. Alles andere ist nur Trickserei.
Philipp Bühler schreibt Bücher über Filme.
Fotos: "The Prestige" / © Verleih
www.fism2009.org
Die Website der Zauberweltmeisterschaft in Peking
www.mzvd.de
Vereinigung zur
Pflege und Förderung der magischen Kunst in Deutschland
www.myvideo.de/watch/333557
Hier findest du ein buntes Potpourri der verqueren Zaubertricks.
www.manuelmuerte.com
Die Zeitschrift Australian Magic schreibt über den deutschen Zauberer:
"His magic is extremely refreshing and exiting to watch, while still being magically baffling."
Kommentare
Dein Kommentar